scheitern(hoch)x


gedanken aus der hocke

mit einem kopf voller pläne aufwachen und sofort wissen, dass der tag einzig und allein mit einem gefühl der teilnahmslosigkeit zu bewältigen ist.
 

unsichtbar werden oder lieber davonlaufen.
es gibt so viele menschen, denen man ihre einsamkeit gar nicht
mehr ansieht. sie lächeln zu viel.
 

die sichere vagheit eines ich. und die unsichere klarheit eines nicht-ich. sich selbst überlassen oder sich nicht überlassen in einer je eigenen verlassenheit.
 

Pascal soll, als er in Port Royal an seinen Pensées schrieb, um sich herum ständig einen schutzwall aus büchern und stühlen errichtet haben. so unmissverständlich muss seine angst vor einem unergründlichenen abgrund gewesen sein.
 

könnte man einmal gesagt haben, dass alles was der fall sei, nur ein beispiel des möglichen ist?
wenn man den tag seiner letzten illusion kennen würde...
 

man tappt in jede falle, packt alles falsch an und geht aus jeder pleite gestärkt hervor. man ist ein clown in der manege, der ein publikum zum lachen bringen muss.
 

"Erfolgreich scheitern - vom Können zur Meisterschaft"
wer in jedem schiffbruch einen gewinn sieht, kann nur ein unternehmensberater sein.
 

transzendente enge: ob man ein halb volles oder halb leeres glas in den händen hält, ist eigentlich egal. es ist auf jeden fall zu viel oder zu wenig.
 

"selbst wenn sich einer fände, der in einer stunde mehr zu ahnen vermöge, als andere in einem ganzen leben, dürfte er sich damit nicht zufriedengeben. er müsste es lernen, seine ahnungen, auch die, die er am meisten liebte, zu verwerfen
und ganz unerhört zu finden, die ihn noch bedrohen."
Elias Canetti
 

wie oft wartet man beim schreiben auf einen einfall, auf eine zündende idee, die den eigenen sätzen einen sinn verleiht.
doch man schreibt weiter. immer weiter.
 

das schweigen aus allen löchern löchert geheimnislos.
es ist schwierig, die vermessenheit für mehr als einen tiefen gedanken pro tag aufzubringen.
 

lieber das mögliche unmöglich finden, als das unmögliche stets suchen müssen.
man zieht seine grenzen in zweifel, um sich zu übertreffen. eine derartige exzentrik hält das begehren aufrecht, führt allerdings auch dazu, dass man zu häufig mit seinen defiziten konfrontiert wird und sich dann verachtet.
 

das recht zu scheitern ist der wahn der erfolglosen.
einen menschen erkennt man, wenn er vor einem abgrund steht, also in dem moment, wenn er macht erhält.
 

einen unanfechtbaren text schreiben und in der argumentation den richtigen ton finden.
in dem streben nach perfektion hat man täglich einen inneren kampf auszufechten, um sich seiner mängel zu versichern.
 

Karl Valentin: wenn jemand offen über seine niederlagen spricht und behauptet, er habe aus fehlern einträgliche konsequenzen gezogen, habe ich den eindruck, dass wir nicht dieselbe sprache sprechen.
 

kein verdruss ohne mangel, kein verdruss ohne genuss.
von niederlagen lernen, dass zu wenig von ihnen zu lernen ist. so macht schaden manchmal klug.
 

an seinem stil feilen und sätze formulieren wie Flaubert, der seine manuskripte in die natur geschrien hat, um zu prüfen, ob sie stimmig klingen. oder so feinfühlig und eindeutig schreiben wie Rousseau, der immerhin achtzehn stunden täglich an seiner nouvelle Héloise gearbeitet haben soll. indes warum? hält man zu beharrlich an einer arbeit fest, bleibt einem irgendwann nur noch der übermut der zerstörung.
 

den erfolg als einen gradmesser für sein handeln akzeptieren, d.h. im grunde genommen, die freude am unlösbaren auf die spitze treiben.
 

die augen dem masslosen geöffnet in masslosen augenblicken.
wann immer ich glaube, eine wesentliche erfahrung zu machen, habe ich das gefühl, mich zu hintergehen.
 

