scheitern(hoch)x


gedanken aus der hocke

zwei tage nach dem anschlag auf die Twin Towers in New York klingelten bei mir zwei mitglieder von den Zeugen Jehovas. sie stellten sich mit einer wachturm-zeitschrift als Hegels weltgeist vor.
 

realität kommt all dem zu, was zerfällt und was zugrunde geht. alles andere ist nur ein aufschub.
in allem die belanglosigkeit sehen. auch die belanglosigkeit in der belanglosigkeit. ein theoretiker des scheiterns ist kaum zu echten niederlagen fähig.
 

jeder weiss, dass er überall und zu jeder zeit das opfer einer unangenehmen situation, eines bedrohlichen desasters werden kann. dennoch ist man nur bereit, jenes wissen zu akzeptieren, insofern man sich seiner hilflosigkeit nicht bewusst ist und sie inhibiert.
 

Bruce Nauman: wenn mich eine schwäche deprimiert und ich einer situation hilflos gegenüberstehe, versuche ich einfach meinen überdruss noch zu steigern.
man kann der versuchung, immer tiefer zu fallen, wohl erst widerstehen, indem man gänzlich kapituliert.
 

was hat man von menschen zu halten, die mit einem schlechten personengedächtnis oder ihrem steten zuspätkommen nur als geprellte bestehen können?
die sympathie, die man für sie empfindet, ist immerhin ein wundersames gefühl.
 

muss man als ein kommunizierendes rohr allzu vereinnahmende argumente respektieren?
wem es nur müssig erscheint, in jeder auseinandersetzung zu triumphieren, der kann es sich durchaus leisten zu unterliegen. doch bloss, um damit wieder einen sieg zu erringen.
 

Roland Barthes: dass ich nicht an mich glauben kann, kränkt mein selbstbewusstsein. doch lässt mich diese schwäche gleichfalls an jene denken, denen eine solche häresie nicht gegeben ist. sie kennen nicht die gründe für ihr inneres aufbegehren.
 

seit meiner kindheit faszinieren mich stauwehre, bei denen das wasser kräftig aufschäumt. hier muss ich aufpassen, dass ich mich nicht auflöse.
das gefühl, an einem tag nichts zustande gebracht zu haben, ist ein intensives gefühl. und zuweilen eine überaus extravagante gewissheit.
 

wollen, wenn man nicht muss, ist unnötig.
wie absichtslos ich eigentlich sein könnte.
 

"verlieren heisst siegen, wenn man es versteht, erfolgreich zu scheitern" - wer glaubt, dass sein scheitern die vorgeschichte eines grossen durchbruchs ist, wird früher oder später auf die misserfolge der anderen neidisch sein.
 

die erfolgreichen und die geprellten menschen. und dann noch die überwiegende mehrheit.
 

ein denker kann sich am besten mit vielen erfundenen lebens-läufen entfalten. wie bspw. Kierkegaard mit seiner inszenierten vater-neurose und selbstverhinderten verlobung. der leser muss seine pseudonyme nuancieren, wenn er ihn verstehen will.
 

im flugmodus frei flanieren oder alles ausschalten und daheim bleiben?
einem jeden seine klagemauer und seinen traum von einem abgrund. wer wenig zu verlieren hat, der steht mit einer null-perspektive über den dingen. an tagen, an denen man nicht verkommt, sondern nur vorkommt.
 

Bazon Brock: tief in mir gibt es eine sehnsucht nach einer grossen sintflut. genau dort, wo mein gewissen schlägt.
 

es dauert meist nicht lang, bis man auch die guten seiten von katastrophen versteht, die positiven aspekte erkennen muss.
ein fiasko, das ist mitunter die unverschämtheit eines augen-blicks.
 

lieber im traum eine ratte im darm ertragen müssen als eine fliege im frühstückskaffee.
wann immer mir ein missgeschick passiert, versuche ich mir einzureden, dass es mich hätte schlimmer treffen können. meine begabung, mir grauenvollste szenarien auszumalen, hat nichts erschreckendes, vielmehr etwas beruhigendes.
 

Georges Bataille: ein fiasko, das ich nicht erlitten habe, irritiert mich. ich muss es selbst und augenblicklich erleiden.
 

hat man den ehrgeiz aufgegeben, führt man einen beharrlichen kampf gegen sich selbst, um sich immer wieder zu bestätigen, dass man auf vieles verzichten könnte.
 

schlimm, schlimmer, am besten schlimm.
meine fortschritte bei kleinen und grossen niederlagen, nach einiger zeit heben sie sich gegenseitig auf.
 

der humanist Erasmus von Rotterdam genoss als ratgeber ein ansehen wie sehr wenige zu seiner zeit. er erhielt von gelehrten, fürsten und kardinälen briefe, die sich bei ihm im laufe der jahre zu tausenden stapelten. als mit der reformation die grossen unruhen ausbrachen, baute er sich aus seinen korrespondenzen ein schutzschild und wurde zum biederen stubengelehrten.
 

wenn man sich für die schlechtere variante, den langweiligen job oder ein profanes bestseller-buch entscheidet, dann nicht, weil man zu schnell resigniert, sondern um einen berechtigten grund zur klage zu haben.
 

