"nullsummenspiele" - logbuch eines kunstschaffenden
zwei schritte vor und zwei schritte zurück. zwei zur linken seite und zwei zur rechten.
wie immer und wo immer man schnell läuft, hat man gegenwind. selbst wenn man sich
bei windstille im kreis bewegt.
*
es ist schwierig, es ist sehr schwierig.
seit wochen nichts angefangen und nichts zuende gebracht.
die faulheit ist die fortsetzung meiner arbeitswut mit anderen mitteln.
*
von allen gedanken, über die ich buch führe, kommen viele zu kurz, während die ausführlichen
die unvollständigen bleiben.
was man über sich weiss, ist nicht unbedingt ein sicheres wissen über sich selbst. es ist zumeist
nur das bedürfnis nach wissen.
*
bei der berlin-biennale wird das publikum wieder vor der kunst gewarnt. eine tafel erklärte
neben einer video-installation, dass die gefühle und der sittliche anstand verletzt werden
könnten.
der stete fortschritt in der kunst: es wird dem auge immer mehr zugemutet. die pupille
schärft sich, der sehnerv wird geschwächt.
*
die allmacht des künstlers: er kann jede art der wahrnehmung augen- blicklich und jederzeit
verändern.
*
alltagsspuren: kopfdruck. halsschmerzen. luftdruckschwankungen.
heute bin ich ein seiltänzer, der auf einem imaginären donnerbalken wandelt.
*
"zwischen der vorstellung von lust und der lust selbst unterscheiden: sich auf zwei verschiedene
weisen auf sich selbst beziehen: seine lust vermehren."
(Franz-Josef Czernin)
*
vielleicht bin ich ein allesverwerter von alltagsblicken. meine gleichgültigkeit ist eine
wuchernde behauptung. durch sie verstehe ich mich nie.
*
gestern x. getroffen, der es inzwischen zu einigen beachteten ausstellungen gebracht
hat. es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn zu loben. die gerühmten wollen wie die
berühmtheit an sich getäuscht werden.
*
wann ist man ein künstler? vielleicht dann, wenn es schwer fällt, einer zu sein.
talent ist ein grosses hindernis für die kunst. es wird zu schnell mit erfolg belohnt.
*
o-ton von Gerhard Richter in einem film über Gerhard Richter: was ich über meine bilder
sagen kann, klingt allzu pathetisch. deshalb halte ich mich mit erklärungen zurück und male
lieber weiter.
*
enge der imagination, oh kränkende phantasie. bekennende zwänge einer verzehrenden
länge. je mehr man der illusion bedarf, desto scheinbarer erscheint alles scheinbare.
*
"lust ist alles. meisterwerke sind keine wiesenbenützungen. leidenschaftlichkeit ist talion.
witze sind inzeste. die moral ist ein kettenhadel."
(Walter Serner)
*
standby: immer mehr elektrische elektrische geräte (jetzt auch die zahnbürste, der
kühlschrank sowieso und das handy ab und zu) ohne aus-schalter in meiner wohnung. sie
beanspruchen laut statistik bundesweit bereits zwei atomkraftwerke.
*
heute sieben liter regen auf einen quadratmeter und nur ein tropfen homoeopathen-sonne.
*
alles, was man sich vorstellen kann, ist nichts im vergleich zu dem, was man sich nicht
vorstellen kann. die grenzen meiner phantasie sind meine indisposition.
*
"oft vergisst der träumer seinen traum. die ideen des stückes mensch waren nicht geeignet
für den geist des menschen."
(Henri Michaux)
*
ausserhalb meiner phantasie ist alles ganz anders. ein anderes licht, ein anderes wetter,
ein abgründiges grunzen, ein ständiges kopfschütteln, eine anhäufung von zumutungen,
ein...
*
to be continued
nichts langweiligeres als originell zu sein. es sei denn, man ist es wirklich und keiner bemerkt
es.
*
don't touch. - wie viele streicheleinheiten verträgt ein alter meister, bis seine gemälde
fadenscheinig werden?
in der kunst gibt es keinen haltbaren fortschritt. die zeit nutzt alles ab, sogar die genialen
arbeiten. was man auch über sie denken mag.
*
ignoramus et ignorabimus - wir wissen es nicht und wir werden es nicht wissen. denn es
sind nicht immer die kerzen, die auf den nägeln brennen, wie es auch nicht nicht immer
ein elefant sein muss, der einen porzellanladen besucht.
*
an schönen aussichten gibt es keinen mangel. es mangelt an aussichten.
der dröge sonntag manchmal schon mitten in der woche, wenn feiertag ist.
*
trivialerkenntnis: weil man sich ähnelt, ist man immer schon das, was man ist.