scheitern(hoch)x


gedanken aus der hocke

es ist kein ende abzusehen. mit jeder olympiade werden welt-rekorde überboten. dank besserer technik, verstecktem doping und penibler mess-methoden.
 

die grelle bemalung von fortschritt in der alltäglichen werbung, so oft errektionslos.
 

was bleibt, was wird in zeiten rauschender bildschirme sich überdauern? entweder werden es allmachtsphantasien oder imperfekte befindlichkeiten sein.
 

mit der digitalen beschleunigung sinkt in den sozialen daten-netzen die halbwertzeit von visionen. alles ist schon auf eine unüberbietbare weise gesagt, zitiert und kritisiert worden.
 

die fehler, die ich nicht begangen habe. ich kann sie nicht bereuen. nur ihnen nachtrauern, wenn irgendwann die zeit kommt, da die ungenutzten gelegenheiten mehr bedauert werden als peinliche patzer.
 

Andrej Tarkowski: als ein zur hoffnung verdammter Stalker immer wieder die verbotenen zonen aufsuchen und, so lange man nicht weiss, warum man erfolgreich sein soll, das augen-blicklich numinose gegen jedes versprechen von sicherheit ausspielen.
 

mit science fiction dem diesseits entfliehen, in dystopien überwintern und als alien zurückzukehren. üble zeiten lassen sich ertragen, indem man sich noch üblere vorstellt.
 

eine sternschnuppe am nächtlichen himmel sehen, sich etwas wünschen und es allen unüberhörbar laut sagen, damit man sichergehen kann, dass etwas mal nicht in erfüllung geht.
 

die strafe eines schlechten gedächtnisses: man muss ständig menschen erneut kennenlernen und sie weiterhin erdulden.
 

"aufrichtig? ich schreibe damit das, was wahr war, nicht mehr wahr ist. ein gezeigtes gefängnis ist kein gefängnis mehr."
Henri Michaux
 

kafkaeske texte lesen sich heute als harmlose tragödien. sie können nicht mehr richtig erschüttern. zu viele ereignisse haben sie in den schatten gestellt: der holocaust, stalins arbeitslager, die atombombe, die globale pop-musik.
 

zwangshinweisungen, harmwut, lebensabstriche, wolkenlistig, ausgangsnot, umstandsweisheit... heute keinen satz notiert, dafür aber sechs neue wörter. sechs wörter, die sich zu keinem lesbaren satz fügen wollen.
 

wie langsam wolken als diffuse spiegel vorüberziehen.
es braucht tage und sogar wochen, bis die notwendigkeiten von niederlagen in einer vita erkannt werden. man sollte nicht zu früh mit dem jammern beginnen.
 

"an all seine begierden richte man diese frage. was wird mir geschehen, wenn das erfüllt wird, was die begierde erstrebt, und was, wenn es nicht erfüllt wird?"
man kann Epikur, den wohl radikalsten denker der ataraxie, nicht genug lesen und muss dabei aber auch eine fadheit ertragen.
 

wie lange kann man misserfolge zulassen und überstehen, ohne in seinen anstrengungen entmutigt zu werden?
wenn man die fähigkeit zur selbsttäuschung besitzt, wohl immer wiedermal.
 

schlaflos durch menschenleere strassen sich gehenlassen, so lange bis das ich ganz in sich hineinpasst, als distinktion in eine verwahrlosung mit distanzgewinn.
 

das heroische scheitern des Odysseus: seine irrfahrten wurden von einem happy-end am heimatlichen herd entwertet.
 

alles kann schiefgehen, auch das schiefgehen. man darf postum über misslungene katastrophen enttäuscht sein.
 

wer aus prinzip scheitern will, hat die phantastische erfindung der evolution zum gegner. d.h. alle finten, welche das leben auf der erde seit zwei milliarden jahren unaufhörlichem wachstums entwickelt hat.
 

wenn man den tag seiner letzten illusion kennen würde...
visionen sind die verpassten gelegenheiten, an denen oft hoffnungen schon in der vergangenheit gescheitert sind.
 

ich wollte es wissen, ich bin das wagnis eingegangen und habe versucht, meine niederlagen zu ergründen. doch nur weil ich vergessen hatte, wie schwierig es ist, zu grunde zu gehen.
 

die meisten niederlagen kommen zu spät. sie wurden zu lange erwartet.
ALL WE NEED IS A NEW FUTURE.