scheitern(hoch)x


notizen in neoliberalen zeiten

als einer der kuratoren der biennale in Venedig erklärt, dass es nach den erfolgreichen jahren nun das ziel der kunst sei zu scheitern, entgegnet ihm ein kritiker, dass man eben daran gescheitert sei. worauf der kurator aber insistiert, dass dies ja dem konzept entspreche.
 

das ideal einer kunst behaupten, welche zu nichts brauchbar ist und niemandem nützt. also eine artistik des NICHTkönnens anstreben, um sich jeder vereinnahmung zu entziehen. es gibt alles in allem nichts lächerliches.
 

oder ein buch schreiben, nicht um es zu veröffentlichen, sondern um etwas in petto zu haben.
kreativität ist das opium der kreativen.
 

wenn literatur mit ihrem anspruch auf unabhängigkeit nur noch auf den literaturbetrieb reagiert, wird umso mehr geschrieben. meist sogar schneller als gelesen.
 

die unvollendet gebliebenen texte von Ingeborg Bachmann mit ihren halb- und dreiviertelsätzen. da sie sich jeder eindeutigen interpretation verweigern, bewahren sie ein schwebendes geheimnis.
ein autor sollte darauf verzichten, letzte hand an sein werk zu legen.
 

der kreative geist darf geniale gemeinheiten ausbrüten, d.h. schamlos sein.
die kunst ist der sicherste ort für intime gefühle.
 

"einmal, bei der betrachtung eines schönen bildes, überkam mich eine neuartige erregung-- war sie hervorgerufen durch die ehrlichkkeit des malers, durch die aufrichtigkeit letzten endes die, das unvermögen zu sprechen auf der flucht in die sinne, im abbilde oder in der abreaktion ein unzulängliches manifest der impulse findet?"
Oswald Wiener
 

JOKE.VIAGRA,
HYSTERIA_1784,
BOO/THREE-DEVIL,
WORDMACRO.NENMESIS,
ZERO-TRANSLATOR,
ARMAGEDDON.1079,
TR/GHOSTMAIL-51,
CYBER RIOT:
computerviren wollen als aphorismen gelesen werden.
 

einen text schreiben, in dem jede zeile ein fake ist, jeder syntaktische ausfall eine subversion. wer an die kraft des scheiterns glaubt, will verstören, indem er stört. doch seine empörung wird irgendwann nur noch ernst genommen, wenn seine rebellionen tatsächlich missglücken.
 

als der grieche Herostratos eines der sieben weltwunder, den Artemis-Tempel in Ephesus, in brand steckte, wollte er mit der aussicht auf die todesstrafe berühmt werden. er tauschte wie so viele künstler in der heutigen mediengesellschaft sein wirkliches leben gegen die virtualität der aufmerksamkeit ein.
 

aufrührerische gedichte, ketzerische bilder, provozierende theaterstücke, derlei hat allein eine diktatur zu bieten. sie nimmt die kunst ernst, zwingt sie zu deutlichen zweideutig- keiten.
 

bei der zweiten berlin-biennale wurde das publikum endlich einmal vor der kunst gewarnt. eine tafel erklärte neben einer video-installation, dass die gefühle und der sittliche anstand verletzt werden könnten.
 

der stete fortschritt in der kunst. es wird dem auge immer mehr zugemutet. die pupille schärft sich und der sehnerv erschlafft.
 

amor fati: man sollte sich nur auf eine welt beziehen, die einem vollkommen vertraut ist und in der man ganz zuhause ist. auf eine welt also, die aus täuschungen besteht.
 

dass man sich gar nicht mehr vorstellen mag, was ästhetische innovationen in 50 jahren sein könnten. ein schwarzes quadrat, das permanente rauschen der stille, die fülle des nichts gab es bereits zu oft und in aller ausführlichkeit.
 

"Ever tried, ever failed. No matter try again, fail again, fail better."
ich werde ihn nicht bloss wegen Murphy, Molloy und Godot immer gern lesen. sondern auch weil sein streben nach dem misserfolg letztendlich so triumphal erfolglos war.
 

soll man tatsachen einfach respektieren?
wem es müssig erscheint, in jeder auseinandersetzung zu triumphieren, der kann es sich durchaus leisten zu unterliegen. doch nur, um damit wieder einen sieg zu erringen.
 

nicht müde, nicht erschöpft. und doch ausgepowert. in der schwermut fällt das denken unter das gravitationsgesetz.
 

"vielleicht gibt es irgendwann eine humane gesellschaft - eine gesellschaft also, in der man keine kunst braucht."
Heiner Müller
 

immer das letzte wort behalten: mal ein selbstloser narziss und ein anderes mal ein altruistischer egoist sein.
täglich diese selbstzufriedenheit. ohne sie geht gar nichts mehr.
 

mit der aufmerksamkeit, dem versprechen auf anerkennung lockt und umgarnt die gesellschaft den künstler. er hingegen kann/ will/ soll/ muss* die gesellschaft mit seinem versagen ködern.
* zutreffendes bitte streichen
 

Montaigne, der konsequente zweifler, hat nie einen satz aufgeschrieben.
 

COPY AND PASTE. alles schreiben ist nur noch ein puzzeln. so kommt man zu einem abfall für alle und von jedem.
Strg+A, Strg+C und Strg+V
 

formulierungen, die keine missverständnisse und keine peinlich-keiten zulassen. niederlagen hängen von grossen worten ab. sie sind verzeihbare beschreibungsversuche oder völlig missratene beschreibungen.
 

ein maler, der nicht mehr ausstellt, ein schriftsteller, der nichts veröffentlicht, ein schauspieler, der nicht auftritt...
wie man herausforderungen voraus bleiben kann.
 

die noblesse des verzichts - stets mehr nicht benötigen zu müssen. eine raffgier der ganz anderen art, die sich exklusiv ausbreitet.
 

"there is no a quick sense out."
es genügt nicht zu stolpern, man muss auch zum fallen aufgelegt sein.
 

der zurückgezogene rückzug eines rückzuges: nach langen zögern habe ich den verworfenen satz trotzdem aufgeschrieben. aber nur um ihn, da er mir zu trivial erscheint, bald wieder zu streichen.
remove(remove);
 

die angst vor dem lächerlichen, dem allzu banalen.
die wahrheit liegt in der übertreibung. wer nicht übertreibt, lügt.
 

niederlagen sind eine art zu schmollen, eine leere prophezeiung.
 

effizient, aber ohne absicht untergehen, um zum verräter an all denen zu werden, die im scheitern einen tieferen sinn suchen.
IN ALLEM EIN MASSLOSER DILETTANT SEIN, mit einer professionellen frivolität.