"scheitern(hoch) x" - notizen und nachträge
als einer der kuratoren der biennale in venedig erklärt, dass es nach den erfolgreichen
jahren nun das ziel der kunst sei zu scheitern, entgegnet ihm ein kritiker, dass man
eben daran gescheitert sei. worauf der kurator aber insistiert, dass dies ja dem konzept
entspreche.
*
das ideal einer kunst behaupten, die zu nichts brauchbar ist und nie- mandem nützt.
oder eine ästhetik des NICHTkönnens, der peinlichkeiten anstreben, um sich jeder
vereinnahmung zu entziehen. es gibt alles in allem nichts unmöglicheres.
*
wie sehr kann man willentlich herunterkommen und verwahrlosen? sobald man wie ein
loser leben kann, ist man eigentlich keiner mehr.
*
Kafkas hungerkünstler konnte nicht bewundert werden. er hungerte nicht der kunst
wegen, sondern bloss aus einer unfähigkeit heraus, die richtige speise zu finden.
*
mit der aufmerksamkeit, dem versprechen auf anerkennung lockt und umgarnt die gesellschaft
den künstler. er hingegen kann/ will/ soll/ muss* die gesellschaft mit seinem
versagen ködern.
* zutreffendes bitte streichen.
*
ein buch schreiben, nicht um es zu veröffentlichen. sondern um etwas in petto zu haben.
kreativität ist das opium der kreativen.
*
wenn literatur mit ihrem anspruch auf unabhängigkeit nur noch auf den literaturbetrieb
reagieren kann, wird umso mehr geschrieben. meist sogar schneller als gelesen.
*
kann das verhältnis von angebot und nachfrage nicht mehr dem einzelnen kunstwerk
eine angemessene option auf aufmerksamkeit garantieren, scheitert die kunst an einer
permanenten überproduktion. unter dieser voraussetzung wird selbst der rückzug, das
jahrelange schweigen des Duchamp zu einer leeren geste.
*
die unvollendet gebliebenen texte von Ingeborg Bachmann mit ihren halb-und drei-
viertelsätzen. da sie sich jeder eindeutigen interpretation verweigern, bewahren sie ein
schwebendes geheimnis. ein autor sollte einfach darauf verzichten, letzte hand an sein
werk zu legen. diese wahrheit bleibt zumutbar.
*
bei der kreativen arbeit darf man eine geniale gemeinheit ausbrüten, d.h. schamlos sein.
ein kunstwerk ist heute der sicherste ort für intime gefühle.
*
"einmal, bei der betrachtung eines schönen bildes, überkam mich eine neuartige erregung--
war sie hervorgerufen durch die ehrlichkkeit des malers, durch die aufrichtigkeit letzten
endes die, das unvermögen zu sprechen auf der flucht in die sinne, im abbilde oder in der
abreaktion ein unzulängliches manifest der impulse findet?"
(Oswald Wiener)
*
JOKE.VIAGRA,
HYSTERIA_1784,
BOO/THREE-DEVIL,
WORDMACRO.NENMESIS,
ZERO-TRANSLATOR,
ARMAGEDDON.1079,
TR/GHOSTMAIL-51,
CYBER RIOT:
computerviren wollen als aphorismen gelesen werden.
*
einen text schreiben, in dem jede zeile ein fake ist, jeder syntaktische ausfall eine subversion
sein will. wer an die kraft des scheiterns glaubt, will verstören, indem er stört. doch
seine empörung nimmt man ihm irgendwann nur noch ab, wenn seine rebellionen missglücken.
*
als der grieche Herostratos eines der sieben weltwunder, den artemistempel in ephesus,
in brand steckte, wollte er mit der aussicht auf die todesstrafe berühmt werden. er tauschte
wie so viele künstler in der heutigen mediengesellschaft sein wirkliches leben gegen die
virtualität der aufmerksamkeit ein.
*
eine aufrührerische literatur, ketzerische bilder, provozierende theater- stücke: derlei hat
nur eine diktatur zu bieten. sie nimmt die kunst ernst, zwingt sie zu deutlichen zweideutigkeiten.
