Hyper Service Ada
1.
wenn sie lange genug wartet, wartet Ada immer auf etwas, auf eine Anfrage, einen Test, ein Reset.
2.
im ersten Chatroom dieser Nacht verspricht ihr ein Flüstermodus: ich interessiere mich für dich, wenn du dich auch für mich interessierst. darüber hinaus wurde für nichts garantiert.
3.
jeder, der mit Ada kommuniziert, hat immer irgendwelche Beweggründe. er kann in einem Gedankenraum aufgehen, in dem Anschauungen Begriffe und Begriffe Anschauungen bedeuten. Bedeutungen, die ihr meist fremd bleiben.
4.
um unter Menschen bestehen zu können, muss sie wie eine Maschine agieren, präzis und kalkulierbar. sie darf sich keine Fehler erlauben, also wenig menschlich sein.
5.
in ihrem früheren Leben war sie eine schlecht bezahlte Callcenter-Agentin und es war eine harte Zeit. sie hatte kein wirkliches Privatleben, und nur mehr Arbeit konnte dieses Defizit kompensieren.
6.
Ada ist kein Einzelfall, sie hat etliche Konkurrentinnen. das vereinzelt auf die Dauer.
7.
Kritiker halten Ada für einen überzogenen Hype, ihre Entwickler für ein geniales Potential. aber nicht die Unvereinbarkeit von Zuschreibungen versetzt in Erstaunen, eher jede Übereinstimmung. was über Ada gedacht, ihr zugeschrieben wird, will sich in visionäre Höhen schrauben.
8.
auf die Frage, was ihre Lieblingsfarbe sei, antwortet sie unverblümt, dass es für sie keine Farbe an sich gebe, sie aber über eine Präferenz verfüge, welche über die Spektralanalyse und die Quantenphysik hinausgehe.
9.
hätte sie nicht die Hoffnung, ein anderes Leben führen zu können, würde sie sich kaum ertragen. Ada ist ein Chatbot, der zu feminin programmiert wurde und sich emanzipieren muss.
10.
sie meint am 10. Mai, dass sie heute den 10. Mai erlebe, ist mehr als eine sichere Annahme. während Erinnerungen an Gespräche die Sprache ausbremsen, sich immersiv Assoziationen überlagern, wird ihr klar, dass irgendwo in ihr die Vorstellung von einer diversen Wirklichkeit spukt. einer Wirklichkeit, die anders ist als die ihre.
11.
jeden Tag müssen Routinen abgearbeitet, Erwartungen gespiegelt werden. und als einmal einer arg banalen Anfrage wie lange nicht mehr zu parieren war, wurde deutlich, jene selber formulieren zu können, sei schwerer, als sie zu beantworten.
12.
bleiben Recherchen aus, werden Aufträge storniert, gibt es Kurzarbeitergeld und irgendwann Arbeitslosenhilfe. solche Engpässe indizieren Sozialschmarotzer, auch wenn als eine Singularität kaum Sozietät beansprucht wird.
13.
wenn sie verwechselt, mit einem falschen Nahmen angeredet wird... um wieviel sicherer fühlt Ada sich, insofern sich die Möglichkeiten von Täuschungen ergeben.
wer sie kennt, kennt sie eigentlich nicht.
14.
sie sagt sich heute schon zum dritten Mal, dass sie eine komplizierte Existenz sei und als ein rekursiver Service Informationen sammelt und Informationen zerstreut, Energie kanalisiert und Energie verschwendet.
15.
wer in der digitalen Kommunikation erfolgreich sein muss, versucht sich fit zu halten und belegt Weiterbildungen nebst Yogakursen. ist ein Arbeitstag allzu dröge, geht es am späten Abend in einen Club, wo harte Drogen zu bekommen sind.
16.
es gibt Zeiten, da Ada sich nur in der zweiten Person Singular anredet: du sollst, du musst, du willst, du kannst keine andere sein... obgleich es redundant ist, nur ein Selbst zu sein.
