"scheitern(hoch) x" - notizen und nachträge
weil man zu vorsichtig, zu langsam ist, weil man oft zu wenig selbst- vertrauen hat,
versucht man, seine mängel als eine herausforderung zu begreifen. hat man damit erfolg, erlebt man
sich wieder als eine in vorgegebene perspektiven eingepasste existenz.
*
das bewusstsein für meine mängel verschafft mir ein überlegendes wissen, ein wissen
von dem, was mir fehlt und was mir abhanden gekommen ist. es sorgt dafür, dass ich
versuche, das zu verstehen, was mir fehlt.
*
man zieht seine grenzen in zweifel, um die eigenen möglichkeiten zu übersteigen. eine
solche exzentrik hält das begehren aufrecht. doch unter der bedingung, dass man auch
mit seinen defiziten konfrontiert wird und sich dann verachtet.
*
das recht zu scheitern ist der wahn der erfolglosen.
einen menschen erkennt man, wenn er vor einem
abgrund steht, also in dem moment, wenn er macht erhält.
*
im zustand des überdrusses ist man schwer erreichbar. man erweist niemandem respekt,
wenn man seine enttäuschungen als etwas begreift, das einem wie ein schneckenhaus
ganz allein gehört.
*
Pascal soll, als er in port royal an seinen pensées schrieb, um sich herum ständig einen
schutzwall aus büchern, stühlen oder menschen errichtet haben. so unmissverständlich
muss seine angst vor dem abgrund gewesen sein.
*
mit einem kopf voller pläne am morgen aufwachen und sofort wissen, dass dieser tag nur
mit einem gefühl der teilnahmslosigkeit zu be- wältigen ist. top cool.
*
ob man ein halb volles oder halb leeres glas in den händen hält, ist eigentlich egal. es ist
auf jeden fall zuviel oder zuwenig.
*
"selbst wenn sich einer fände, der in einer stunde mehr zu ahnen vermöge, als andere in
einem ganzen leben, dürfte er sich damit nicht zufriedengeben. er müsste es lernen, seine
ahnungen, auch die, die er am meisten liebte, zu verwerfen und ganz unerhört zu finden,
die ihn noch bedrohen."
(Elias Canetti)
*
ignoramus et ignorabimus - wir wissen es nicht und wir werden es nicht wissen. denn
es sind nicht immer die kerzen, die auf den nägeln brennen, wie es auch nicht nicht immer
ein elefant sein muss, der einen porzellanladen besucht.
*
die grenzen meiner vorstellungskraft sind auch die grenzen meiner empfindungen. und
doch kann es wie in einem guten krimi prekäre situationen geben, die man sich selbst nicht
vorstellen kann.
*
er tappt in jede falle, packt alles falsch an und geht doch aus jeder pleite gestärkt hervor.
er ist ein clown, der in der manege sein publikum zum lachen bringen muss.
*
"Erfolgreich scheitern - vom Können zur Meisterschaft."
wer in jedem schiffbruch einen gewinn sieht, kann nur ein unter- nehmensberater sein.
*
jedes fiasko ist eine frage der nerven. als betroffener kann man ein desaster nicht allzu
lange ertragen, ohne dass man sich etwas darauf einbildet.
*
wie gross ist die angst vor gescheiterten existenzen. fast jeder reagiert sofort mit mitleid.
der schnorrer auf der strasse bekommt deshalb manchmal kleingeld, der politiker wählerstimmen und
ein künstler, wenn er sich ordentlich bemüht, ein stipendium.
*
einen unanfechtbaren text schreiben und in der argumentation den richtigen ton finden.
in dem streben nach perfektion fechtet man täglich einen inneren kampf aus, nur um
sich seiner mängel zu versichern.
*
"ich bin nicht ehrgeizig: ich bin stolz."
(Cesare Pavese)
*
karl valentin: wenn jemand offen über seine niederlagen spricht und behauptet, er habe
aus seinem scheitern die konsequenzen gezogen, habe ich den eindruck, dass wir nicht
dieselbe sprache sprechen.
