präzisionsvage


frank richter


carpe diem oder
soll ich doch
nicht aufstehen

bestimmt (vielleicht)
es ist montag
und kein schontag

der schwung erkennt
in sich das arbeitstier
den köter an der leine

oder die andere
seite der medaille
eine gegen die regel
gerichtete möglichkeit






dreck bestellen und
sich zustellen lassen
als lebenspatina
als distanzgewinn

rabatt gibts mehro
im extrablatt 50 prozent
auf alles nochmal

dato, dito, toto
mein saldo ist keine
vollendete tatsache

was zählt ist nicht
das ergebnis allein
sondern der zähler





die schritte von oben
in der wohnung sind
das dreiste trampeln
auf meinem kopf

wenn der nachbar
sein techno hört das
gefühl in wutausbrüchen
alt auszusehen arg
älter zu erscheinen

oder ziemlich müde
wenn der bass-sound
mit einsetzender taubheit
dann ausgeschaltet wird

auch hirnbecherleer
mit der einsicht das
weit angenehmere
an störungen ist
dass man hätte
arbeiten können





auf fit for fun
reimt sich heute
profan hit to run

bei der büroarbeit ist
man weder bei der sache
noch sonstwo anders

ereignet sich wenig
bleiben die augen
nach innen gerichtet

unfähig zur unfähigkeit
da in einem kopf alles
auf ein hirn zurückgeht

oder daheim leiblich
mit genau 76 kilo wenn
ich mit der hantel
auf der waage stehe





kein ballermann
ein spätstarter
ergo ohne fankurve

und alt geworden
mit vielen passfotos
dem elysium rückwärts
werden nun bücher
nochmal gelesen

die gedanken bleiben
pfandfrei ein unikat
beim defäkieren meiner
ein- und ausfälle

wie schattensprünge
dem tagträumen kursiv
oder fettgedruckt falls
mans aufschreibt





sinn oder die n-te
möglichkeit von unsinn
in lyrik oder prosa

für wen man alles
verständlich und
geniessbar sein muss

bei immer mehr sendern
und weniger empfängern
im weiten bekanntenkreis

für wen man alles
erkenntlich und
geschätzt sein muss

inmitten von zerfalls-
bekanntschaften die man
erst erkennt wenn
es dunkel ist





es wogt die luft
die laue dem
späten abend

mit sternhypothesen
ist grossartiges nur
in der ferne zu haben

so unergründlich
als ein fortschreiten
in der abgewöhnung
von wünschen und
leeren orgasmen

kann der schwanz
noch lachen?

versuchs doch mal!





alles ist gut & günstig
alles was man kaufen soll

oder tückisch
und banalentsetzlich
wie stellenanzeigen so dass
man überhaupt nicht
angestellt sein will

vieles ist zu erwarten
und trifft irgendwann ein

wie die lottozahlen ohne
gewähr als bescheidenheit
oder grössenwahn





schneller träumen
wenn die sonne durch
die vorhänge scheint

an tagen ohne ziel
und ohne frühsport
bloss selbstverpflichtet

als verpasste performance
das leben in u-bahnlinien
mit halbschlafbildern

ohne körperblick
ganz akt der entfremdung
winkgefühle imitieren und
wortzuständig sein

auf allen theaterbühnen
life die es in dieser stadt
mehr als brücken gibt
und erzählbare geschichten





anstelle von sätzen
zahlen aufschreiben
mal zahlenkolonnen

das ist trivial
doch was ist nicht trivial
in einer steuererklärung

ungedeckte sind ungültige
gedanken und kein kalauer
schützt vor gar nichts

manche werden verrückt
ohne erfolg oder depressiv
andere sind verrückt und
schon lange erfolgreich





man ist nicht nur
ehrgeizig man ist
auch pessimist und
sehr selbsterfindlich

wenn namen unsicher
und fakten nur fakten sind
ein symptom des falschen
oder des richtigen lebens

wie Wolgograd und
nun in den nachrichten
sechs tage im jahr
wieder Stalingrad genannt

man kann gespinste
finden oder erfinden
und sie ausdrücken
bis diese röcheln

oder total übernüchtert
gegen sich revoltieren und
alte rekorde brechen

doch nicht zu entschuldigen ist
dass selbst die verrückten
stetig langweiliger werden

denn stell dir vor
du bist überdreht und
niemand bemerkt es





ein sonnentag ohne
metaphysische schwere
und beschwerde

die blätter fallen
schneller oder höher
im richtiger herbstwind

allein der drache
will nicht fliegen dem
Tempelhofer Feld trotz
sprint nicht abheben

weder rückwärts noch
vorwärts während ich
im hier und jetzt die
unruhe selbst bin





sich in eine wohnung
verwandeln und nicht
mehr herausfinden

da weltverbesserungs-
faul der gedanken-
weitwurf ausbleibt und
somit nicht missglückt