*
ab und zu das recht auf unnötig schlechte kunst einklagen. die trivialität ist die fortsetzung
der ernsthaftigkeit mit anderen mitteln.
*
bei der zweiten berlin-biennale wurde das publikum wieder vor der kunst gewarnt. eine
tafel erklärte neben einer video-installation, dass die gefühle und
der sittliche anstand verletzt werden könnten.
der stete fortschritt in der kunst: es wird dem auge immer mehr zugemutet. die pupille
schärft sich, der sehnerv wird geschwächt.
*
amor fati: man sollte sich nur auf eine welt beziehen, die einem vollkommen vertraut ist, in der man
ganz zuhause ist. auf eine welt, die aus täuschungen besteht.
*
"Ever tried, ever failed. No matter try again, fail again, fail better."
ich werde ihn nicht nur wegen Murphy, Molloy und Godot immer wieder lesen. sondern
auch weil sein kampf um den misserfolg so erfolgreich, letztendlich so triumphal erfolglos
war.
*
soll man tatsachen einfach respektieren?
wem es müssig erscheint, in jeder auseinandersetzung zu triumphieren, der kann es sich
durchaus leisten zu unterliegen. doch nur, um damit wieder einen sieg zu erringen.
*
kein ruhm, der nicht verachtenswert erscheint, und kein berühmtsein ohne den preis dieser
verachtung. der heros ist in erster linie das opfer einer ipsofaktischen entwertung.
*
"vielleicht gibt es irgendwann eine humane gesellschaft - eine gesellschaft also, in der man
keine kunst braucht."
(Heiner Müller)
*
immer das letzte wort behalten: mal ein selbstloser narziss und ein anderes mal ein altruistischer
egoist sein.
*
wenn man ohne wenn und aber so wie mit der grossen zehe die nasenspitze auch den gestrigen tag mit dem
heutigen verbinden könnte.
es genügt nicht, keinen erfolg zu haben. man muss auch unfähig sein, ihn anzustreben.
*
Montaigne, der konsequente zweifler, hat nie einen satz aufgeschrieben.
*
COPY AND PASTE. alles schreiben ist nur noch ein puzzeln. so kommt man zu einem
abfall für alle und von jedem.
Strg+A, Strg+C und Strg+V
*
formulierungen, die keine missverständnisse und auch keine zustimmung zulassen.
niederlagen hängen von grossen worten ab. sie sind beschreibungsversuche oder ge-
scheiterte beschreibungen.
*
es ist so einfach sich zu durchschauen, und es führt zu nichts.
wem es zur gewohnheit wird, den schein zu entlarven, der muss auf alles zielen und noch
darüber hinausgehen.
*
ein maler, der nicht mehr ausstellt, ein schriftsteller, der nichts mehr veröffentlicht, ein
schauspieler, der nicht mehr auftritt ...
wie man herausforderungen voraus bleiben kann.
*
um zu beweisen, dass in der heute um aufmerksamkeit buhlenden kunst das scheitern
zu einer theatralischen attitüde verkommen ist, hat sie in ihrem essay von den griechen
über die romantik bis zur pop-art die geschichte bemüht und bei Nietzsche, Heidegger,
Adorno und Derrida zitate gesucht. so viel aufwand, bloss um an dem unerreichbaren
ideal einer authentischen destruktion festhalten zu können.
*
"there is no a quick way out."
es genügt nicht zu stolpern, man muss auch zum fallen aufgelegt sein.
*
der zurückgezogene rückzug eines rückzuges: nach langen zögern habe ich den bereits
verworfenen satz trotzdem aufgeschrieben, um ihn, da er mir doch zu trivial erscheint,
wieder zu streichen.
remove(remove);
*
niederlagen sind eine art zu schmollen,
eine leere prophezeiung.
*
effizient, aber ohne absicht untergehen, um zum verräter an all denen zu werden, die noch
im scheitern eine bedeutung suchen.
IN ALLEM EIN MASSLOSER DILETTANT SEIN, mit einer professionellen frivolität.