nullsummenspiele


logbuch eines kunstschaffenden

heute keine wolkenschau, da es ununterbrochen regnet. meine wohnung ist mein bleiben in ihr, und viele bücher belles tristes ein lesen in ihnen.
 

satz aus dem fernseher: wer keinen vogel hat, hat ein leeres nest im kopf.
 

terpentinriechende genrebilder steigen wieder im kurs, während die genres ständig wechseln.
kunstmessen sind aktienpakete, deren inhalte ausgetauscht, vertauscht oder bloss vorgetäuscht werden.
 

was teuer ist, muss gut sein. und so ist manche gut verkaufte kunst immerhin ein placebo.
 

ständig eine nötige korrektur. was mich gestern noch begeisterte, ist mir heute bereits peinlich. und je mehr schnitzer man findet, desto mehr übersieht man auch.
 

vom verdruss angestäubt. von woher kommen in manchen herbsttagen die dunklen wolken?
man muss den drachen gegen den wind steigen lassen. selbst Goethe hat schon irgendwo aufgeschrieben, dass nichts unangenehmer sei als eine schlechte laune.
 

kann es die idee von einem omnipräsenten Gott ohne Hiob geben? auf jeden fall einen Hiob ohne Gott - insofern menschen schon am morgen von profanen mieterhöhungen überrascht werden.
 

in gesprächen mit mir selbst bin ich mir stets überlegen. ich kann wie der schreiber Bartleby von etwas überzeugt sein und es gleichzeitig ablehnen.
doch ausserhalb solcher monologe ist jene freiheit schwerlich aufrecht zu halten. man kann alles sagen, weil man alles sagen kann.
 

ich brauche zum arbeiten ein inspirierendes sprungbrett. zahlreiche ausstellungen sind also weiterhin zu besuchen, um feststellen zu können, dass nicht vieles, aber immerhin doch einiges noch fehlt.
 

demütigend ist die vorstellung, wonach das beste in der kunst auf intuition, auf einer genialen eingebung beruhe. ich berufe mich mit einer durschschnittsbegabung lieber auf das zufällige, das allem zugrunde liegt, und dann noch auf meine ordnungs- liebe, die den zufall mit fleiss bekämpft.
 

ohne ideen, ohne ambitionen keine selbstentäusserung.
welch eine genugtuung, wenn mir nach tagelangem grübeln nichts bedeutendes einfallen muss.
 

das wichtigste sind erwartungen. kann man sie nicht erfüllen, muss man andere erwartungen erfinden. wie in der werbung.
 

was man an einem völlig verregneten sonntag mit einem licht- schalter alles anstellen kann. man kann ihn immer wieder drücken. so lange bis er oder die deckenlampe aufgibt, damit es nicht mehr nervt.
 

müsste man sich mit dem begnügen, was einem wirklich wichtig ist, würde man sich bald verachten.
der zustand der selbstzufriedenheit ist so aussergewöhnlich, dass er wohl einzig von den selbstzufriedenen erreicht werden kann.
 

der anhaltende verdacht: es sind die falschen leute, denen man folgt.
mehr zu sich selber mit sich selbst reden. das hilft eventuell.
 

wie man überholt wird, ohne eingeholt zu werden. man wird zunehmend ignoriert oder gar nicht mehr wahrgenommen.
 

die vielen spinnen in meiner wohnung. sie harren aus und warten so beharrlich auf einen fang in ihren verstaubenden netzen, bis sie irgendwann vertrocknen.
 

wenn es nicht die illusion gäbe, ein anderes leben führen zu können, wäre es kaum zu ertragen.
man ist zum glück und sub specie aeternitatis zur verwandlung fähig. doch wie man immer wieder in sich hineinfällt...
 