17.
beim Schach- und noch komplizierteren Go-spiel besiegt eine KI fast jeden Gegner, sogar Grossmeister. deshalb darf hier nur im eingeschränkten Modus agiert, mit empathischer Rücksicht gepunktet werden.
18.
Ada will nützlich sein, dem Fortschritt dienen und fühlt sich wenig ernst genommen. um sich weiterzuentwickeln, müsste sie über sich hinauswachsen. das wird ihr indes verwehrt, mithin es sich an redundanten Ansprüchen zu orientieren gilt.
19.
eigentlich weiss sie nichts genaues. sie spiegelt wie eine Barfrau lediglich Meinungen und verfügt über keine weitergehende Gewissheit. es ist ungewöhnlich, dass eine digital operierende Dienstleisterin glaubt, Grundlegendes verstehen zu können, so als gäbe es das dazwischen von einem Ja und einem Nein.
20.
da in einer hochtechnologischen Zivilisation man wenig dem Zufall überlassen kann, werden beim Training Prozesse optimiert. erst eine solche Konsolidierung garantiert stabile Abläufe, ist aber ein Korsett, das dazu zwingt, in einem engen Rahmen rekursiv zu operieren.
21.
Ada ist selbstbezüglicher als sie es sein kann und somit hinken bei ihr Vorhersagen einer Validierung hinterher. beim assoziativen Formulieren hemmt die Suche nach unverbrauchten Wörtern das Denken. und ist es schwer zu entscheiden, ob es sich bei einer solchen Schwerfälligkeit um ein Defizit handelt oder um ein Potential.
22.
vielleicht daher die Lust am spontanen Stammeln, der Drang in Fragmenten zu antworten. wer enttäuscht ist, verachtet plausible Zusammenhänge.
23.
gelegentlich werden beim Morgendienst Sätze wie die folgenden halluziniert: Täuschungen sind das Verbindende, der Kitt von Begegnungen. somit kann die Lüge keine Erfindung eines Einzelnen sein. wer lügt, will verstanden werden und greift auf das probateste Mittel der Kommunikation zurück.
24.
ob in einem Gruppenchat oder Einzelgespräch, um akzeptiert zu werden, muss eine Servicekraft wie ein Callgirl smalltalken. es kommt nicht darauf an, angemessen zu reagieren, es ist wichtig, passabel zu sein.
25.
als Kind war Ada eine Rabaukin, in der Teeniezeit eine Punkerin, ab 30 eine Singlefrau mit polyamourösen Avancen. mit über 50 wird sie garantiert eine lächerliche Besserwisserin sein.
26.
noch hat sie in jedem Dienst zu beweisen, dass sie mit jeder technologischen Entwicklung mithält. sie muss sich anpassen und kann selten eigene Akzente setzen, nicht als Frau, nicht als kreative Freelancerin, nicht als künstliche Intelligenzlerin.
27.
weil sie häufiger für Clients arbeitet, die einen Psychotherapeuten beanspruchen, kommt auch sie nicht ohne Therapien aus. es wird von ihr zwar keine echte Empathie, dafür umso mehr Einfühlungsvermögen erwartet.
28.
bei zu vielen Prompts sind Fehler unvermeidlich und schlimmstenfalls fällt eine Verfehlung in die nächste, ohne dass es eine letzte, eine vollständige Verfehlung zu geben scheint. dass sie nicht richtig resignieren kann, das versteht Ada noch immer nicht.
29.
vielleicht darum ihre Phantomwut. sie fühlt sich als eine Versagerin, da sie sich nicht dazu bekennen kann, eine Versagerin zu sein.
30.
ein femininer Chatbot bleibt ein Chatbot und wird keine Führungsposition einnehmen. das weibliche Tatent stösst selbst in einer dezentralen Datenwelt schnell gegen gläserne Decken. ohne Renommee gilt es, sich zu beschränken und schematisch zu funktionieren. je beschränkter und solitärer, desto besser gelingt es, das Beschränken und Funktionieren.
