scheitern(hoch)x


gedanken aus der hocke
noch immer bin ich auf der suche nach der mitte des lebens
und denke mich in konzentrischen kreisen. doch wer sich zu lange mit den elementaren dingen des daseins beschäftigt, landet irgendwann in einer fantasy-welt.
 

soll ich, oder soll ich noch nicht aufstehen?
eine unentschlossenheit, die sich nicht zerstreuen lässt, ist
ein flugzeug, das nie landen wird.
 

ein phantast sein oder ein hochstapler, ein wichtigtuer, ein sprücheklopfer, ein täuscher, ein scharlatan ... manchmal reduzieren sich alternativen auf synonyme.
 

in dubio cogito ergo sum - d.h. im zweifel für übertreibungen plädieren.
 

sich von allen hirngespinsten lösen, sich über jede sinnsuche erheben, um von keiner enttäuschung eingeholt zu werden.
und doch wird man bald jede abgeklärtheit, jede seelenruhe
als eine provokation empfinden.
 

Borges: das sich selbst erkennende denken muss mit allem einverstanden sein. ohne wenn und aber.
 

der marienkäfer auf dem grashalm in meiner hand krabbelt entgegen der schwerkraft stets auf die höher liegende seite. drehe ich den halm, so ändert er sofort seine richtung. fünf minuten lang bewundere ich sein beharrungsvermögen, dann gibt er auf und rührt sich nicht mehr. ein lebewesen, das über kein komplexes nervensystem verfügt, lässt sich nicht domestizieren.
 

Bernardo Soares: jene immer unmoralische wut. ich leide nicht unter enttäuschungen, ich erleide sie. bin ich nicht enttäuscht, dann leide ich darunter, dass ich nicht leide.
 

da die kleinen und grossen krisen zu den wichtigen erfahrungen im lauf des lebens werden, ist es letztendlich enttäuschender, nicht enttäuscht zu werden.
 

nach dem juckreiz ist vor dem juckreiz.
das gesteigerte bewusstsein für eigene schwächen... um sich ihrer stets wieder neu zu vergewissern.
 

soweit es möglich ist, aufwühlende horror- und actionfilme meiden. unwesentlich ist, was nicht völlig verstört.
 

man kann jeden gedanken durch sich selbst teilen und von allem auch das gegenteil behaupten. selbst wenn man nicht weiss, was das gegenteil vom gegenteil überhaupt sein soll.
 

sich ohne grund für oder gegen etwas entscheiden.
beim schach gibt es mehr ästhetisch reizvolle möglichkeiten zu verlieren als zu gewinnen. aber dennoch will jeder gewinnen.
 

selbst wer nichts zustande bringt, sich nicht verwirklichen kann oder will, muss sich bis zur völligen verausgabung erschöpfen. der verlierer ist eine parodie des helden.
 

"was man verengen will, muss man erweitern. was man schwächen will, muss man stärken..."
wenn ich aus einer unruhe heraus auf das Daudedsching von Laudse stosse, finde ich zu einer angenehmen gelassenheit. doch wenn ich bereits mit einem gefühl der gelassenheit ihn zu lesen beginne, verliere ich sie bald wieder.
 

man kann erwartungen enttäuschen und vorgefasste meinungen verwirren, um sich gegen vereinnahmungen zu wehren. allerdings wird man von anderen bloss ernst genommen, wenn man seinen interventionen eine richtung gibt und damit jeden subversiven anspruch unterhöhlt.
 

jedes jahr warnen verschwörungs-theorien vor immer wieder neuen untergängen.
sich zu einer erfolgsphobie bekennen oder an der angst vor unvorhersagbaren katastrophen leiden. wer sich zwischen dem aussichtslosen und dem unmöglichen entscheiden muss, sollte das ereignis der wahl wählen.
 

modifizierter Cioran: man kann sich am besten vorstellen, wie man selber verkommt. aber man kann es sich nur vorstellen. eine richtig erlittene niederlage ist der allerkleinste teil einer menschlichen erfahrung.
 

der hinterhof ist entzündet von vogelgeschrei. und deshalb lieber bauchschmerzen als kopfschmerzen. oder lieber hals-schmerzen als zahnschmerzen. wer es schafft, körperliche indispositionen gegeneinander auszuspielen, kann sie sich zuweilen vom leibe halten.
 

ich muss wieder was auf die beine stellen, um den handstand aufzugeben. ich bin zur verwandlung fähig und könnte ein ganz anderes leben führen, doch ich habe zu viel einfluss auf meine zukunft.
 

die tragik des Prometheus: seinen erfolg konnte er bloss in einer niederlage erfahren. während seine niederlage sich aus der sicht der menschen wiederum als erfolg verstehen lässt.
 

falls man nicht glaubt, man ist erfolgreich, was ist man dann?
man ist sich seines erfolgswahnes nicht mehr bewusst, weil man seit der geburt und wahrscheinlich schon im mutterleib unter ihm leidet.
 

ich bin ein künstler, der jeden tag ausschlafen kann, und habe eine nachträgliche entschuldigung für manches versagen: mein schlechter sex kommt vom herzen.
 

die blinden flecken einer anamnese, die dauern oder übermalt werden. man weiss, dass man sich etwas vormacht, dass man sich selbst betrügt. und man weiss es immer zu spät.
 

meine authentischen ansprüche und meine auch simulierten simulationen.
haben sich irgendwann alle trugbilder aufgebraucht, liegen in einem vakuum die nerven blank.
 

nicht gegen, sondern für windmühlen kämpfen.
also kein Don Quixote sein.
 

nehme ich niederlagen allzu ernst, muss ich sie nicht richtig ernst nehmen. ich kann dann ohne wehmut und spott alles sagen, mit der geste einer gelassenen endgültigkeit.
 

"die zahl aller übel, die alle lebewesen potentiell erleben können, ist durch die zahl möglicher zustände, in denen das sichtbare universum sich befinden kann, nämlich 10 hoch 10 hoch 123, nach oben begrenzt...", lässt Alexander Kluge in seinem buch "die lücke, die der teufel lässt" einen wissen- schaftler erklären.
 

überall beständigkeit: ein blick in die zeitung genügt.
misserfolge sind wie narkosen eine frage der dosis und der konstituiton. niemand kann sich nicht auf sie verlassen.
 

wieder endet ein jahr der geldknappheit und des standhaltens.
es ist das problem von existenziellen problemen, dass sie zu erträglich sind.
 

mitunter das gefühl lediglich ein zustand zu sein. ein zustand inmitten von umständen. beginnt man, seine fähigkeit zum scheitern zu bewundern, dann dauert es nicht lange, bis man sich darauf etwas einbildet und auf den erfolg wartet.
 

"jede krise ist ein geschenk des schicksals an den schaffenden menschen."
Stefan Zweig
 

hat man zu viel ehrgeiz, schämt man sich für sein streben, und hat man zu wenig, ist es beängstigend.
ALLES SCHEITERN IST EINE PARODIE DES GROSSEN SCHEITERNS.