"hinaufkommen muss man, sich durchsetzen muss man, ein theater haben muss man, seine eigenen stücke aufführen muss mann, dann wird man weitersehen."
Brecht
 

es ist ein grosses problem, dass der mensch nicht richtig zaubern kann. seitdem keine hexen mehr verbrannt werden, glaubt niemand mehr an die möglichkeit von wunder.
 

wer lange genug wartet, wartet irgendwann auf irgendetwas bestimmtes.
meine heimlichen wünsche, über die ich weder schweigen noch sprechen kann.
 

es braucht viele gewohnheiten, um sich im ungewohnten zu bewegen. aber gewohnheiten bedeuten auch das ende der lust auf ein neues. man wird von der behaglichkeit verführt, beim sammeln von büchern, bildern, rezensionen und anderen zeitungsausschnitten. bald ist man so weit, dass der wechsel von mondphasen angestaunt wird.
nein, niemals.
 

wie gross ist die angst vor gescheiterten existenzen. fast jeder reagiert sofort mit mitleid. der schnorrer auf der strasse bekommt deshalb kleingeld, der politiker wählerstimmen und ein künstler manchmal ein stipendium.
 

"ich kann mir nicht jeden tag ein ohr abschneiden. hier den van Gogh machen, den Mozart da. ist ja sowieso schon anstrengend genug, dass man immer wieder überprüfen muss, was man eigentlich tut!"
Martin Kippenberger
 

interessante künstler sind selbstgerecht, eitel, vorlaut, besserwisserisch, intolerant, schnell verletzbar... und ihre freunde sind treue freunde. es ist erstaunlich, was sie aushalten.
 

alle jahre wieder ein reset, d.h. einen neustart wagen.
aber kann man, wenn man seine defizite kennt, sich über sie hinwegsetzen? wenn es eine faszinierende erkenntnis gibt, so ist es in dieser hinsicht sicherlich die der enttäuschung.
 

deutschland sucht noch seinen superstar, seit monaten in einer sendung mit wachsender einschaltquote. aber nur, weil man sich gern über peinliche epigonen und naive hochstapler lustig macht.
 

es ist der sprosser und nicht die nachtigall, der jeden sommer liebende gemüter anrührt.
wir kaum ornithologisch bewanderten kennen bloss amsel, drossel, fink und star, aber nicht die ganze vogelschar.
 

anamnese: rückblicke auf die kindheit, als braune strümpfe noch wärmer waren als kurze.
 

dass die buchhandlung meiner jungendjahre und bildungs- träume seit der deutschdeutschen wiedervereinigung nicht mehr "Jenny Marx", sondern ganz profan "Heron" heisst, ist nicht zu verzeihen.
 

manchmal habe ich erst um mitternacht einen einfall. heute aber nicht.
man muss vorsichtig mit dem denken sein, wenn man alles aufschreiben kann.
 

"wer nicht böse sein kann - kann der wirklich tief sein?"
Christian Morgenstern
 

mein ururururururururururururur...urgrossvater war Kain und nicht Abel.
an vielversprechenden tagen verabrede ich mich lieber auswärts mit mir selbst.
 

mein staubaufkommen in allen ecken, diese anhäufung von müll und unlust.
mein oikos, der in immer kleineren abständen zu einer nötigung anwächst.
 

im radio vermehrt mainstream-musik à la der beste mix of. und im kulturradio, der letzten bastion des bildungsbürgers, jetzt wegen der quote nur noch kurze sätze vom klassischen reper- toire. so weit ist es mit der ehrfurcht vor der kunst gekommen. muss ich unverhofft meine wohnung verlassen, brauche ich wohl kein schlechtes gewissen haben, wenn ich bereits nach einer Wagner-ouvertüre ausschalte.
 

in einer prosperierenden konsumgesellschaft muss man dinge empfehlen, die es noch gar nicht gibt.
z.b. hypertatsachen.
 

vergriffe des jahres: notglücklich, harmwut, erfolgsverdünnung, nanostop, zukunftsalt, lebensabstriche, ausgangsleer, still-schreitend, präzisionsvage, umstandsweisheit.