"scheitern(hoch) x" - notizen und nachträge


nach dem anschlag auf die twin towers in new york klingelten auch bei mir im september 1991 zwei mitglieder von den Zeugen Jehovas. sie stellten sich als Hegels weltgeist vor.

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jeder weiss, dass er in jedem augenblick in eine unangenehme situation verwickelt werden kann. dennoch ist man nur bereit, dieses wissen zu akzeptieren, wenn man sich dessen nicht bewusst ist. d.h. wenn man seine eigene hilflosigkeit inhibiert.

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Bruce Nauman: wenn mich eine persönliche schwäche deprimiert und ich einer situation völlig hilflos gegenüberstehe, erfasst mich mitunter der drang, meinen überdruss noch zu steigern.
man kann der versuchung, tiefer zu fallen, nur widerstehen, indem man gänzlich kapituliert.

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was hat man von menschen zu halten, die nur mit ihrem zuspätkommen oder schlechten personengedächtnis als geprellte bestehen können? die sympathie, die man ihnen entgegenbringen kann, ist immerhin ein wundersames gefühl.

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skip your success!
man muss gewinnen, wenn man sein streben nicht mehr von siegen abhängig macht.

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in allem die belanglosigkeit sehen. auch die belanglosigkeit der belanglosigkeit. man ist als theoretiker des scheiterns kaum zu echten niederlagen fähig.

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Roland Barthes: dass ich nicht an mich glaube, kränkt zugegeben mein selbstbewusstsein. doch lässt mich diese schwäche auch an jene denken, denen eine solche häresie nicht gegeben ist. sie kennen nicht die gründe für ihr inneres aufbegehren.

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das gefühl, an einem tag nichts zustande gebracht zu haben, ist ein intensives gefühl. zuweilen eine aussergewöhnlich extravagante ge- wissheit.

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wollen, wenn man nicht muss, ist unnötig.
wie absichtslos man sein könnte.

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"Verlieren heisst siegen, wenn man es versteht, erfolgreich zu scheitern" wer glaubt, das sein scheitern immer nur die vorgeschichte eines grossen durchbruchs ist, wird irgendwann auch auf die misserfolge der anderen neidisch sein.

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die erfolgreichen und die geprellten menschen. und dann noch die überwiegende mehrheit.

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man kann nicht Kierkegaard lesen, ohne an seine vereitelte verlobung und seine neurotische vater-bindung zu denken. seine art zu denken versteht hingegen erst, wer sich an seine vielen pseudonyme hält, um zu begreifen, dass eine philosophie nicht von einem erfundenen leben zu trennen ist.

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Bazon Brock: tief in mir gibt es eine sehnsucht nach der grossen sintflut. genau dort, wo auch mein gewissen schlägt.

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es dauert meist nicht lang, bis man auch die guten seiten von katastrophen erkennt, die positiven aspekte erkennen muss.
ein fiasko, das ist die unverschämtheit eines augenblicks.

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wann immer mir ein missgeschick passiert, versuche ich mir einzureden, dass es mich hätte schlimmer treffen können. eine solche begabung, mit dem ich mir die unangenehmsten szenarien ausmalen kann, hat nichts erschreckendes, eher etwas beruhigendes. denn lieber eine fliege in der suppe als eine ratte im darm.

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jedem seine eigene klagemauer, jedem seinen traum von einem ab- grund. wer wenig zu verlieren hat, der steht mit einer nullperspektive über den dingen.

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Georges Bataille: ein fiasko, dass ich nicht erlitten habe, irritiert mich. ich muss es selbst und augenblicklich erleiden.

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hat man seinen ehrgeiz aufgegeben, führt man einen beharrlichen kampf gegen sich selbst, um sich immer wieder zu bestätigen, dass man auf vieles verzichten könnte, wenn man es nur wollte.

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der fortschritt von kleinen und grossen niederlagen: nach einiger zeit heben sie sich gegenseitig auf.

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der humanist Erasmus von Rotterdam genoss als ratgeber ein ansehen wie nur wenige zu seiner zeit in europa. er erhielt von gelehrten, fürsten, königen und kardinälen briefe, die sich bei ihm im laufe der jahre zu tausenden stapelten. als mit der reformation die grossen unruhen ausbrachen, baute erasmus sich aus diesen korrespondenzen ein sicheres schutz- schild und wurde zum biederen stubengelehrten.

