nullsummenspiele


logbuch eines kunstschaffenden

alltagsspuren: ich leide seit tagen an einer müdigkeit, die mich nicht zur ruhe kommen lässt. einzig engel haben wohl bei vollmond einen festen schlaf. sie sehen immer so gesund aus.
 

selbstportät als Carnegiea gigantea - als ein drei meter hoher kaktus mit einem stolzen alter von 45 jahren.
 

what you think is not what you see. denn manche kunst kann alles und nichts bedeuten. nur der augenblick in meinem blick bleibt der grund für meinen augenblick.
 

zu meiner arbeitsweise: es gibt herrliche ablenkungsmanöver (fernsehen, duschen, müll runterbringen), es liegen möglich- keiten der stimulation vor (schokolade, coitieren, schach spielen), es wird bei flauten getrickst (bücher lesen, kataloge durchblättern, aufräumen) und es gilt last not least die devise: wenn heute nicht, dann vielleicht morgen oder übermorgen.
 

"meine malerei ist nicht revolutionär. wozu soll ich mir die illusion machen, dass sie kämpferisch ist."
Frida Kahlo
 

nicht einmal träume können noch überraschen, visionen ja schon lange nicht mehr. was für ein fortschritt, wenn man in der kunst ohne das unheimliche auskommt.
 

kein grund zum aufhören, und kein grund zum weitermachen.
an manchen tagen bin ich einfach zu träge, um richtig faul zu sein.
 

und immer noch die frage, wie es den weitergehen soll?
gegen plan A hilft plan B, gegen plan B plan C oder plan D. und irgendwann hat man automatisch das soll übererfüllt.
 

die feinen unterschiede: viel bildende kunst macht auf die
dauer gebildete menschen eingebildet und sensible menschen neurotisch.
 

wer erfolgreich ist, hat grund genug es zu sein. die geförderte kultur ist eine sanktionierte mesalliance.
 

ein flüstermodus versprach mir gerade: wenn dir das gefällt, was mir gefällt, dann wird mir auch das gefallen, was dir gefällt.
darüber hinaus wurde aber für nichts garantiert.
 

ich verstehe das unwesen des kunstbetriebs, bin aber, da ich mich manchmal auch ausstelle und profiliere, ebenso ein teil in jenem betrieb. so bleibt nur die erkenntnis: nicht das system an sich, sondern seine varianten produzieren ständig ideale, die nicht in einem erforderlichen idealismus aufgehen.
 

eine illusion lässt sich bloss mit einer anderen illusion wider- legen. die einbildungskraft schöpft aus ihren eigenen anlagen, sie generiert immerwährend sich selbst.
vielleicht ist deshalb ihre reichweite so begrenzt.
 

die kommende revolte gegen die spasskultur. ich kann nicht mehr an sie glauben und bin deshalb enttäuscht von ihr.
 

inspiration ist voraussicht.
voraussicht ist absicht.
absicht führt zur langeweile.
und die mündet irgendwann in gleichgültigkeit.
das insistieren auf ein selbstbestimmtes leben. bloss um die eigenen gewohnheiten zu verteidigen?
 

der umwelt zuliebe gibt es nun pfandflaschen und -dosen. die rückgabe wird zum big business für die discounter, wenn sie ausbleibt. und zur conditio sine qua non für sammler, weil sie wegen steigender lebenshaltungskosten damit ihr existenz-minimum aufbessern müssen.
 

seit einiger zeit nur noch denkfragmente, nichts als denk- fragmente in meinen notizbüchern. und sterne in unklaren nächten wie vergessene stars im show-business.
 

wer weiss noch, wer Marsyas war? und wer kennt noch seine wild herausfordernden gesänge?
Apollon hat auf ganzer linie gesiegt.
 

spruch aus dem internet: was aufgeschrieben wird, wird bald vergessen. denn was man vergessen hat, kann man vergessen.
 

ich sehe in letzter zeit nur freaks auf den strassen, die immer älter werden. die jungen jahrgänge kneifen sattsam gestylt in dieser hinsicht.
 

der plausiblen teilung der landschaft in vier himmelsrichtungen wie der einleuchtende einteilung des neuen testaments in vier evangelien steht noch immer das völlige unverständnis einer vierdimensionalität des raumes gegenüber.
die unbekannten gebiete des normalen. alles ist wichtig. es sei denn nicht.
 

als künstler muss man sich in der philosophie, in den natur-wissenschaften, im marketing und in der buchhaltung bestens auskennen. ansonsten kann man überhaupt nicht mehr in diesem beruf bestehen.
 

das anhaltende gefühl mein eigener angestellter zu sein. und wegen potentieller kopf- und rückenschmerzen auch die gewerkschaft dazu.
 

trotz wachsendem köchelverzeichnis nur noch alle zwei, drei jahre eine ausstellungsbeteiligung. meine kunst braucht wegen mangelnder beziehungen zu professionellen galerien ihre zeit.
 

wer nicht gelobt und ausgezeichnet wird, kann machen, was er will. selbst wenn er es eigentlich nicht will.
 

ist man an einem persönlichen tiefpunkt angekommen, beginnt man sich wieder nach sinnstiftenden zusammenhängen zu sehnen. das leben kann in solchen momenten ein roman von Thomas Pynchon sein, in dem man sich eine verschwörungs- theorie hineinlesen muss.
 

lieber nichts als gar nichts meinen.
hinter einem tiefen gedanken wartet oft ein grosses gelächter. doch wie selten denkt man tief.
 

das verfallsdatum mancher einfälle.
die pro-mille der vollen und die no-mille der leeren flasche.
gemessen an meinen lebenserfahrungen sind meine arbeiten banal. oder ist es umgekehrt?
 

was ich schon lange einmal ganz sine ira et studio aufschreiben wollte: wer etwas zu sagen hat, muss nicht gleichfalls auf sich hören.
 

könnte man nicht die bilder der anderen malen, könnte man keine eigenen bilder malen. ohne erschlichene originalität hält es keiner lange in der kunst aus. authentizität allein reicht nicht.
 

"nichts geht verloren. selbst die George Sand ist bewahrt worden, in Dostojewski."
Elias Canetti
 

zu viel gewogenes und zu viel für zu leicht befundenes.
seitdem berge nicht mehr zu den propheten kommen, sind verhängnisvolle erdbeben seltener geworden.
 

alltagsspuren: keine termine, keine besonderen vorkommnisse. ich spiele deshalb räuberschach gegen mich selbst.