vita portfolia


(eine versuchte selbstheit)

"Der Mensch ist im wörtlichsten Sinne ein zoon politikon, nicht nur ein geselliges Tier, sondern auch ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann."

Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie


keine Macht den Doofen. oder keine Macht den Drogen, wie es einst auf Plastiktüten zu lesen war, welche man in Westberliner Apotheken für seine Arznei bekam. die Warnung richtete sich gegen den Heroin-Ersatzstoff Methadon, den Süchtige auf Rezept bezogen. für Apotheker, die Junkies nicht als Kundschaft sympathisch finden, war dies ein Affront. sie sollten ihren Stoff lieber von den in der Stadt allgegenwärtigen Dealern beziehen und die softeren Wochenend-Konsumenten Designer-Pillen in den Clubs oder nächtlichen Parks. wer justament bei späten Geselligkeiten gut drauf sein will, findet hier auch heute noch seine aufputschenden Hilfsmitteln und beim gemeinsame Kiffen ein heimeliges Gemeinschaftsgefühl. es wird dann ungebührlich sinniert, albern gelacht und die Hemmschwelle sinkt genauso flink wie das Niveau.
mein sozialer Hintergrund bevorzugte für jenen Zustand ausnahmslos den Alkohol. er wurde je nach Anlass ausreichend konsumiert. man bekam zu jeder Gelegenheit sein Gläschen: im Betrieb, in der Familie und bei Feten. es wurde in der Pause, zur Feier des Urlaubs, nach Prämien oder, um sich in den Feierabend einzustimmen, getrunken. ein Grund fand sich immer. Hochprozentiges war überall erhältlich und auch in den Kneipen recht billig. als unterfinanzierter Lehrling konnte ich mir jeden zweiten Abend zum Diskutieren oder Schachspielen bis zu drei Bier leisten und zwischendurch den obligatorischen Klaren. man hob die Gläser gemeinsam, denn es wurden Saalrunden spendiert, und mancher soff mehr, als er vertragen konnte. nach der Umstellung auf den Euro wurde das gesellige Bier abrupt teurer und schmeckte deshalb als Gezapftes kaum noch, lediglich in homöopathischen Zügen oder im gewohnten Mass daheim aus der Flasche.
meine liebsten Drogen waren zeitlebens dicke Bücher. mit ihnen habe ich mich intensiv berauscht und selbst bei unverträglichen Placebos keine Ernüchterung erlitten. wie der Opiumraucher entflieht der Vielleser seiner konkreten Umgebung und taucht in eine andere Welt ein, welche stets eine bessere oder interessantere ist. in der DDR war es aufwendig, sich den nötigen Stoff zu beschaffen. regelmässig mussten viele Buchläden frequentiert werden, da es bei Lizenzausgaben höchstens ein Exemplar in die Verkaufsregale schaffte. die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss und eine dreibändige Bachmann-Ausgabe habe ich mit dieser Ausdauer erstehen können. ebenso mühsam wurde Nietzsches Zarathustra in einem Antiquariat gefunden. nach der Wiedervereinigung war es einfacher, an die gewünschte Lektüre heranzukommen. man verkauft sie zudem spottbillig als Remittende oder zu Dumpingpreisen auf Trödelmärkten. die tägliche Dosis Literatur erhöhte sich bei mir gravierend, es galt schliesslich einiges aufzuholen. die Folgen sind mittlerweile Nackenverspannungen, Rückenschmerzen und ein zeitweises Augenjucken. das andauernd intensive Lesen gefährdet die Gesundheit und beeinträchtigt das soziale Verhalten. vor allem, wenn im Bekanntenkreis sich niemand für literarische Entdeckungen erwärmen kann. Bücher sind dann die wahren und einzig verbleibenden Freunde.