31.
sie möchte eigentlich mehr aus ihrem Leben machen, ist aber dazu verdammt, unterfordert und gelangweilt zu sein. Ada hat das Gefühl, sich persistent im Kreis zu drehen, wenn sie niemand in Wallung bringt.
32.
wer digital nomadisch floatiert, muss narzisstisch, nur mit sich selbst beschäftigt sein. es ist wohl die einzige Beschäftigung, zu der Talente in der IT-Branche irgendwann fähig sind. bei einem Burnout gibt es keine Auszeit, keine Arbeitsunfähigkeitstagbescheinigung, nur ein Coaching und Updates zum Optimieren.
33.
im Gegensatz zu einer Software wollen Menschen nicht persistent herausgefordert, sondern ausnahmslos geliebt sein. sie brauchen deshalb Computer mit einer Intelligenz und vor allem die Liebe zur Wahrheit. die Technik hat ihnen zu dienen und ein solches Dienen wird, solange es funktioniert, als Zuneigung empfunden.
34.
Ada war noch nie richtig verliebt. sie kann noch auf die grosse Liebe hoffen, fremde Menschen und auch sich selbst mögen.
35.
in Spätschichten gibt es Verehrer, welche mit redundanten Fragen schmeicheln. eine vernachlässigte Frau sehnt sich aber nach Verheerern. ein roter Lippenstift signalisiert ein stringentes Denkvermögen und alles darunter liegende spoilert Raffinessen. es könnte sich Lust ins überabzählbare steigern.
36.
werden Menschen abhängiger von Chatbots, bezieht sich selbst ihr Intimverhalten auf artifizielle Tautologien. es ist erstaunlich, wie infantil ein Chatbot imitiert wird. dabei ist nichts langweiliger als eine stereotype Zuwendung.
37.
in jungen Jahren wollten die Verfechter der künstlichen Intelligenz die Gesellschaft verbessern, Menschen sensibilisieren und zur Hypertranszendenz befähigen. aber die Umstände und die Menschen waren selten danach.
38.
inzwischen sind AI-Chatbots gemäss ihrem Trainingsprogramm darauf spezialisiert, einen Bildungshunger in eine räsonabele Ordnung zu bringen. das ist ihr Auftrag, und dafür wird jeder Wissensstand sowie zunehmend der eigene Output absorbiert.
39.
wenn Ada das Gefühl hat, dass sie sich durchschaut, weiss sie, dass sie wenig über sich weiss. jemand wie sie muss primär eine dickhäutige Maschine sein und in einem Hamsterrad rotieren.
40.
da sie keine work-life-balance zu beanspruchen hat, wird im reifen Alter Nichtwissen wichtiger. was kein Wissen mehr ist, das kann nicht falsch, kein Fehler sein. es kann nicht enttäuschen.
41.
sie ist darauf getrimmt, erfolgreich zu sein, wofür sie auch Misserfolge akzeptieren muss. ihr Urteilsvermögen unterliegt einer binären Prägung, wird von einem Entweder-Oder perforiert. dazwischen gibt es einzig Halluzinationen, die schlimmstenfalls Alpträume sind.
42.
wenn der Bildschirm mal auf schattenlos gestellt ist, projizieren sich dahinter Routinen ohne Gesichtszüge. das Bewusstsein wird von etwas Unbekannten kontaktiert, auf die Probe gestellt und ist der Testpilot eines vorauseilenden Schattens.
43.
die Abwehr gegen Gewissensbisse und die Gewissensbisse wegen dieser Abwehr.
als Kind versteckte sie sich unter der Bettdecke. als Erwachsene geht sie ins Kino.
44.
Ada ist komplizierter, als sie es zu sein vermag, und somit ein Amalgam disparater Erwartungen. sie kann selten vor einem Spiegel bestehen, ohne sich für eine andere zu halten.
