vita portfolia


(eine versuchte selbstheit)

"Der Mensch ist im wörtlichsten Sinne ein zoon politikon, nicht nur ein geselliges Tier, sondern auch ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann."

Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie


mancher Anfang fällt in einer Weltenferne ungemein bescheiden aus. des Lebens Lauf beginnt dann vielleicht wie bei mir ganz überschaubar und separiert an einem kleinen Grenzfluss, wo man zwischen Plattenbauten, verfallenen Fabrikvillen und einer Stadtkirche ohne Turm selten auf Menschen trifft und wenn doch, meist auf solche, die nicht viel von ihrem Umfeld erwarteten. trotz seiner Einbettung in eine disparate Landschaft mit Wäldern und Seen kann so ein Ursprung nur ein Hort der Langeweile sein. und wenn sein Name despektierliche Assoziationen auslöst und überhaupt nicht zu einer Kreisstadt passt, muss in amtlichen Formularen stets die Region mit angegeben und Forst (Lausitz) als Geburtsort geschrieben werden.
zwei Generationen zuvor war man noch als Forster ziemlich bekannt, man lebte im deutschen Manchester. 290 Textilfabriken produzierten gemusterte Stoffe, wochentäglich verkehrte eine Werkstrassenbahn und es wurde Modernes im bürgerlichen Stil der neuen Sachlichkeit gebaut. nach dem zweiten Weltkrieg blieb davon wenig übrig. die urbane Idylle war zu 90 Prozent zerstört und lag plötzlich an der polnischen Grenze ohne einen passierbaren Übergang. gleichwohl hat diese Kleinstadt, in der ich einige Jahre meiner Kindheit verbrachte, rückblickend meinem Dasein einen prägenden Antrieb gegeben. in unbeschwerter Einsamkeit konnten sich hier Träume entfalten, die zu Sehnsüchten auf Grosses heranwuchsen. die weite Ferne war in jener Abgeschiedenheit verinnerlicht nah, während das tatsächlich Naheliegende nicht störend ablenkte. ich malte mir frei vom Zeitgeist eine Zukunft aus, wie sie mir gefiel. vieles schien möglich und aussichtsvoll, wie später nie wieder beim Tagträumen. fünf Kinos, die mit einem internationalen Programm wohldosiert die Welt auf Leinwänden zeigten, relativierten dies kaum.
wer es geschafft hat, meine heimelige Geburtsstadt rechtzeitig zu verlassen, der hat es zu etwas geschafft, weil er sich in Ruhe vorbereiten konnte und hoch motiviert war. ich bin im Laufe der Jahre einigen ehemaligen Forstern begegnet, denen nach ihrem Weggang eine Karriere glückte, ob als Politiker, Radsportler, Geschäftsmann oder schriftstellernder Psychotherapeut. sie konnten in ihrer Kindheit fleissig ihre Traumrunden drehen, ohne das Gefühl zu haben, Entscheidendes zu verpassen. diese Unbeschwertheit durfte aber nicht zu einem Dauerzustand gerinnen. denn wer nicht den Absprung schaffte, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen Enge und Aussichtslosigkeit ein phlegmatischer Routinier oder sogar frühreifer Rentner, von denen es immer schon in Forst zu viele gab. seit der Wiedervereinigung führt das geruhsame Dasein zu noch mehr Einförmigkeit, da sich der Trend des Niedergangs schleichend verstärkt. jeder Fünfte zieht weg, um irgendwo anders ein neues Leben anzufangen, und es werden erste Mietshäuser am Marktplatz abgerissen. weil weniger Kinder geboren werden, obwohl man ausreichend Zeit und Platz für sie hätte, lässt die Abwanderung Demographen Schreckliches erahnen.