mikado als symptom


(eine vage klarstellung)

"Etwas wird ein Anderes, aber das Andere ist selbst ein Etwas, also wird es gleichfalls ein Anderes, und so fort ins Unendliche."

Hegel, Enzyklopädie


das Einfache ist für Menschen wie mich komplizierter als richtig Vertracktes. obwohl ich mich mit hyperdimensionalen Räumen lange beschäftigt habe und in ihren Labyrinthen bestens navigieren kann, fällt mir die alltäglich urbane Ausrichtung schwer. wo nur zwei Koordinatenachsen vorliegen, verirre ich mich garantiert. ich verwechsle links mit rechts und weiss ohne Karte spätestens nach der dritten Kreuzung nicht, wo hinten und vorn liegen. in einer fremden Stadt muss ich dann nach dem Weg fragen. in relativ bekannten wie Hannover und Dresden, wo ich eine Zeit lang Freunde besuchte, ebenso, da ich nie allein unterwegs war, sondern überall blind mitgelatscht bin. sogar als Berliner verlaufe ich mich in manchen Kiezen. es ändert sich zu vieles und ist nicht mehr vertraut, besonders im Osten, wo ständig Häuser saniert und die Bewohner gegen Zuzügler ausgetauscht werden.
ich kann mir Wege nicht merken, so dass Umwege stets einzuplanen sind. bereits als Kind verirrte ich mich häufig beim Pilzesuchen. ich wollte die besten finden und zog getrennt von der Familie los. in einem grossen Kiefernwald vor Guben, der in ein Militärgelände mündete, hat es mich einst besonders arg abgetrieben. ich stiess auf die leckeren Braunkappen und verlor, als ich sie nacheinander erntete, die Orientierung. überhastet wählte ich die falsche Richtung und rannte, in der Hoffnung mich an den Hinweg zu erinnern, kreuzweise hier- und dorthin. irgendwann erreichte ich Kieswege, die von frischen Panzerspuren zermalen waren. verzweifelt wusste ich weder ein noch aus. zum Glück traf ich einen Mann, der meinen Stiefvater kannte und mir anbot, mich in seinem Jeep zu unserem Auto, das er bemerkt hatte, zurückzufahren. somit traf ich rechtzeitig mit einem vollen Pilzkorb bei meiner Familie ein. mein Verlaufen blieb leider nicht unbemerkt, nachdem meine Eltern den netten Helfer später trafen und alles von ihm erfuhren.
mitunter ist es aber eine schickliche Fügung, nicht zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. man ist sich dessen nur nicht gleich bewusst und deshalb wird es erst im Nachhinein klar. als Journalist mäanderte ich mal hilflos mit einem Trabant entlang zahlreicher Tagebaue von einem Werksgelände zum nächsten, um eine Pressekonferenz zu erreichen, über die ich ausführlichst einen Bericht schreiben sollte. auf meiner Odyssee begegnete ich auch einem redseligen Gewerkschafter, der mir nicht nur den rechten Weg wies, sondern ebenso wichtige Internas offenbarte. mit jenem Hintergrundwissen erschien ich kurz vor dem Ende bei der gesuchten Veranstaltung und brachte sie mit kritischen Fragen zum Abbau von Arbeitsplätzen und geplanten Einsparungen bei Rekultivierungen in eine andere Richtung. meine Verirrung bekam ihre Rechtfertigung, so wie vieles im Leben nachträglich einen Sinn erhält oder erhalten muss. derweil es nicht immer klappt mit dem Auslegen und Aufwiegen von Missverständnissen, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass mich mein schlechter Orientierungssinn dermaleinst in eine andere Welt führt. in eine Welt, die mir wohlgesinnter begegnet und in der ich häufiger am rechten Ort sein darf.