scheitern(hoch)x


notizen in neoliberalen zeiten

schneller, weiter, höher denken. und auch dummes denken. bis sich etwas neues ergibt.
 

warum uns Descartes cogito trotz seines hyperbolischen zweifels weismachen wollte, dass zwei und zwei sich keinesfalls zu fünf oder sechs addieren lassen? hier hatte einfach jemand angst vor dem völligen kontrollverlust.
 

das schwanken zwischen mimikry und allmachtsphantasien, zwischen perfektionierung und hybris. man muss mit dem gesetz wie dessen übertretung gleichermassen vertraut sein und dabei eine gerissenheit unter beweis stellen, die jede lücke in der eigenen argumentation füllt.
 

einen satz beginnen, und dann fehlt wieder jenes eine wort. wer den kontakt zur sprache verloren hat, ist zum glück noch zur tiefsinnigen empfindung fähig. doch eine solche empfindung ist so gefährlich wie eine immunschwäche-krankheit.
 

diese zu komplexe und daher vielleicht chaotische versammlung von neuronen in einem menschlichen gehirn. in dem aber immer ein ordnungsfanatiker steckt.
 

die welt ist alles, was der context ist. auf der suche nach den grenzen des denkens wurde Wittgenstein als volksschullehrer in Niederösterreich mit seinem unangemessenen jähzorn, wieder in Cambridge als philosoph mit seiner erfolgreichen ungeduld konfrontiert.
 

zwangshinweisungen, harmwut, lebensabstriche, ausgangsnot, wolkenlistig, umstands-weisheit.
heute keinen satz aufgeschreiben, dafür aber sechs wörter notiert. sechs wörter, die sich zu keinem einzigen satz zusammenfinden.
 

wie kompliziert es ist, einen klaren gedanken festzuhalten. ein buch kann nur schreiben, wer seinem denken eine richtung vorgibt und gegen sein wissen partei ergreift.
 

"die freude, die uns das verstehen schwieriger gedanken bereitet, macht uns geneigt, ihren folgerungen glauben zu schenken."
Paul Valéry
 

die vernunft muss immer auch unvernünftig sein, damit sie nach Kant als eine gerichts-instanz über sich selbst urteile fällen kann. sie muss sich unterbieten, um sich kritisieren zu können.
 

besser ist es, beim streiten nicht allein zu sein. ein bewusstsein, das sich selbst überlassen bleibt, geht unendlich viele wege. es findet irgendwann für jedes problem eine lösung.
 

I think what I don't mean and I mean what I don't think.
diese potenzierte skepsis, diese unerträglichen blockaden, wo nur ein nichts von der lächerlichkeit trennt.
 

ganz gleich, ob ich mein denken verlangsame oder bis zur unmöglichkeit beschleunige, es zur ordnung zwinge oder in einen zustand der chaotischen erregung treibe. ich komme erst dann zu überzeugenden geistesblitzen, wenn ich zu einer syn- taktischen originaliät fähig bin.
die sprache ist der dämon des denkenden.
 

zu viel gewogenes und zu viel für zu leicht befundenes.
seitdem berge nicht mehr zu den propheten kommen, sind verhängnisvolle erdbeben seltener geworden.
 

die fata morgana mancher implikationen: was bleibt übrig vom denken, wenn man einmal den mut hat, alle raffinessen und rhetorischen winkelzüge des argumentierens über bord zu werfen?
 

der glaube an die vernunft kann weitaus verhängnisvoller sein als man denkt. es ist möglich, ohne selbst schaden zu nehmen, das eigene wissen als unsinn abzulehnen.
aber wer versucht, hinter jedem phänomen eine bedeutung zu finden, der wird sich irgendwann in eine ausgangsnot treiben.
 

das unerwartete verspricht die lösung mancher probleme, wo es das erwartete unerwartete ist. jedenfalls in der werbung.
 

auch wenn das haar in der suppe nicht zu finden ist, immer gewisse zweifel haben, jedoch nie die gewissheit des zweifels.
 

erst wenn ich die ungewöhnlichsten argumente finde oder erfinde, um jedes für und wider gegeneinander aufzuwiegen, komme ich zu weiterführenden einsichten. je mehr wissen ich aber dabei anhäufe, umso schwieriger wird es, einen solchen standpunkt zu behaupten. es ist ein kraftakt sondergleichen, um letztendlich festzustellen, dass es sich überhaupt nicht lohnt.
 

