scheitern(hoch)x


notizen in neoliberalen zeiten

noch immer habe ich zu viel adrenalin im blut. doch wenn ich bloss jeden zweiten puls zähle, wird der herzschlag automatisch langsamer.
 

ein phantast sein oder ein hochstapler, ein wichtigtuer, ein sprücheklopfer, ein täuscher, ein scharlatan ... manchmal reduzieren sich alternativen auf synonyme.
 

in zeiten der stagnation sich zu einer erfolgsphobie bekennen oder an der angst vor unvorhersagbaren katastrophen leiden. wer sich zwischen dem aussichtslosen und dem unmöglichen entscheiden muss, sollte das ereignis der wahl wählen.
 

Eduard von Keyserling: an einem geltungsbedürftigen menschen stösst mich sogar das ab, was nicht nach geltung strebt.
 

beim schach gibt es mehr ästhetisch reizvolle möglichkeiten zu verlieren als zu gewinnen. aber dennoch will jeder gewinnen.
 

der marienkäfer auf dem grashalm in meiner hand krabbelt entgegen der schwerkraft stets auf die höher liegende seite. drehe ich den halm, so ändert er sofort seine richtung. fünf minuten lang bewundere ich sein beharrungsvermögen, dann gibt er auf und rührt sich nicht mehr. ein lebewesen, das über kein komplexes nervensystem verfügt, lässt sich nicht domestizieren.
 

überall beständigkeit: ein blick genügt.
misserfolge sind wie narkosen eine frage der dosis und der konstituiton. ich kann mich nicht auf sie verlassen.
 

nach dem juckreiz ist vor dem juckreiz.
das gesteigerte bewusstsein für eigene schwächen... um sich ihrer stets wieder neu zu vergewissern.
 

soweit es möglich ist, aufwühlende horror- und actionfilme meiden. unwesentlich ist, was nicht völlig verstört.
 

Bernardo Soares: jene immer unmoralische wut. ich leide nicht unter enttäuschungen, ich erleide sie. bin ich nicht enttäuscht, dann leide ich darunter, dass ich nicht leide.
 

"was man verengen will, muss man erweitern. was man schwächen will, muss man stärken..."
wenn ich aus einer unruhe heraus auf das Daudedsching von Laudse stosse, finde ich zu einer angenehmen gelassenheit. doch wenn ich bereits mit einem gefühl der gelassenheit ihn zu lesen beginne, verliere ich sie bald wieder.
 

lieber kopfschmerzen als bauchschmerzen. oder lieber hals- schmerzen als zahnschmerzen. wer es schafft, körperliche indispositionen gegeneinander auszuspielen, kann sie sich zuweilen vom leibe halten.
 

ich muss wieder was auf die beine stellen, um den handstand aufzugeben. ich bin zur verwandlung fähig, ich könnte ein anderes leben führen, doch ich habe zu viel einfluss auf meine zukunft.
 

die tragik des Prometheus: seinen erfolg konnte er nur in einer niederlage erfahren. während seine niederlage sich aus der sicht der menschen wiederum nur als erfolg verstehen lässt.
 

sich von allen hirngespinsten lösen, sich über jede sinnsuche erheben, um von keiner enttäuschung eingeholt zu werden. und doch wird man bald jede abgeklärtheit, jede seelenruhe als eine provokation empfinden.
 

man kann erwartungen enttäuschen und vorgefasste meinungen verwirren, um sich gegen vereinnahmungen zu wehren. allerdings wird man von anderen nur ernst genommen, wenn man seinen interventionen eine richtung gibt und damit jeden subversiven anspruch unterhöhlt.
 

Borges: das sich selbst erkennende denken muss mit allem einverstanden sein. ohne wenn und aber.
 

unterlegenheitsgefühle? es gibt grosse sterne, gegen die man sofort stellung beziehen muss. jedes unüberlegte nein hat eine kraft, die seine begründung nicht mehr enthält.
 

selbst wer nichts zustande bringt, sich nicht verwirklichen kann oder will, muss sich bis zur völligen verausgabung erschöpfen. der verlierer ist eine parodie des helden.
 

"endlich verstand ich (und plötzlich), was meistens der grund davon ist, dass man nicht einschlafen kann: man hat keine träume bereit."
Ludwig Hohl
 

falls man nicht glaubt, man ist erfolgreich, was ist man dann?
man ist sich seines erfolgswahnes nicht mehr bewusst, weil man seit der geburt und wahrscheinlich schon im mutterleib unter ihm leidet.
 

nachträgliche entschuldigung für manches versagen: schlechter sex kommt vom herzen.
 

sich ohne grund für oder gegen etwas entscheiden.
es gibt keine sache, von der sich nicht auch das gegenteil behauptet lässt. selbst wenn man nicht weiss, was das gegenteil vom gegenteil überhaupt sein soll.
 

die blinden flecken einer anamnese, die dauern oder übermalt werden. man weiss, dass man sich etwas vormacht, dass man sich selbst betrügt. und man weiss es immer zu spät.
 

meine authentischen ansprüche und meine auch simulierten simulationen.
haben sich irgendwann alle trugbilder aufgebraucht, liegen in einem vakuum die nerven blank.
 

sich in die einsamkeit flüchten, um sich nicht rechtfertigen zu müssen. oder um sich nach den zustand der uneigentlichkeit sehnen zu können.
unplugged overconnected!
 

modifizierter Cioran: man kann sich am besten vorstellen, wie man selber verkommt. aber man kann es sich nur vorstellen. eine niederlage ist der allerkleinste teil einer menschlichen erfahrung.
 

nicht gegen, sondern für windmühlen kämpfen.
also kein Don Quixote sein.
 

nehme ich niederlagen allzu ernst, muss ich sie nicht richtig ernst nehmen. ich kann dann ohne wehmut und spott alles sagen, mit der geste einer gelassenen endgültigkeit.
 

jedem menschen seine kleine oder grosse bibliothek, da jedes gelesene buch den eigenen horizont bereichern kann. doch jedes buch ist auch eine zeit ungelebten lebens.
wofür es leider immer schlechte gründe gibt.
 

"die zahl aller übel, die alle lebewesen potentiell erleben können, ist durch die zahl möglicher zustände, in denen das sichtbare universum sich befinden kann, nämlich 10 hoch 10 hoch 123, nach oben begrenzt...", lässt Alexander Kluge in seinem buch "die lücke, die der teufel lässt" einen wissen- schaftler erklären.
 

lieber das mögliche unmöglich finden, als das unmögliche stets suchen müssen. insgeheim immer kompromissbereit sein. denn der kompromiss lässt keine niederlage zu.
 

wieder endet ein jahr der geldknappheit und des standhaltens.
es ist das problem von existenziellen problemen, dass sie zu erträglich sind.
 

mitunter das gefühl bloss ein zustand zu sein. ein zustand inmitten von umständen. beginnt man, seine fähigkeit zum scheitern zu bewundern, dann dauert es nicht lange, bis man sich darauf etwas einbildet und auf den erfolg wartet.
 

"jede krise ist ein geschenk des schicksals an den schaffenden menschen."
Stefan Zweig
 

hat man zu viel ehrgeiz, schämt man sich für sein streben, und hat man zu wenig, ist es beängstigend.
ALLES SCHEITERN IST EINE PARODIE DES GROSSEN SCHEITERNS.