scheitern(hoch)x


gedanken aus der hocke

wenn in streitgesprächen jeder satz mit einem weiteren erklärt werden muss. wenn rede und widerrede sich mehr und mehr in die höhe schrauben. ja, dann bleibt oft nur der stumme rückzug als flucht.
 

der sympathische prominente kam, sah und siegte in der talk-show nach 22 uhr. bei populären persönlichkeiten kann man sich im spätprogramm keine niederlagen vorstellen.
 

soll man sich die blösse geben, eine schwäche zu gestehen?
man kann mit seinen geständnissen anderen menschen einen schrecken einjagen, um sich von ihnen dann wieder beruhigen zu lassen.
 

mahnungen, ein- und ausladungen und dann in der zeitung noch regelmässig unerbetene horoskope lesen müssen.
was man nicht alles über sich in erfahrung bringen kann, all diese metastasen, von denen man nicht mehr loskommt.
 

tagelang faul im bett, um die ruhe der abgesagten arbeit zu geniessen.
sich in die einsamkeit flüchten, um sich nicht rechtfertigen zu müssen. oder um sich nach den zustand der uneigentlichkeit sehnen zu können.
 

wie viel zeit ich manchmal für einen text verwende und wie viele texte ich für den papierkorb schreibe.
wer sich der vergeblichkeit seiner bemühungen bewusst ist, muss auf präsentable ergebnisse verzichten. er begreift dann, dass er mit seinem verzicht im recht ist.
 

in schlaflosen nächten stellen sich neue einsichten ein, wenn ein bewusstsein über das hinausgeht, was es verstehen kann. aber es verwirft ein solches wissen wieder, sobald es sich mitzuteilen beginnt.
 

von den vielen ideen, die ich entwickele, sind nur einige wenige von belang. leider sind sie kein äquivalent für all meine bereits verworfenen einfälle. sie bezeugen lediglich die dürftigkeit eines denkens, das seine ansprüche kennt.
 

wenn man sich ständig in den sätzen eines anderen wieder-findet, immer aus einem fremden speichelfluss ausgestossen wird und dies wort für wort schlucken muss...
man wächst mit jedem vorbild, das einem erspart bleibt.
 

nur noch widersprüchliche pamphlete unterschreiben, verquere parteien wählen und in gesprungenen spiegeln das eigentliche gesicht suchen. in seiner disparaten ablehnung ist der mensch frei und unbeschränkt. ohne eindeutiges motiv kann niemand vereinnahmt werden.
 

die nichtssagenden, unwesentlichen füllwörter in geständnissen. sie sind so entbehrlich und dennoch kann kaum jemand auf sie verzichten. fehlen sie in einem satz, beginnt jeder unweigerlich nach ihnen zu suchen, da das immunsystem in einer sterilen welt zu überreaktion neigt.
 

Niklas Luhmann: das unwahrscheinliche zustandekommen der kommunikation ist die garantie der kommunikation als system.
 

keine widerrede ohne den einspruch gegen den einspruch. manche meinung ist ein echolot, wenn sie wie eine fledermaus ihr revier abtastet.
 

"wo sie am schönsten sind, in ihrer vereinzelung, sehen die menschen einander nicht. jede verzweiflung, die man vor einem anderen menschen zeigt, ist zum vorwurf gegen ihn entleert. wir jagen mit unseren schwächen und strafen wie Artemis demjenigen mit tödlicher verachtung, vor dem wir uns eine empfindliche blösse gaben."
Botho Strauss
 

stets diese abgebrochenen gespräche. immer dieselben sätze, immer derselbe abgebrochene rest.
unplugged overconnected!
 

hermetische manifeste schreiben, mit neologismen überzeugen und immer wieder fakes faken. denn mitunter ist es besser, mit eloquenz zu überzeugen. schweigen kann als eine zustimmung verstanden werden.
 

jedem menschen seine kleine oder grosse bibliothek, da jedes gelesene buch den eigenen horizont bereichern kann. doch jedes buch ist auch eine zeit ungelebten lebens.
wofür es leider immer schlechte gründe gibt.
 

die literatur-preise schrumpfen auf hartz-4-niveau.
es ist ein beruhigendes gefühl sich nicht alles zuzutrauen, sich zu trauen zu müssen. zwischen der niederlage und dem erfolg sich positionieren, zwischen zwei fiktionen sich einrichten.
 

auch als der situationist Guy Debord seine späten bücher und filme veröffentlichte, blieb seine verweigerungshaltung gegen-über dem common sense konsequent. immer war er seinen kritikern wie im wettlauf der igel dem hasen um eine runde voraus. trotzdem hat es ihm nichts genützt, da biographen heute seine lebensstrategie auf eine psychotische paranoia zurückführen.
 

kann man als ein zur schrift begabtes wesen ein rätsel bleiben?
man relativiert sich mit vagen zweideutigkeiten, man sehnt sich danach, keine spuren zu hinterlassen, obwohl man mühsam das gegenteil betreibt.
 

das genau und intensiv angehen, was alle nebenbei erledigen. ein konsequenter lebensstil überzeugt irgendwann.
doch wie lange muss ein ehrgeiziger mensch sich und anderen vortäuschen, etwas zu sein, bis er endlich damit überzeugt.
 

Rahel Varnhagen in einem brief: es muss ein jeder überschätzt werden, sonst wird er gar nicht geschätzt.
 

in einer sprache denken, in der kein bekanntes wort vorkommt, keine einzig geläufige phrase, nicht eine einzige silbe, die an etwas gelerntes erinnert. am leichtesten ist es, in einer selbst-erfundenen sprache zu schweigen.
 

die klarstellung zwischen den zeilen: man sagt allzu gern, dass man zu wenig weiss, und man begründet es immer mit klugen argumenten.
 

ÜBERWUNDENER ADORNO: lieber im falschen leben als im falschen kino landen.