scheitern(hoch)x


notizen in neoliberalen zeiten

wenn in gesprächen jeder satz mit einem weiteren erklärt werden muss. wenn rede und widerrede sich mehr und mehr in die höhe schrauben. ja, dann bleibt oft nur der stumme rückzug als flucht.
 

doch mitunter ist es besser, mit eloquenz zu überzeugen. schweigen kann als zustimmung verstanden werden.
 

hermetische manifeste schreiben, mit neologismen überzeugen und immer wieder fakes faken...
manchen menschen muss man auch das sagen, was man nicht meint. damit sie auf keinen fall zu wort kommen.
 

im grunde kann ich einem anderen lediglich das mitteilen, was er eigentlich schon weiss. alles andere wird er als eigensinnig ablehnen oder derart interpretieren, bis es seinem wissen gleicht.
 

von den vielen ideen, die ich entwickele, sind oft nur einige wenige bedeutungsvoll. aber sie sind kein äquivalent für alle bisher verworfenen einfälle. sie bezeugen nur die dürftigkeit eines denkens, das seine ansprüche kennt.
 

in schlaflosen nächten stellen sich neue einsichten ein, wenn ein bewusstsein über das hinausgeht, was es verstehen kann. aber es verwirft dieses wissen wieder am tage, sobald man sich mitzuteilen beginnt.
 

das genau und intensiv angehen, was alle nebenbei erledigen. ein konsequenter lebensstil überzeugt irgendwann. doch wie lange muss ein ehrgeiziger charakter sich und anderen vor- täuschen, etwas zu sein, bis er es endlich wird.
 

soll man sich die blösse geben, eine schwäche zu gestehen?
man kann mit geständnissen menschen einen schrecken ein-jagen, um sich von ihnen dann wieder beruhigen zu lassen.
 

Niklas Luhmann: das unwahrscheinliche zustandekommen der kommunikation ist die garantie der kommunikation als system.
 

ausschweifungen in die schranken weisen. sich ein korsett anlegen, das die kräfte auf ein minimum bündelt.
wer sich verwirklichen will, will intelligenter, stärker und glücklicher sein... als er selbst.
 

real ist, was mich selbst betrifft und was mir meine grenzen zeigt. so wie ein zahnschmerz, der sich gegen das ego richtet und es dazu zwingt, die sphäre des Ich zu überschreiten.
 

nach verpassten gelegenheiten kann mancher noch hoffen, dass er sich einmal übertreffen wird. wer sofort auf herausforderun- gen reagiert, muss irgendwann erkennen, dass er gar nichts besseres sein kann.
 

mahnungen, ein- und ausladungen sowie horoskope täglich lesen müssen, aber nicht zur kenntnis nehmen.
was man nicht alles über sich in erfahrung bringen kann, all diese metastasen, von denen man nicht mehr loskommt.
 

Rahel Varnhagen in einem brief: es muss ein jeder überschätzt werden, sonst wird er gar nicht geschätzt.
 

wenn man sich ständig in den sätzen eines anderen wieder- findet, fortwährend aus einem fremden speichelfluss ausge- stossen wird und dies wort für wort schlucken muss...
man wächst mit jedem vorbild, das einem erspart bleibt.
 

nur noch widersprüchliche pamphlete unterschreiben, zer- strittene parteien wählen und in gesprungenen spiegeln das eigene gesicht suchen. in seiner disparaten ablehnung ist der mensch frei und unbeschränkt. denn ohne eindeutiges motiv kann niemand vereinnahmt werden.
 

die nichtssagenden, unwesentlichen füllwörter in geständnissen. sie sind so entbehrlich und dennoch kann kaum jemand auf sie verzichten. fehlen sie in einem satz, beginnt jeder unweigerlich nach ihnen zu suchen, da das immunsystem in einer steril gewordenen welt zu überreaktion neigt.
 

keine widerrede ohne den einspruch gegen den einspruch. meine meinung ist ein echolot, wenn sie wie eine fledermaus das eigene revier abtastet.
 

"wo sie am schönsten sind, in ihrer vereinzelung, sehen die menschen einander nicht. jede verzweiflung, die man vor einem anderen menschen zeigt, ist zum vorwurf gegen ihn entleert. wir jagen mit unseren schwächen und strafen wie Artemis demjenigen mit tödlicher verachtung, vor dem wir uns eine empfindliche blösse gaben."
Botho Strauss
 

ein beruhigendes gefühl sich nicht alles zuzutrauen, sich zu trauen zu müssen. zwischen der niederlage und dem erfolg sich positionieren, zwischen zwei fiktionen sich einrichten.
 

auch als der situationist Guy Debord seine späten bücher und filme veröffentlichte, blieb seine verweigerungshaltung gegenüber dem common sense konsequent. immer war er seinen kritikern wie im wettlauf der igel dem hasen um eine runde voraus. trotzdem hat es ihm nichts genützt, da heute biographen seine lebensstrategie gern auf eine psychotische paranoia zurückführen.
 

kann man als ein zur schrift begabtes wesen ein rätsel bleiben?
man übt sich in vagen zweideutigkeiten, man sehnt sich danach, keine spuren zu hinterlassen, wenn man mühsam das gegenteil betreibt.
 

bekennende enge der imagination: man sollte sich nicht zu oft enttäuschen, nicht immer trugbilder entlarven. illusionslose menschen sind ohne beispiel.
 

stets diese abgebrochenen gespräche. immer dieselben sätze, immer derselbe abgebrochene rest. wer dem verlangen nach einem verständnis nachgibt, unterschlägt eine menschliche haltung, die noch an die möglichkeit von missverständnissen glaubt.
 

wenn das ausbleiben von meinungen ausbleibt. es ist schwierig zu schweigen, solange noch nicht alles von jedem gesagt wurde.
 

man weiss nie, mit wem man ein ich ist. wer sich selbst erkundet, sollte sich wie ein diplomat selbst dann unwissend stellen, wenn er es wirklich ist.
 

in dubio cogito ergo sum. - d.h. im zweifel für übertreibungen plädieren.
 

"jeder neue mensch ist ein risiko für die anderen. jeder neue gedanke ein risiko für die anderen. jeder verlust eine gra- duation."
Max Bense
 

in einer sprache denken, in der kein bekanntes wort vorkommt, keine einzig geläufige phrase, nicht eine silbe, die an etwas gelerntes erinnert. am leichtesten ist es, in einer selbsterfun- denen sprache zu schweigen.
 

je mehr man formuliert, desto inflationär unverständlicher auch. man muss worte an sich betrachten, sie aus einzelnen sätzen herauspicken, sonst vermischen sie sich zu schmutzigen farben.
 

wie viel zeit ich manchmal für einen text verwende und wie viele texte ich für den papierkorb schreibe. wer sich der vergeblich-keit seiner bemühungen bewusst ist, muss auf präsentable ergebnisse verzichten. er weiss dann, dass er mit seinem verzicht im recht ist.
 

die klarstellung zwischen den zeilen: man sagt allzu gern, dass man zu wenig oder fast nichts weiss. und man begründet es immer mit klugen argumenten.
 

ÜBERWUNDENER ADORNO: lieber im falschen leben als im falschen kino landen.