vita portfolia


(eine versuchte selbstheit)

"Der Mensch ist im wörtlichsten Sinne ein zoon politikon, nicht nur ein geselliges Tier, sondern auch ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann."

Karl Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie


warum denn aufstehen, jeden Morgen aufstehen, wenn der Himmel bläut? mein nächtliches Schlafen ist seit langem ein dahindämmerndes Dösen mit vielen quälenden Fragen. es stellt sich selten ein erlösendes Nichts in den morpheusschen Topografien ein. abgelebt aufgehobene Vergangenheiten assoziieren mich in eine beständige Unruhe, wenn skrupellose Erinnerungen unkontrollierbare Bild- und Sprachfetzen mit- oder gegeneinander verweben. sie nehmen keine Rücksicht auf Verständlichkeit, sie mäandern mit omnipotenten Höhenflügen in einer virtuellen Wahrhaftigkeit. und je mehr sich dabei Zurückliegendes als ein Gewordensein aufdrängt, desto mehr geraten Raum und Zeit durcheinander. sie sind keine Standorte, keine Ordnungen mehr, sondern hyperdimensionale Unordnungen. schonungslos erratisch drückt sich mit ihnen aus, was ohne die Vermittlung von Inhalt und Form, ohne Anfang und Ende zu sich selbst redet. in einer nächtlichen Polyphonie spriessen die Gedanken überbordend treibend und übersteigen als ungeschriebene Meisterwerke den gesunden Menschenverstand. davon muss sich erst einmal, bevor er sich auf tribiale Ordnungen einstimmt, der Kopf erholen.
warum also aufstehen? es ist weit und breit kein Festkomitee zu sehen. niemand will mich nach der nächtlichen Denkarbeit in die Arme nehmen. bloss ein kreischendes Tönen der Vögel im Hinterhof kann trotz Ohrstöpsel nicht ignoriert werden. der frühe Morgen meint es ernst und duldet keinen Aufschub. er besteht darauf, dass ich mich ins sinnfällig Gemeine einfüge. mit Toastbrot nebst schwarzen Tee (vielleicht gibt es im Kühlschrank noch ein Ei) ist das gewohnte Widerspiel aufzunehmen. der grübelnde Mensch ist eines Schattens Traum und wird im täglichen Einerlei eingeholt, ohne je wirklich überholt zu werden. er muss unaufhörlich Geboten folgen, für andere einsichtig und geniessbar sein, ob er es vermag oder nicht. die Welt des Erwachten ist eine andere als die seiner Träume, und nicht unbedingt eine begehrenswert bessere. sie kann bereits am frühen Morgen, ganz unvorbereitet mit einer profanen Mieterhöhung im Briefkasten überraschen.
warum also immer aufstehen, wenn der Himmel bläut? und warum beständig diese Wahnvorstellung, man könne wieder neu anfangen, ganz von vorne beginnen? warum nach jedem Schlaf diese Lüge. eine Fledermaus schlummert täglich 20 Stunden, eine Katze mindestens 16 und der Mensch darf es höchstens acht. das ist für jemanden wie mich, der seit seiner Kindheit sein Wollen nur im Horizont der Träume aushalten kann, als Rückzug zu wenig. als müsste man nach allem nächtlichen Phantasieren gefunden werden, erfindet man sich jeden Morgen eine Folge von Eröffnungen, die einen mit einem Gähnen und Wähnen allmählich installieren. so lange jedenfalls, bis man ganz in sich hineinkommt und das Lächeln sitzt. es kann einzig mit einem bereiten Gesicht inmitten von bereiten Gesichtern bestehen. für die Tagesfron ist Zuversicht vonnöten, denn wer weiss schon, ob das, was sich im Vertikalen einstellt, wohlgefällig und verständnisvoll ist.