scheitern(hoch)x


notizen in neoliberalen zeiten

ein phantast sein oder ein scharlatan, ein aufschneider, ein hochstapler, ein mythomane, ein täuscher... manchmal reduzieren sich alternativen auf synonyme.
 

man kann unter der erkenntnis leiden, dass alles scheitern eine tragische illusion ist, oder man kann sich mit diesem wissen beruhigt zurücklehnen.
 

Eduard von Keyserling: an einem geltungsbedürftigen menschen stösst mich sogar das ab, was nicht nach geltung strebt.
 

bei jedem schachspiel gibt es mehr ästhetisch reizvolle möglichkeiten zu verlieren als zu gewinnen. aber dennoch will jeder gewinnen.
 

der marienkäfer auf dem grashalm in meiner hand krabbelt entgegen der schwerkraft stets auf die höher liegende seite. drehe ich den halm, so ändert er sofort seine richtung. fünf minuten lang bewundere ich sein beharrungsvermögen, dann gibt er auf und rührt sich nicht mehr. ein lebewesen, das über kein komplexes nervensystem verfügt, lässt sich nicht domestizieren.
 

in zeiten der dauernden stagnation sich zu einer erfolgsphobie bekennen oder an der angst vor unvorhersagbaren katastrophen leiden. wer sich zwischen dem aussichtslosen und dem unmög- lichen entscheiden muss, sollte das ereignis der wahl wählen.
 

überall beständigkeit: ein blick genügt.
misserfolge sind wie narkosen eine frage der dosis und der konstituiton. man kann sich nicht auf sie verlassen.
 

nach dem juckreiz ist vor dem juckreiz.
das gesteigerte bewusstsein für eigene schwächen... um sie in schach zu halten.
 

soweit es möglich ist, aufwühlende horror- und actionfilme meiden. unwesentlich ist, was nicht völlig verstört.
 

Thomas Brasch: jene immer unmoralische wut. ich leide nicht unter enttäuschungen, ich erleide sie. bin ich nicht enttäuscht, dann leide ich darunter, dass ich nicht leide.
 

"was man verengen will, muss man erweitern. was man schwächen will, muss man stärken..."
wenn ich aus einer unruhe heraus auf das Daudedsching von Laudse stosse, finde ich zu einer angenehmen gelassenheit. doch wenn ich bereits mit einem gefühl der gelassenheit ihn zu lesen beginne, verliere ich sie bald wieder.
 

lieber kopfschmerzen als bauchschmerzen. oder lieber hals- schmerzen als zahnschmerzen. wer es schafft, körperliche indispositionen gegeneinander auszuspielen, kann sie sich zuweilen vom leibe halten.
 

ich muss wieder was auf die beine stellen, um den handstand aufzugeben. ich bin zur verwandlung fähig, ich könnte ein anderes leben führen, doch ich habe zu viel einfluss auf meine zukunft.
 

die tragik des Prometheus: seinen erfolg konnte er nur in einer niederlage erfahren. und seine niederlage lässt sich aus der sicht der menschen wiederum nur als erfolg verstehen.
 

sich von allen hirngespinsten lösen, sich über jede sinnsuche erheben, um von keiner enttäuschung mehr eingeholt zu werden. und doch wird man bald jede abgeklärtheit, jede seelenruhe als eine provokation empfinden.
 

noch immer habe ich zu viel adrenalin im blut. aber wenn ich bloss jeden zweiten puls zähle, wird der herzschlag automatisch langsamer.
 

man kann erwartungen enttäuschen und vorgefasste meinungen verwirren, um sich gegen vereinnahmungen zu wehren. aber man wird von anderen nur ernst genommen, wenn man seinen interventionen eine richtung gibt und damit wieder jeden subversiven anspruch unterhöhlt.
 

Borges: das sich selbst erkennende denken muss mit allem einverstanden sein. ohne wenn und aber.
 

unterlegenheitsgefühle? es gibt grosse sterne, gegen die man sofort stellung beziehen muss. jedes unüberlegte nein hat eine kraft, die seine begründung nicht mehr enthält.
 

selbst wer nichts zustande bringt, sich nicht verwirklichen kann oder will, muss sich bis zur völligen verausgabung erschöpfen. der verlierer ist eine parodie des helden.
 

"endlich verstand ich (und plötzlich), was meistens der grund davon ist, dass man nicht einschlafen kann: man hat keine träume bereit."
Ludwig Hohl
 

falls man nicht glaubt, man ist erfolgreich, was ist man dann?
man ist sich seines erfolgswahnes nicht mehr bewusst, weil man seit der geburt und wahrscheinlich schon im mutterleib unter ihm leidet.
 

sich ohne grund für oder gegen etwas entscheiden.
es gibt keine sache, von der sich nicht auch das gegenteil behauptet lässt. selbst wenn man nicht weiss, was das gegenteil vom gegenteil überhaupt sein soll.
 

die blinden flecken einer anamnese, die dauern oder übermalt werden. man weiss, dass man sich etwas vormacht, dass man sich selbst betrügt. und man weiss es immer zu spät.
 

meine authentischen ansprüche - meine simulierten simula- tionen.
haben sich irgendwann alle trugbilder aufgebraucht, liegen in einem vakuum die nerven blank.
 

sich in die einsamkeit flüchten, um sich nicht mehr rechtfer- tigen zu müssen. oder um sich wieder nach den zustand der uneigentlichkeit sehnen zu können.
unplugged overconnected!
 

modifizierter Cioran: man kann sich immer am besten vor- stellen, wie man selber verkommt. aber man kann es sich nur vorstellen. die niederlage ist der allerkleinste teil der menschlichen erfahrung.
 

nicht gegen, sondern für windmühlen kämpfen.
also kein Don Quixote sein.
 

nehme ich niederlagen allzu ernst, muss ich sie nicht richtig ernst nehmen. ich kann zwischen wehmut und spott alles sagen, mit der geste einer gelassenen endgültigkeit.
 

jedem menschen seine kleine oder grosse bibliothek, da jedes gelesene buch den eigenen horizont bereichern kann. doch jedes buch ist auch eine zeit ungelebten lebens.
wofür es leider immer schlechte gründe gibt.
 

"die zahl aller übel, die alle lebewesen potentiell erleben können, ist durch die zahl möglicher zustände, in denen das sichtbare universum sich befinden kann, nämlich 10 hoch 10 hoch 123, nach oben begrenzt...", lässt Alexander Kluge in seinem buch "die lücke, die der teufel lässt" einen wissen- schaftler erklären.
 

lieber das mögliche unmöglich finden, als das unmögliche stets suchen müssen. insgeheim immer kompromissbereit sein. denn der kompromiss lässt keine niederlage zu.
 

wieder endet ein jahr der geldknappheit und des standhaltens.
es ist das problem von manchen problemen, dass sie wohl zu erträglich sind. viele missgeschicke ziehen wie kometen nur immer wieder vorbei.
 

mitunter das gefühl bloss ein zustand zu sein. ein zustand inmitten von umständen. beginnt man, seine fähigkeit zum scheitern zu bewundern, dann dauert es nicht lange, bis man sich darauf etwas einbildet und wieder auf den erfolg wartet.
 

"jede krise ist ein geschenk des schicksals an den schaffenden menschen."
Stefan Zweig
 

hat man zu viel ehrgeiz, schämt man sich für sein streben, und hat man zu wenig, ist es beängstigend.
ALLES SCHEITERN IST EINE PARODIE DES GROSSEN SCHEITERNS.