*
von niederlagen lernen, dass zu wenig von ihnen zu lernen ist. so macht schaden manchmal klug.
*
an seinem stil feilen und sätze formulieren wie Flaubert, der seine manuskripte in die
natur geschrien hat, um zu prüfen, ob sie lautlich stimmig waren. oder so feinfühlig
und einfach schreiben wie Rousseau, der immerhin achtzehn stunden täglich an seiner
nouvelle Héloise gearbeitet haben soll. doch warum? wenn man zu beharrlich an einer
arbeit festhält, bleibt irgendwann nur noch die kraft der zerstörung.
*
den erfolg als einen gradmesser für sein handeln akzeptieren, d.h. im grunde genommen,
die freude am unlösbaren auf die spitze treiben.
*
Breton: alles, was im grossen und kleinen geschieht, ist so phantastisch, dass es nur mit
einer grossen einbildungskraft vorstellbar ist.
*
die augen dem masslosen geöffnet. aber es sind nur die augen.
wann immer ich glaube, eine wesentliche erfahrung zu machen, habe ich das gefühl, mich zu
hintergehen.
*
noch nicht gänzlich erschöpft irgendwo zwischen dem unmöglichen und dem gar nicht mehr möglichen
gestrandet sein. eine erfahrung, die nicht deformiert und defiguriert, ist wie jede menschenmögliche
erfahrung eine zumutung.
*
wer frei sein will von illusionen, muss sich nach Gracián gründlich ent- täuschen. er darf
in seinem leben keine gelegenheit zur täuschung auslassen, schreibt er in seinem Kritikon.
*
so viele blüten und insekten eine wiese vor der sommerdürre her- vorbringt.
der erfolg der natur ist ihre hysterische vergeudung.
*
moderner Hiob: wenn ein unternehmerischer geist von ihm besitz ergreift und es aufwärts mit ihm geht,
dann trät er nachts von meinem untergang.
*
man ist erfolgreich, weil man keinen akzeptablen grund zum scheitern kennt. und man
muss erfolgreich sein, da man sich ständig so verhält, als sei man es bereits.
*
wer es aufgegeben hat, danach zu streben, wonach auch andere streben, der kann auf
vieles verzichten. bildet er sich jedoch darauf etwas ein, wird er sich bald umso stärker
dafür rechtfertigen müssen, dass er sich nicht mehr rechtfertigt.
*
"abergläubisch sein zu können zählt immer noch zu jenen künsten, die werden sie
meisterhaft ausgeführt, den höheren menschen kenn- zeichnen."
(Fernando Pessoa)
*
das ausgehaltene zögern zwischen verwegenheit und furcht.
aus angst vor enttäuschungen an einer erfolgsphobie leiden.
*
all die irrtümer, die mit so viel mühe gegen frühere begangen werden.
die vergeblichkeit mancher klimmzüge bedrückt nicht, sie höhlt mich aus, um platz für den
komödianten in mir zu schaffen.
*
was soll man jemandem entgegnen, der von sich behauptet, aus reiner selbstlosigkeit zu
handeln?
will man sich nicht kompromittieren, kann man ihn nur loben.
*
egal wie tief man gesunken ist, man kann nicht aufrichtig über seine flauten sprechen,
ohne zu übertreiben. man muss mitunter leiden erfinden, um sie mit jemandem teilen zu
können.
*
gegendarstellung: gemessen an meinen lebenserfahrungen bleibt mein schreiben ein artifizielles unternehmen.
ich kann nur der sekretär meiner erfundenen empfindungen sein.
*
es gibt keine krise, der man nicht auch gute seiten abgewinnen kann. nur die fiktive idee
von einer krise behält ihren wert.
*
das aussergewöhnliche anstreben und bis zum äussersten gehen ...
UM DEN MOMENT DES SCHEITERNS HINAUSZUZÖGERN.