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(ein investigativer rückblick)

"ja, manchmal war es ihm, als könne das Erwachen schon Einschlafen bedeuten. er fühlte mehrere Male deutlich, dass die Station, die seine Blicke nahmen, nicht dicht bei Gegenständen lagen, sondern im Undeutlichen Ungefähren daneben..."

Dieter Roth, Das Original


wenn ich als junger Bastler etwas austüfftelte, dann war rot blau und plus minus. ich musste es mir derartig merken und durfte Drähte, wenn sie mit dem Lötkolben fixiert wurden, keinesfalls verwechseln. bald wurde es jedoch während meiner Praktika in einem Fernmeldeamt überkomplex bunt. hier gab es nicht nur farbige, sondern für hunderte Verbindungen noch verschiedentlich gemusterte Drähte. dementsprechend grossflächig lagen Schaltpläne für die Orientierung vor. mit ihnen sollte eine Technik, die ziemlich museal ratterte und klapperte, gewartet werden. unzählige Relais-Spulen mit verwickelten Gegeninduktionen steuerten das Telefonieren. was derzeit mikrokleine Schalter in einem Prozessor-Chip erledigen, wurde weiträumig mit unzähligen Hebdrehwählern mechanisch vollbracht. sie waren andauernd zu reparieren oder, falls Ersatzteile fehlten, rigoros abzuschalten. der schlechte Zustand der Anlagen überredete zu zahlreichen Kaffee-Pausen. die angestellten Techniker konnten sich stets mit unlösbaren Problemen herausreden und der Chef akzeptierte es wohl oder übel, da er selbst wenig Ahnung hatte und selten Ersatzteile zu organisieren verstand.
in solch einem Milieu sollte ich das Arbeiten erlernen, um als zukünftiger Ingenieur die sozialistische Produktion voranzutreiben. meine Mutter wollte nicht, dass ich trotz Einser-Zensurenschnitt auf ein Gymnasium kam (Erweiterte Oberschule hiess das damals). ich hatte in die Lehre zu gehen und sollte ihr nicht lange auf der Tasche liegen. mein leiblicher Vater, der bis zu meinem Erwerbsleben Alimente zu zahlen hatte, riet mir gleichfalls von einem Studium ab. als Kompromiss wurde eine Berufsausbildung mit Abitur vereinbart und konnte erst nach mehreren Bewerbungen, als jemand kurzfristig absprang, in Schwerin beginnen. viele hatten diese Ausbildung mit dem kombinierten Gymnasialabschluss unfreiwillig gewählt, da ihr Zeugnis nicht für besseres reichte. ich war einer der wenigen technisch vorgebildeten und jemand, der sich für den Beruf wirklich interessierte. bereits in jungen Jahren hatte ich mir mit einem Freund vom Nachbareingang eine Telefonverbindung zusammengebastelt und später eine Lichtorgel, mit der ich als Diskjockey in der Schule auftrumpfte. in meiner Klasse war ich jedoch am Ende der einzige, der nicht das Fach Nachrichtentechnik studierte. ich entschied mich, um ein passionierter Tüftler bleiben zu können, für den steinigen Weg der freien Kunst.
meine einstigen Klassenkameraden haben alle die geradlinige Karriere gewählt und sind nach ihrem Studium mit einem sicheren Lohn beim Telefondienst auf Lebenszeit gelandet. auch ein Freund, der unbedingt Schauspieler werden wollte und dafür das Talent hatte, strandete hier. so verkehren sich die Ansprüche, wenn das Bequeme und Zweckdienliche gewählt wird. als die Ausnahme von der Regel verzichtete ich nach bestandenem Abitur auf ein Studium und ging eigene brotlose Wege. in den Augen meiner Mitschüler bin ich ein Exot geblieben. bei Klassentreffen sorge ich für reichlich Gesprächsstoff und werde unisono bemitleidet. ich weiss, warum ich trotz minniglicher Einladungen diesen Zusammenkünften fern bleibe.