scheitern(hoch)x


notizen in neoliberalen zeiten

die sichere vagheit eines ich. und dagegen die unsichere klarheit des nicht-ich. sich selbst überlassen, oder sich nicht selbst überlassen in der je eigenen verlassenheit.
 

im zustand des überdrusses ist man schwer erreichbar. man erweist niemandem respekt, weil man seine enttäuschungen als etwas begreift, das einem wie ein schneckenhaus ganz allein gehört.
 

Pascal soll, als er in Port Royal an seinen Pensées schrieb, um sich herum ständig einen schutzwall aus büchern, stühlen oder menschen errichtet haben. so unmissverständlich muss seine angst vor dem abgrund gewesen sein.
 

mit einem kopf voller pläne am morgen aufwachen und sofort wissen, dass der tag allein mit einem gefühl der teilnahms- losigkeit zu bewältigen ist.
 

transzendente enge: ob man ein halb volles oder halb leeres glas in den händen hält, ist eigentlich egal. es ist auf jeden fall zu viel oder zu wenig.
 

"selbst wenn sich einer fände, der in einer stunde mehr zu ahnen vermöge, als andere in einem ganzen leben, dürfte er sich damit nicht zufriedengeben. er müsste es lernen, seine ahnungen, auch die, die er am meisten liebte, zu verwerfen und ganz unerhört zu finden, die ihn noch bedrohen."
Elias Canetti
 

ignoramus et ignorabimus - wir wissen es nicht und wir werden es wohl nie wissen, was der vorteil von einem nachteil ist. denn es sind nicht immer die kerzen, die auf den nägeln brennen, wie es auch nicht immer ein elefant sein muss, der einen porzellan- laden aufsucht.
 

wie oft wartet man beim schreiben auf einen einfall, auf eine zündende idee, die den eigenen sätzen einen sinn verleiht. aber man schreibt weiter. immer weiter.
 

es ist schwierig, die vermessenheit für mehr als einen tiefen gedanken pro tag aufzubringen.
 

die grenzen meiner vorstellungskraft sind auch die grenzen meiner empfindungen. doch schützt dies nicht vor prekären situationen, die man sich wie manche gräueltaten in einem thriller niemals selbst vorstellen kann.
 

man tappt in jede falle, packt alles falsch an und geht aus jeder pleite gestärkt hervor. man ist ein clown in der manege, der ein publikum zum lachen bringen muss.
 

"Erfolgreich scheitern - vom Können zur Meisterschaft"
wer in jedem schiffbruch einen gewinn sieht, kann nur ein unternehmensberater sein.
 

wie gross ist die angst vor gescheiterten existenzen. fast jeder reagiert sofort mit mitleid. der schnorrer auf der strasse bekommt deshalb kleingeld, der politiker wählerstimmen und ein künstler ein stipendium.
 

man zieht seine grenzen in zweifel, um die eigenen potentiale zu übersteigen. eine derartige exzentrik hält das begehren aufrecht. aber unter der bedingung, dass es auch mit seinen defiziten konfrontiert wird und sich dann verachtet.
 

das recht zu scheitern ist der wahn der erfolglosen.
einen menschen erkennt man, wenn er vor einem abgrund steht, also in dem moment, wenn er macht erhält.
 

einen unanfechtbaren text schreiben und in der argumentation den richtigen ton finden.
in dem streben nach perfektion hat man täglich einen inneren kampf auszufechten, um sich seiner mängel zu versichern.
 

"ich bin nicht ehrgeizig: ich bin stolz."
Cesare Pavese
 

Karl Valentin: wenn jemand offen über seine niederlagen spricht und behauptet, er habe aus fehlern nützliche konsequenzen gezogen, habe ich den eindruck, dass wir nicht dieselbe sprache sprechen.
 

kein verdruss ohne mangel, kein verdruss ohne genuss.
von niederlagen lernen, dass zu wenig von ihnen zu lernen ist. so macht schaden manchmal klug.
 

an seinem stil feilen und sätze formulieren wie Flaubert, der seine manuskripte in die natur geschrien hat, um zu prüfen, ob sie lautlich stimmig klingen. oder so feinfühlig und einfach schreiben wie Rousseau, der immerhin achtzehn stunden täglich an seiner nouvelle Héloise gearbeitet haben soll. doch warum? hält man zu beharrlich an einer arbeit fest, bleibt einem irgendwann nur noch die kraft der zerstörung.
 