Cioran: wer nicht die phantasie und die schamlosigkeit hat, seine überzeugungen wie ein wahnsinniger zu formulieren, sollte sie besser vergessen.
 

immer so weiter und so weiter. es gibt keine vollständigkeit, keine aufzählung, die das unendliche umfasst. dafür jedoch das weitermachen in der hoffnung, dass sich das ähnliche wie auch die wiederholung einmal überspringen lassen.
 

je schwerer das schreiben fällt, desto mehr illusionen verbinden sich mit der sprache, desto scheinbarer wird das, was sich ausdrücken lässt.
 

denken beginnt mit einem leichten kratzen am hinterkopf. wer zu viel nachdenkt, leidet irgendwann an schorfwunden und braucht einen hautarzt.
 

sicherlich konnte nur Sokrates an seinem nicht-wissen nicht zweifeln.
 

die unerträgliche leichtigkeit der selbsttäuschung. der wille zum schein kann nur scheinbar, d.h. mit einem talent zum selbst- betrug bekämpft werden.
 

"den satz des widerspruchs zu vernichten ist vielleicht die höchste aufgabe der höheren logik."
Novalis
 

als sich Montaigne müde und enttäuscht von seinen öffentlichen ämtern in einen turm zurückzog, schrieb er seine skeptischen essays. er schrieb sie als ein unabschliessbares selbstportrait, da er erkannt hatte, dass der mensch als elend erbärmliches geschöpf kein mass und kein ziel kennt.
 

was ich, wenn ich denke, dass ich denke, wohl noch denken kann.
je mehr man versteht, desto mehr nutzt sich etwas in einem ab.
 

Pas de chance: um erfolgreich zu sein, lernt man nicht nur aus fehlern, die man begangen hat, sondern auch aus jenen, die man hätte begehen können.
 

welch eine anmassung zu glauben, man könne, wenn man seine defizite kennengelernt hat, über sie triumphieren. jedes wissen über die eigenen fehlschläge ist ein inadäquates wissen.
 

"wie, wenn die möglichkeit zu lügen der beweis dafür ist, dass nicht alle menschen sterblich sind?"
Franz-Josef Czernin
 

komplizierte probleme löse ich am liebsten mit dem bauch. so wie ein schachspieler, der nicht alle varianten seines nächsten zuges berücksichtigen will bzw. kann und sich aus einem gefühl heraus entscheidet. scheitere ich damit, weiss ich wenigstens warum.
 

Pablo Picasso: ich kann nicht meine eigenen grenzen über- schreiten, also schöpferisch sein, wenn ich ein ziel vor den augen habe. und ich kann mich nicht über grenzen hinweg- setzen, ohne mir ein ziel zu geben.
 

es ist vorstellbar, dass irgendwann ein gedemütigter hund menschlich zu sinnieren beginnt.
dann aber mit dem bewusstsein einer selbstverordneten regression.
 

ein kluges zitat verführt zu dem glauben, man vermag noch originelleres formulieren. während man bei einem dummen der meinung ist, man könnte ohne es auskommen.
dass ich immer noch glaube, besser denken zu können, als ich es kann...
 

die sprache ist der feind jeder erfahrung. hat man einer erlittenen tragödie erst einmal einen namen gegeben, befindet man sich wieder auf dem aufsteigenden ast.
 

in abhängigkeit von seinem nicht-wissen leben, ohne zur ahnungslosigkeit berufen zu sein.
 

wenn man sich seiner mängel bewusst ist, bedeutet dies nicht, dass man sich von ihnen lösen kann. eine solche einsicht macht die eigene unvollkommenheit noch sinnfälliger.
 

die perfide arroganz eines tiefsinnigen gedankens. wer ihn verstanden hat, sieht unweigerlich auf jene herab, die ihn nicht begreifen.
 

was ich mit zwanzig noch nicht wusste, weiss ich jetzt über- haupt nicht mehr. da alles erkennen im laufe der jahre das auslöscht, was ich nicht erkennen konnte, habe ich mich wohl eingeholt, ohne mich zu überholen.
 

Friedrich Hölderlin: in der endlichkeit meiner erfahrung und meines wissens bin ich zuhause. doch mit dem wissen um meine endlichkeit werde ich wieder heimatlos.
 

suche credo, biete creo - et vice versa.
ZU EINEM DENKEN QUALIFIZIERT SEIN, das bloss ausgedacht ist.