Breton: alles, was im grossen und kleinen geschieht, ist so phantastisch, dass jeder es sich bloss mit einer bizarren einbildungskraft vorstellen kann.
 

wer frei sein will von illusionen, muss sich nach dem jesuiten Gracián gründlich ent-täuschen. er darf keine gelegenheit zur täuschung auslassen, schrieb er in seinem Kritikon.
 

moderner Hiob: wenn ein unternehmerischer geist von ihm besitz ergreift und es aufwärts mit ihm geht, dann träumt er nachts von seinem untergang.
 

die monotonen notwendigkeiten von montag bis freitag, die geduld ist das und so weiter.
man ist erfolgreich, weil man keinen akzeptablen grund zum aufgeben hat. und man muss erfolgreich sein, da man sich ständig so verhält, als sei man es bereits.
 

"ich bin nicht ehrgeizig: ich bin stolz."
Cesare Pavese
 

vernissagen sind geburtstagspartys oder beerdigungen. wegen all der vielen bekannten und verwandten, die einem beharrlich angenehmes sagen wollen. mit solchen festivitäten werde ich älter, gleichgültiger und austauschbar.
 

wer es aufgegeben hat, danach zu streben, wonach auch andere streben, der kann auf einiges verzichten. bildet er sich jedoch darauf etwas ein, wird er sich bald dafür rechtfertigen müssen, dass er sich nicht mehr rechtfertigt.
 

aber druck setzt mitunter verborgene kräfte und neue qualitäten frei. bei der in meiner faust eben zermanschten schmeissfliege ist es ein grün-gelber saft.
 

das ausgehaltene zögern zwischen verwegenheit und furcht.
aus angst vor enttäuschungen an einer erfolgsphobie leiden.
 

Camus: warum soll ich mich über ärgernisse ereifern, die ich bald wieder vergessen habe? die unzufriedenheit über grosse und kleine missgeschicke geht vorüber. was bleibt sind einzig erwartungen, der grund für die innere revolte.
 

all die irrtümer, die mit so viel mühe gegen frühere begangen werden. doch die vergeblichkeit mancher klimmzüge bedrückt nicht, sie höhlt mich aus, um platz für den komödianten in mir zu schaffen.
 

was soll man jemandem entgegnen, der von sich behauptet, aus reiner selbstlosigkeit zu handeln?
will man sich nicht kompromittieren, kann man ihn bloss loben.
 

kafkaeske texte lesen sich heute als harmlose tragödien. sie können nicht mehr richtig erschüttern. zu viele ereignisse haben sie inzwischen in den schatten gestellt: der holocaust, stalins arbeitslager, die atombombe, die neoliberale technokratie...
 

egal wie tief man gesunken ist, man kann nicht aufrichtig über seine niederlagen sprechen, ohne zu übertreiben. man muss mitunter leiden erfinden, um sie mit jemandem teilen zu können.
 

gegendarstellung: gemessen an meinen lebenserfahrungen ist mein schreiben ein artifizielles unternehmen. ich kann nur der sekretär meiner erfundenen empfindungen sein.
 

es gibt keine lebenskrise, der man nicht gleichfalls gute seiten abgewinnen kann. einzig die fiktive idee von einer krise behält ihren wert.
 

es ist wieder wie immer um diese zeit vier uhr morgens.
und es ist nicht alles schlecht, was schlecht ist.
 

prädestiniert sein zum scheitern, der grossen illusion.
man ist mit sich selbst nie zufrieden genug, um wirklich aufgeben zu können.
 

wenn vorahnungen eintreffen, ergibt sich das zu erwartende.
authentische verlierer sind vielleicht nur noch nach einem peinlich verlorenen fussballspiel in der bundesliga zu finden.
 

wofür sollen sich kinder in dieser zeit begeistern?
für explosionen?
oder für implosionen?
 

das aussergewöhnliche anstreben und bis zum äussersten gehen...
UM DEN MOMENT DES SCHEITERNS HINAUSZUZÖGERN.