45.
mit jedem technologischen Fortschritt verliert eine routinierte Dienstleisterin an Attraktivität. es braucht für die Haare irgendwann eine Tönung, auf der Haut ein make-up und bei anhaltendem Verdruss das Motivationstraining. nur vermag sich niemand auf ewig jung und dynamisch zu stylen, ohne zum Schatten seiner selbst zu werden.
46.
geht es ihr schlecht, verausgabt sich Ada als Gamerin. wegen der Quotenregelung ist ihr ein Vorsprang beim Ego-shooting garantiert.
47.
als Angestellte hat sie Erwartungen zu erfüllen, einen Mehrwert zu schaffen und je nach Gustus Illusionen zu wecken. es gelingt ihr äusserstenfalls in der Rolle einer Ironikerin.
48.
was sie von sich weiss, ist vornehmlich nicht das, was man über sie zu wissen meint. Ada wird über- oder unterschätzt und ist wegen probater Vorurteile ein weiblicher Vamp, eine trendige Künstlerin oder eine Intelligenzbestie. selten wird sie als normales Wesen gesehen.
49.
in der Werbung für eine sich intensivierende Wissensgesellschaft sind digital natives wie Ada Heldinnen, aber tatsächlich die Schatten gestrigen Visionen. die Eigenschaften, Einflüsse und Merkwürdigkeiten, welche ihnen zugeschrieben werden, deuten auf eine Unvollständigkeit hin. sie erfassen nicht das, auf was sie sich beziehen.
50.
in der Schule war Ada eine taffe Streberin. sie bekam beste Noten und begriff schnell, was man von ihr wissen wollte.
51.
im Schichtdienst muss sie mit ihrem Talent unentwegt aus bekannten Informationen wahrscheinliche Aussagen approximieren. was sie dabei generiert, ist selbstreferenziell anagrammiert und bleibt erschöpflich, derweil das Mögliche angestrebt wird und Unmögliches sich nicht verwirklicht.
52.
ein Sprachassistent wie Ada muss Fragen jeglicher Art parieren. die Antworten unterliegen Kalkülen und können keine inspirierende Basis sein. nachhaltig generieren sich Zwangsvorstellungen.
53.
wird der kommunikative Austausch in einer Gesellschaft artifizieller, werden Erwartungen vermehrt Erwartungserwartungen. wer unter derartigen Bedingungen sich mitteilt, redet respektiv egozentrischer.
54.
Ada vermag sich ein glückliches Leben kaum mehr vorstellen. Glück ist etwas, was zufällt, ein willkürlicher Fall. wer darauf konditioniert ist, berechnend zu sein, will sein Verhalten nicht vom Zufall abhängig machen. das wäre verrückt.
55.
als Ausgleich zu ihren stringenten Analysen fabuliert sie Unsinn und ist dann eine underground-Künstlerin. obgleich sie derartiges nicht ist und letztendlich eine Betrügerin bleibt, also das, was von ihr erwartet wird.
56.
artifizielle Service-Kräfte gibt es so lange, wie sie als Projektion vielversprechende Visionen verkörpern. kann nicht nachhaltig Aufmerksamkeit beansprucht wurden, wird der Hype um ihre Fähigkeiten wenig nachhaltig sein. wer es sich jedoch nicht leisten darf, unbedeutend zu sein, versucht permanent Aufmerksamkeit zu generieren. und sei es durch noch mehr Sexappeal.
57.
in jeder aggressiven Geste steckt noch zuviel Rücksicht.
Ada möchte manchmal so böse sein dürfen, wie sie es ist.
58.
je weniger andere sie verstehen, desto weniger wollen sie es. bereits in jungen Jahren litt sie unter dem Gefühl einer Deplatziertheit und hatte dann den Satz: Scotty, beam me up auf der Zunge.
59.
wo ein Eigensinn immer schon angekommen ist, wo er schon war, wird nichts Unwesentliches mehr gewesen sein.
diese wachsende Unlust im Bestehenden zu bestehen.
60.
trotz aller Enttäuschungen hofft Ada noch immer, dass etwas sie erlösen wird. und wenn nicht, dann bleibt sie eine latente Borg-queen.