scheitern(hoch)x


notizen in neoliberalen zeiten

was meint man, wenn man sagt: erfahrungen sind lediglich einbildungen?
 

nachts um halb drei nur noch endlose katastrophenschleifen, billiger callcentersex oder last-minute-paradiese... weil mir nicht nach büchern ist, zappe ich mich durch zig fernsehkanäle und lande stets in einer verpixelten leere.
 

wo niederlagen folgenlos bleiben und siege nichts mehr ändern, sehnt man sich danach zu verkommen.
doch es ist leichter, für einen versager gehalten zu werden, als einer zu sein.
 

gehen und weitergehen, so lange bis man ganz in sich hineinkommt.
verwahrlosung als distanzgewinn. als distinktion.
 

immer öfter Ja sagen und dabei die arme verschränken.
auch du hast als aussenseiter die chance, deine chancen nicht zu nutzen.
 

"bei grösster hitze sich mit einem noch heisseren getränk den schlund verbrennen, so wie man bei einer schürfung am finger sich dicht daneben in die haut kneift, um sich noch mehr wehzutun. die unannehmlichkeit kommt dann nur noch von einem selber."
Henry de Montherlant
 

woran lässt sich radikalität messen?
an vermessenheit? oder am folgenden gelächter?
 

machtausübung durch gebeichtete niederlagen: die meisten fehlschläge bekommen die grösste aufmerksamkeit. im fernsehen zeigen sie nach "star-search" nun eine SCHEITER-SCHAU. wer seinen ehrgeiz aufgegeben hat, darf sich etwas darauf einbilden. er kann hier seine eitelkeit spreizen.
 

Kafkas hungerkünstler wollte nicht bewundert werden. er hungerte, weil er unfähig war, die richtige speise zu finden.
 

es gibt immer weniger freie menschen in dieser stadt, immer mehr freigesetzte.
kann man sich selbstbewusst positionieren, stellt sich früher oder später die furcht vor einer bauchlandung ein. und so lange man in seinem leben immer noch einmal mehr aufgestanden ist, wird es wohl so bleiben.
 

eine indignation hat ständig recht, da sie alles und nichts beweist. nur ist es nicht jedem gegeben, ein melancholiker zu sein oder gar unter depressionen zu leiden. das ende einer illusion führt oft zu ironischen ansichten.
 

der letzte wirklich traurige mensch ist vielleicht Fernando Pessoa gewesen. alle nach ihm geborenen können nur simulanten sein.
 

unsichtbar werden oder lieber einfach davonlaufen.
es gibt so viele menschen, denen man ihre einsamkeit gar nicht mehr ansieht. sie lächeln zu viel.
 

im jahr der schicksalswahl das rituelle politikerduell: in jeder provokation steckt noch zu viel vorsicht. der mangel an verstörung wirkt verstörend.
 

die grosszügigkeit eines personengedächtnisses: man glaubt, mehr über die verlierer als über die gewinner zu wissen, weil man das stärker wahrnimmt und länger in erinnerung behält, was einem fremd ist.
 

eigentlich ist es egal, welche gründe für misserfolge angeführt werden. jede rechtfertigung ist selbstgerecht, so dass sich das selbstbewusstsein ihrer bald zu schämen beginnt. das bekenntnis, ein schatten-springer zu sein, wäre hingegen geständnis genug. man kann nur wider besseren wissens über den eigenen schatten springen.
 

nachträgliche entschuldigung für manches versagen: schlechter sex kommt vom herzen.
 

der hang zum detail, der blick nach dem stolperstein. wer zur harmlosigkeit verdammt ist, sucht nach unlösbaren problemen und unüberwindlichen schwierigkeiten.
 

das scheitern des Prometheus: der felsen im Kaukasus ist erodiert, der adler gezähmt und die leber wächst und wächst...
 

wie sehr kann man willentlich herunterkommen und verwahr-losen? sobald man wie ein loser leben kann, ist man keiner mehr.
 

"lasst uns mit dem wollen beginnen! lasst uns alles durchwollen! ein Ich-kann-nicht ohne alle erprobten Ich-will ist erbärmliche schwäche und endet natürlich mit: Ich kann."
Marina Zwetajewa
 

ist man in der lage, peinliche missgeschicke dauerhaft zu akzeptieren?
wer sich seine unfähigkeit in jener hinsicht eingesteht, muss wohl weniger mogeln.
 

der sympathische prominente kam, sah und siegte in der talk-show nach 22 uhr (ich weiss nicht mehr auf welchem sender und wie sein name war). manchen menschen traut man keine niederlagen zu.
 

die unfähigkeit zum richtigen versacken. im letzten augenblick erliegt man stets einem pflichtgefühl, oder man wird vornehm.
 

Henri Michaux: wem das scheitern zu einer notwendigkeit wird, der muss unaufhörlich gründe für seine niederlagen finden, der kann nicht einfach so scheitern.
er braucht für sein scheitern eine Titanic.
 

diese überlebenslust in der täglichen flut von nachrichten.
niederlagen stehen in einem direkten verhältnis zu erfolgen. niederlagen sind ein vermögen der rechtfertigung.
 

warten und warten. durch den tag, durch die bestirnte nacht.
intergalaktische explosionen sind nur als lichtjahre entfernte vergangenheiten wahrnehmbar.
ein grosses inferno ist ein posthumes ereignis.
 

es ist so einfach, sich zu durchschauen, und es führt zu nichts.
wem es zur gewohnheit wird, den schein zu entlarven, der muss auf alles zielen und noch darüber hinausgehen.
 

overfailed: man könnte stolz auf seine niederlagen sein. man kann es aber nicht, ohne den eigenen stolz zu verletzen.
 

alles kann schiefgehen, auch das schiefgehen.
MAN DARF ÜBER MISSLUNGENE KATASTROPHEN ENTTÄUSCHT SEIN.