"ein tiefer fall führt oft zu höheren glück."
Shakespeare
 

wer nicht in der lage ist, einen originellen gedanken über die eigenen niederlagen zu formulieren, wen missgeschicke einzig verbittern und deprimieren, wer zu schnell verzagt, hat kein talent zur phantasie.
 

das scheitern an sich, und für sich, wenn es einen sinn ergibt.
der erfolgsverwöhnte mensch kann ein desaster nicht allzu lange ertragen, ohne sich etwas darauf einzubilden.
 

Simone Weil: in einer gesellschaft des sozialen friedens sind es nicht die existentiellen sorgen und nöte, eher die bagatellen, unter denen gelitten wird. und dies wiegt umso schwerer. gegen die kleinen übel wehrt man sich nicht mehr. man wird schamlos.
 

man kann persönliche schwächen nicht aufrichtig bekennen,
und man kann sie ebenso wenig dauerhaft verschweigen. also spricht man über sie in einem beredten schweigen. in einem schweigen, das die verallgemeinerung sucht und das allmählich in ein sprechen gegen die unzulänglichkeiten der sprache flüchtet.
 

das eigene versagen ist häufig weniger demütigend als die entschuldigungen, mit denen man es zu erklären versucht.
wer seine grenzen kennt, kapituliert rechtzeitig. er kapituliert vor jeder kapitulation.
 

"always crashing in the same car."
David Bowie
 

die lernfähigkeit der kernenergie: AKWs wurden nach dem
GAU in Tschernobyl nicht schrittweise abgeschaltet, sondern vermehrt perfektioniert.
 

viele fehlurteile lassen sich auf eine insuffizenz des denkens zurückführen.
es ist beruhigend zu wissen, dass man einer intelligenten spezies angehört, die das scheitern für alle unpässlichkeiten verantwortlich machen kann.
 

diese sicherheit im schwanken zwischen verwegenheit und ängstlichkeit. an einer vorstellungskraft leiden, die jedes unglück schon im voraus entwertet.
 

wer den boden unter seinen füssen verliert, verliert als mensch seine originalität. er reagiert zwangsläufig so wie alle anderen. er sucht nach einem akzeptablen sinn, nach einer allgemeinen bedeutung für seine niederlagen.
 

"manchmal überwältigt mich der genius loci dermassen, dass ich monatelang am tisch sitze, mit hängenden schultern und gesenktem kopf."
Imre Kertész
 

die frau, die sich Michaela nennt und ihr betteln mit einem verwesungsgeruch allen in der u-bahn derart unter die nase reibt, so dass sie immer leer ausgeht. manchmal sehe ich in ihr eine potentielle selbstmordattentäterin und manchmal schäme ich mich für diese vorstellung.
 

worüber man nicht in kleinen oder grossen metaphern sprechen kann: über die vielen genozide im schwarzbuch der geschichte. derartige katastrophen bleiben unvergleichbar, eine stets ewige betrachtungsweise.
 

alles, was man sich vorstellen kann, ist nichts im vergleich zu dem, was man sich nicht vorstellen kann. man geht nicht zugrunde, ohne gleichzeitig seine selbstwahrnehmung zu untergraben. es gibt kaum ein erlittenes scheitern, dass sich authentisches beschreiben lässt.
 

etwas fehlt ständig. so geht nichts auf.
an unerreichbaren katastrophen schiffbruch erleiden.
das scheitern als ein sprung ins nirgendwo.
 

die macht des vielzitierten Sisyphos: für ihn muss sich immer die schwerkraft unter beweis stellen.
 

könnte man einmal gesagt haben, dass alles was der fall sei, nur ein beispiel des möglichen ist?
je kühner sich ein paradox über das scheitern formulieren lässt, umso treffender erhellt es das menschliche unvermögen zum scheitern. die verleugnete niederlage ist manchmal die einzig erreichbare form des scheiterns.
 

die erkenntnis, wieder übertrieben oder völlig überzogen reagiert zu haben, nachdem der schreck nachlässt.
ES GIBT ABGRÜNDE, DIE IHRE TIEFE FÜR IMMER BEWAHREN.