den erfolg als einen gradmesser für sein handeln akzeptieren, d.h. im grunde genommen, die freude am unlösbaren auf die spitze treiben.
 

die augen dem masslosen geöffnet. aber es sind nur die augen.
wann immer ich glaube, eine wesentliche erfahrung zu machen, habe ich das gefühl, mich zu hintergehen.
 

wie viele blüten und insekten eine wiese vor der sommerdürre hervorbringt. das erfolgreiche scheitern der natur ist ihre hysterische vergeudung.
 

Breton: alles, was im grossen und kleinen geschieht, ist so phantastisch, dass ich es mir bloss mit einer imposanten einbildungskraft vorstellen kann.
 

noch nicht gänzlich erschöpft irgendwo zwischen dem unmög- lichen und dem gar nicht mehr möglichen gestrandet sein. eine erfahrung, die nicht gänzlich deformiert, ist wie fast jede menschenmögliche erfahrung eine illusion.
 

wer frei sein will von illusionen, muss sich nach Gracián gründlich ent-täuschen. er darf in seinem leben keine gelegenheit zur täuschung auslassen, schrieb er in seinem Kritikon.
 

moderner Hiob: wenn ein unternehmerischer geist von ihm besitz ergreift und es aufwärts mit ihm geht, dann träumt er nachts von seinem untergang.
 

die monotone notwendigkeiten von montag bis freitag, die geduld ist das und so weiter.
man ist erfolgreich, weil man keinen akzeptablen grund zum aufgeben hat. und man muss erfolgreich sein, da man sich ständig so verhält, als sei man es bereits.
 

wer es aufgegeben hat, danach zu streben, wonach auch andere streben, der kann auf vieles verzichten. bildet er sich jedoch darauf etwas ein, wird er sich bald dafür rechtfertigen müssen, dass er sich nicht mehr rechtfertigt.
 

aber druck setzt mitunter verborgene kräfte und neue qualitäten frei. bei der gerade in meiner faust zermanschten schmeiss- fliege ist es ein grün-gelber saft.
 

das ausgehaltene zögern zwischen verwegenheit und furcht.
aus angst vor enttäuschungen an einer erfolgsphobie leiden.
 

wofür sollen sich kinder in dieser zeit begeistern?
für explosionen?
oder für implosionen?
 

all die irrtümer, die mit so viel mühe gegen frühere begangen werden. die vergeblichkeit mancher klimmzüge bedrückt nicht, sie höhlt mich aus, um platz für den komödianten in mir zu schaffen.
 

was soll man jemandem entgegnen, der von sich behauptet, aus reiner selbstlosigkeit zu handeln?
will man sich nicht kompromittieren, kann man ihn bloss loben.
 

kafkaeske texte lesen sich heute als harmlose tragödien. sie können nicht mehr richtig erschüttern. zu viele ereignisse haben sie inzwischen in den schatten gestellt: der holocaust, die atombombe, die neoliberale technokratie...
 

egal wie tief man gesunken ist, man kann nicht aufrichtig über seine flauten sprechen, ohne zu übertreiben. man muss mitunter leiden erfinden, um sie mit jemandem teilen zu können.
 

gegendarstellung: gemessen an meinen lebenserfahrungen bleibt mein schreiben ein artifizielles unternehmen. ich kann nur der sekretär meiner erfundenen empfindungen sein.
 

es gibt keine krise, der man nicht ebenso gute seiten abge- winnen kann. einzig die fiktive idee von einer krise behält ihren wert.
 

prädestiniert sein zum scheitern, der grossen illusion.
man ist mit sich selbst nie zufrieden genug, um wirklich aufgeben zu können.
 

wenn vorahnungen eintreffen, ergibt sich das zu erwartende.
authentische verlierer sind vielleicht nur noch nach einem peinlich verlorenen fussballspiel in der bundesliga zu finden.
 

das aussergewöhnliche anstreben und bis zum äussersten gehen...
UM DEN MOMENT DES SCHEITERNS HINAUSZUZÖGERN.