"nullsummenspiele" - logbuch eines kunstschaffenden
zwei schritte vor und zwei schritte zurück. zwei zur linken seite und zwei zur rechten.
wie immer und wo immer man schnell läuft, hat man gegenwind. selbst wenn man sich
bei windstille im kreis bewegt.
*
nichts ist trügerischer als das bewusstsein, etwas erreicht zu haben. schon im nächsten
moment kann sich wie bei einem wetterumsturz aus nichtheiterem himmel wieder die sonne
melden und all meinen bemühungen die innere überzeugung ausblenden.
*
was soll ich in tunesien? was in sri lanka oder etwa auf mallorca? warum soll ich mich dem
service von pauschalen landschaften aussetzen? belagern in diesem sommer noch mehr
touristen berlin, bleibt der ernüchternde wedding meine diaspora nachhause.
*
"alle bestehenden dinge sind nur dazu da, damit wir lernen, ohne sie auszukommen
(fertig zu werden)."
Max Beckmann im Februar 1937
*
es ist schwierig, es ist sehr schwierig.
seit wochen nichts angefangen und nichts zuende gebracht.
die faulheit ist die fortsetzung meiner arbeitswut mit anderen mitteln.
*
von allen gedanken, über die ich buch führe, kommen viele zu kurz, während die ausführlichen
die unvollständigen bleiben.
was man über sich weiss, ist nicht notwendig eine selbsterkenntnis. es ist zumeist nur das
bedürfnis nach wissen.
*
kasseldokumenta, venedigbiennale und münsterskulpturenpark. der drang nach immer mehr
bildender kunst in diesem sommer. ein masochistisches bedürfnis lässt sich nicht besser
befriedigen.
*
der typische ausstellungsbesucher: veni, vidi, cucurri.
nur noch ein publikum für meine arbeiten akzeptieren, dass meine arbeiten nicht akzpetiert.
so entgeht man dem lob langweilender ignoranten.
*
soll ich diesem von bildern und buchstaben verstopftem zeitgeist noch weitere texte
und bilder hinzufügen?
ein misstrauen, das sich nicht zerstreuen lässt: ein flugzeug, das nie landen wird.
jeder zweifel ist eine scharade.
*
vielleicht bin ich ein allesverwerter von alltagsblicken. meine gleichgültigkeit ist eine
wuchernde behauptung. durch sie verstehe ich mich nie.
*
o-ton von Gerhard Richter in einem film über Gerhard Richter: was ich über meine bilder
sagen kann, klingt allzu pathetisch. deshalb halte ich mich mit erklärungen zurück und male
lieber weiter.
*
"lust ist alles. meisterwerke sind keine wiesenbenützungen. leidenschaftlichkeit ist talion.
witze sind inzeste. die moral ist ein kettenhadel."
(Walter Serner)
*
gestern x. getroffen, der es inzwischen zu einigen beachteten ausstellungen gebracht
hat. es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn zu loben. die gerühmten wollen wie die
berühmtheit an sich getäuscht werden.
*
wann ist man ein künstler? vielleicht dann, wenn es schwer fällt, einer zu sein.
talent ist ein grosses hindernis für die kunst. es wird zu schnell mit erfolg belohnt.
*
standby: immer mehr elektrische elektrische geräte (jetzt auch die zahnbürste, der
kühlschrank sowieso und das handy ab und zu) ohne aus-schalter in meiner wohnung. sie
beanspruchen laut statistik bundesweit bereits zwei atomkraftwerke.
*
wenn man am nächtlichen himmel eine sternschnuppe sieht, sollte man einmal laut sagen,
was man sich nicht wünscht. damit man ab und zu sichergehen kann, dass
wenigstens nicht alles in erfüllung geht.
*
heute sieben liter regen auf einen quadratmeter und nur ein tropfen homoeopathen-sonne.
*
alles, was man sich vorstellen kann, ist nichts im vergleich zu dem, was man sich nicht
vorstellen kann. die grenzen meiner phantasie sind meine indisposition.
*
"oft vergisst der träumer seinen traum. die ideen des stückes mensch waren nicht geeignet
für den geist des menschen."
(Henri Michaux)
*
ausserhalb meiner phantasie ist alles ganz anders. ein anderes licht, ein anderes wetter,
ein abgründiges grunzen, ein ständiges kopfschütteln, eine anhäufung von zumutungen,
ein...
*
to be continued
nichts langweiligeres als originell zu sein. es sei dann, man ist es wirklich und keiner bemerkt
es.
*
alltagsspuren: ich muss noch schnell neuen clan-tabak kaufen, bevor sich alles in rauch
auflöst.
*
don't touch. - wie viele streicheleinheiten verträgt ein alter meister, bis seine gemälde
fadenscheinig werden?
in der kunst gibt es keinen haltbaren fortschritt. die zeit nutzt alles ab, sogar die genialen
arbeiten. was man auch über sie denken mag.
*
wieder endet ein jahr der geldknappheit und des standhaltens. das nächste wird mich nur
mit einer gehörigen abfindung los. ansonsten verweigere ich wie die allzu selbstbewusste
zarin im russischen märchen den wechsel.