mikado als symptom


(eine vage klarstellung)

"Die Umstände sind das Übliche, Gewohnheiten, Regeln, Etikette, Konventionen, alles das, was fraglos und fortwährend mitgeschleppt wird."

Hannes Böhringer


das Dasein ist kein einfaches hier und da sein, wenn man allzu freigesetzt nach Zielen sucht. obwohl ich mich mit hyperdimensionalen Räumen lange beschäftigt habe und in ihren Labyrinthen bestens navigieren kann, fällt mir die profane Ausrichtung schwer. wo nur zwei Koordinatenachsen vorliegen, verirre ich mich garantiert. mein Richtungssinn verwechselt links mit rechts und weiss ohne Karte spätestens nach der dritten Kreuzung nicht, wo hinten und vorn liegen. in einer fremden Stadt ist dann der Weg zu erfragen. in relativ bekannten wie Hannover und Dresden, wo eine Zeit lang Freunde besucht wurden, ebenso, da ich nie allein unterwegs war, sondern überall blind mitgelatscht bin. sogar im heimatlichen Berlin verlaufe ich mich in manchen Kiezen. es ändert sich zu vieles und ist nicht mehr vertraut, besonders im Osten, wo fortwährend Häuser saniert und die Bewohner gegen Zuzügler ausgetauscht werden.
ich kann mir Wege nicht merken, so dass Umwege stets einzuplanen sind und bei wilden Landausflügen besonders abenteuerliche. bereits als Kind verirrte ich mich beim Pilzesuchen, da ich die besten finden wollte und getrennt von der Familie loszog. in einem grossen Kiefernwald vor Guben, der in ein Militärgelände mündete, hat es mich einst ziemlich arg abgetrieben. ich stiess auf die leckeren Braunkappen und verlor, als ich sie nacheinander erntete, die Orientierung. überhastet wählte ich die falsche Richtung und rannte, in der Hoffnung mich an den Hinweg zu erinnern, kreuzweise hier- und dorthin. irgendwann erreichte ich Kieswege, die von frischen Panzerspuren zermalen waren. verzweifelt wusste ich weder ein noch aus. zum Glück traf ich einen Mann, der meinen Stiefvater kannte und mir anbot, mich in seinem Jeep zu unserem Auto, das er bemerkt hatte, zurückzufahren. somit traf ich rechtzeitig mit einem vollen Pilzkorb bei meiner Familie ein. mein Verlaufen blieb leider nicht unbemerkt, nachdem meine Eltern den netten Helfer später trafen und alles von ihm erfuhren.
mitunter ist es aber eine schickliche Fügung, nicht zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. man ist sich dessen nur nicht gleich bewusst und deshalb wird es erst im Nachhinein klar. als Journalist mäanderte ich mal hilflos mit einem Trabant entlang zahlreicher Tagebaue von einem Werksgelände zum nächsten, um eine Pressekonferenz zu erreichen, über die ich ausführlichst einen Bericht schreiben sollte. auf meiner Odyssee begegnete ich auch einem redseligen Gewerkschafter, der mir wichtige Interna über seinen Arbeitgeber offenbarte. mit jenem Hintergrundwissen erschien ich noch rechtzeitig genug auf der gesuchten Veranstaltung, um mit einem Nachfragen zum Abbau von Arbeitsplätzen und geplanten Einsparungen bei Rekultivierungen einen lebhaften Wortwechsel auszulösen. meine Verirrung bekam ihre Rechtfertigung, so wie vieles im Leben nachträglich einen Sinn erhält oder erhalten muss. derweil es nicht immer klappt mit dem Auslegen und Aufwiegen von Missverständnissen, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass mich mein schlechter Orientierungssinn dermaleinst in eine andere Welt führt. in eine Welt, die mir wohlgesinnter begegnet und in der ich häufiger am rechten Ort sein darf.