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wenn man sich für die schlechtere variante, die zweitrangige partei, den langweiligen job oder das profanere buch entscheidet, dann zumeist nicht, weil man zu schnell resigniert, sondern eher um einen berechtigten grund zur klage zu haben.

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wer nicht in der lage ist, einen originellen gedanken über die eigenen niederlagen zu formulieren, wen missgeschicke nur verbittern und deprimieren, wer zu schnell verzagt, hat kein talent zur phantasie.

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das scheitern an sich. und für sich, wenn es erfolgreich ist.
jedes fiasko ist eine frage der nerven. als betroffener kann man ein desaster nicht allzu lange ertragen, ohne dass man sich etwas darauf einbildet.

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Simone Weil: in einer gesellschaft des sozialen friedens sind es nicht die existentiellen sorgen und nöte, eher die bagatellen, unter denen gelitten wird. und dies wiegt umso schwerer. gegen die kleinen übel wehrt man sich nicht mehr. man wird schamlos.

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man kann persönliche defizite nicht aufrichtig in der sprache erklären, und man kann sie ebenso wenig auf die dauer verschweigen. also spricht man darüber in einem beredten schweigen. in einem schweigen, das die verallgemeinerung sucht und das allmählich in ein stetes sprechen gegen die unzulänglichkeiten der sprache flüchtet.

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anstatt vom schlimmsten, besser vom noch schlimmeren ausgehen.
allen und allem hoch überlegen sein. aus angst vor niederlagen.

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"always crashing in the same car"
(David Bowie)

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das eigene versagen ist oft weniger demütigend als die entschul- digungen, mit denen man es zu erklären versucht. wer seine grenzen kennt, kapituliert rechtzeitig. er kapituliert vor jeder kapitulation.

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viele fehlurteile lassen sich auf die insuffizenz meines denkens zurückführen. es ist beruhigend zu wissen, dass man einer spezies angehört, die das scheitern für das scheitern verantwortlich machen kann.

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diese sicherheit im schwanken zwischen verwegenheit und ängstlichkeit. an einer vorstellungskraft leiden, die jedes unglück schon im voraus entwertet.

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Hans Blumenberg: wer den boden unter den füssen verliert, verliert als mensch seine originalität. er reagiert zwangsläufig so wie alle anderen. er sucht nach einem akzeptablen sinn, nach einer allgemeinen bedeutung für seine niederlagen.

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in den seriösen zeitungen: das schreckliche ist seit langem ausreichend beschrieben, das normale bereits zu oft kommentiert worden.

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die frau, die sich michaela nennt und ihr betteln mit einem leichten verwesungsgeruch allen in der u-bahn derart unter die nase reibt, dass sie immer leer ausgeht. manchmal sehe ich in ihr eine potentielle selbstmord-attentäterin und manchmal schäme ich mich für diesen gedanken.

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worüber man nicht in kleinen oder grossen metaphern sprechen kann: über die vielen genozide im schwarzbuch der geschichte. diese katastrophen bleiben unvergleichbar, eine ewige betrachtungsweise.

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"manchmal überwältigt mich der genius loci dermassen, dass ich monatelang am tisch sitze, mit hängenden schultern und gesenktem kopf."
(Imre Kertész)

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alles, was man sich vorstellen kann, ist nichts im vergleich zu dem, was man sich nicht vorstellen kann.
man geht nicht zugrunde, ohne gleichzeitig die selbstwahrnehmung zu untergraben. kaum ein authentisches scheitern, das sich beschreiben lässt.

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je kühner ein paradox über das scheitern ist, umso treffender erhellt es das menschliche unvermögen zum scheitern. die verleugnete niederlage ist sicherlich die einzig erreichbare form des scheiterns.

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an unerreichbaren katastrophen schiffbruch erleiden.
das scheitern als ein sprung ins nirgendwo.

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ES GIBT ABGRÜNDE, DIE IHRE TIEFE FüR IMMER BEWAHREN.
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