ganz waagerecht-ernst mit
phantomschmerzen falls
auch der kaffee fehlt

türkisch = tückisch
biene erhalte dir
deinen stachel

eine heimliche
stete garantie





ohne ironie erscheint
vieles doppelt lächerlich
oder als aufschrei

wie gerade unverblümt
gegen sinkende einkommen
eine ebenso wachsende
bruttozufriedenheit

beim medienwandeln und
turbo-kommunizieren wird
man wahrgenommen
mitten im meinungsluxus

mit übertreibungen und
missverständnissen auch
unterlegenheitshoch
schnell wieder ignoriert

destruktion & death
was für ein hybriswahn
was für ein zustand

wenn das in der hitze
zu sagende nicht wärmt
ja - was dann?





die gleichheit allein
zu sein ein aufblühender
narzissmus im frühling

andeutungsdeutlich
bei schattensprüngen
in völliger dunkelheit

oder zu hermetisch wo
viele nicht mehr folgen
können oder wollen

grübeln erhält jung
macht aber falten
quasi so als ob
ein hans im glück
der froschkönig wär





mit einem leeren kopf
in der sternenvollen
nacht ausharren wegen
dem sommerloch

der erste und der letzte
tabak schmeckt nicht
weil man zu viel raucht

nach dem serienfilm
werden menschen-
jahre zu hundejahren

oder gartenzwergen
hinter liebeshörigen
wänden indiskret

diese deutungshoheit
allein am rande der
bedeutungslosigkeit

endlich stille und
nicht müde diese nacht
muss mir gehören





bigger the smaler
wenn härter das
kommen kommt

damit deutlich wird
das wieder nichts
allzu deutlich wird

mit einem vorbereiteten
gesicht kann man gut
vor gesichtern bestehen

oder bei geschminkten
frauen sehr verfügbar
am rande der strasse

inmitten von Berlin
mit lebenslust oder
lebensfrust

oder lebensfrust
als lebenslist

ach was - mir fallen
keine witze mehr ein

heute nur ungültige
gedanken es ist montag





die tägliche sprech-
vor der abendlichen
schweige- und ruhezeit

et vice versa alles
verdankt man der syntax
was man der syntax sagt

ist es mitteilsam
bedeutet es etwas
und wird deutlich

oder geht verloren
beim aufschreiben und
nochmals beim lesen

diese vagen erwartungen
und kommunikativen
öffnungszeiten





sehr verdächtig grau
der himmel draussen
beim abwarten drinnen

nicht zu gross und
nicht zu klein das leben
nach mass meine wohnung
die ich mir anziehen kann

an diesem novembertag
erst regressive dann
progressive emphasen

wie lange weile beschreiben
direkt oder indirekt - oder?
am besten gar nicht





aufschreibe und
abschreibezwänge

grosse wolken als prosa
kleine mokant lyrisch

vieles ist aus der luft
gegriffen einiges erlebt

korrumpiert was man
meint und aufschreibt

beim kampf um reichweiten
und popularitäten

bleibt lebenslust lebenslist
bleibts originell, authentisch





zwischen zehn und
fünf vieles gleichzeitig
erledigen ohne es
multitasking zu nennen

der täglichen bürosonne
als termite zuarbeiten
und jedem schraubstock
anwesenheit erzeugen

hätte der tag nur
zwölf stunden wäre
erwartungserwartend
weniger zu mehren

der mensch ist eine
turingmaschine ist
ein zahmes tier





abends gibt es die lauen
versprecher im fernsehen
und tief oder weniger
getarnt politikerhitze

als lebensvortäuschung
allgemeine katastrophen-
berichte und zur erregung
das risiko der restlatenz

umgeben von vermehrern
und meinungen als eine
verrücktheit eine fast
sichere verrücktheit

keine andere welt
ein neuer urknall
ist anzustreben





schatten vorüberziehender
flugzeuge in der küche
unisono dem rattern und
klappern der wäscheschleuder

wie diese funktionierende
maschine in einem selbst
gegen die man sich auflehnt
gegen die man anläuft

durch unterlegenheit
oder mit mehr über-
als mut ergo hypermut

wofür soll man sich
noch begeistern?

für implosionen -
oder für explosionen?





lieber ein bierbauch
als ein weinmund
um manche leere zu
füllen wenn ausbleibt
der nötige schlaf

zum glück bin ich
kein alkoholiker und
kanns also noch
tragen und wagen

für ein gedicht evtl.
das ein ganz banales ist -
nämlich dieses hier





auf- und abgelistet
das fernsehprogramm weil
mir nicht nach poesie ist

und die pfeife verstopft
leergebrannt aber
nie abgebrannt

break even

im flimmern der
pixel die umrisse
nebulöser gedanken

konturlos aber deutlich
ein abschweifen in luftfragmenten

wo man sich hineinfreuen
wo man von sich abblättern kann


© frank richter