kälteverlust


ein anhaltendes selbstgespräch

diese unzähligen münder, wenn in kommunikativen röhren immer dasselbe gesagt wird.
und je mehr aufgeschrieben, desto unverständlicher dann.

 
vielleicht ist man ein versager, da man sich nicht dazu bekennen kann, ein versager zu sein.

 
pfefferkuchen, spekulatius und dominosteine können schon im september en masse gekauft werden. weihnachtsbäume und adventssterne aber noch nicht.

 
meine neigung zu übervollen stimmen am abend. entweder Maria Callas oder Joan Baez.

 
nachts, wenn fast alle schlafen, ist die gespielte musik im radio erträglicher.

 
schon wieder drei statt zwei bier ausgetrunken, ohne einen bemerkenswerten ein- oder ausfall notiert zu haben.
wohin soll das führen? ich weiss es nicht und ich will es überhaupt nicht wissen.

 
am sternenfirmament eine lichtjahre währende zerstreuung.
der absolute weltgeist ist in vielen schriften Hegels recht vage behauptet. selbst er war sich seiner sache nicht absolut sicher.

 
mir zum 46. gratuliert. und auf vielfachen wunsch höre ich noch immer auf meinen namen.
meine mütter könnte heute so wie sie war, als sie mich gebar, meine tochter sein.

 
ein zweites leben führen, das sich von dem bisher gelebten und noch zu lebenden in zahlreichen details unterscheidet. als kon- sequente selbstverleugnung.

 
wild bedrohliche biotope wie den regenwald im Amazonas gibt es irgendwann nur noch als dokumentarfilm oder als computer- simulation.

 
der fernseher flimmert plötzlich und das radio rauscht.
solange die technik störanfällig bleibt, besteht noch hoffnung für die hoffnung.

 
der graue himmel mitten im völlig verregneten september als bestimmtheitsgabe. vielleicht ist jeder tiefe atemzug eine art sich zu wehren.

 
die furcht, dass man mit lebensnotwendigen manien bloss lächerlich sein kann, wie ein wahnsinniger wirken würde.

 
früher oder später wird sich einmal herausstellen, dass sogar das wetter von den international agierenden geheimdiensten gesteuert wird. alle naturkatastrophen bekommen dann eine verschwörungstheorie.

 
es ist schwierig, es ist sehr schwierig und häufig ist es für einen schreiber äusserst schwierig.
doch zehn neue wörter an einem tag zu erfinden, das schafft im jahr summa summarum bereits eine neue sprache.

 
je älter und desillusionierter ich werde, desto mehr misstraue ich tagebuch-monologen. es gibt nichts offensichtlicheres als die dokumentierte selbst-inszenierung.

 
in zeiten der sprachnot und schreibhemmungen meine flucht zu C. M. Wieland, zum avantgardisten avant la lettre.

 
an diesem sonnigen wochenende belagern meine wiese am Nordufer so viele menschen wie sonst nie. sie stehen da wie landvermesser.
aber es sind gelangweilte touristen einer urbanen stadtführung.

 
bloss noch vereinzelt entrückte gedanken. ein jeder hat etwas zu sagen in eine darauf folgende stille.
in wahrheit ist alles nur halb so doppelt.

 
die zeitung von der sonne noch ungebräunt. so als ob nichts tatsächliches, nichts gefährliches geschehen könne.

 
in urbanen strassencafés werden die spatzen zu aufdringlichen schnorrern. sie haben keine scheu vor den menschen. statt auf futtersuche zu gehen, erbetteln sie sich essbares, so als würden sie reparationsleistungen einfordern.

 
überall schmutz und treibhausgase als eine weltweite verundeutlichung.

 
allzu gebräuchliche wörter wie klimawandel, ozonloch oder emissionshandel ergeben einzig noch rückwärts gelesen einen merkwürdigen sinn.

 
die zukunft der menschlichen zivilisation wird weniger von technischen fortschritten als von wetterberichten abhängen.

 
den tiefsinnigen blick an einem faulen tag so lange halten, bis keine andere vorstellung mehr von ihm möglich ist.

 
tinnitus? oder eine defekte energiesparlampe? im bad summt es jedenfalls seit einer woche permanent penetrant.

 
letzte laubbeseitung: es ist nicht mehr der rauschende besen, der für ordnung sorgt, sondern das PS-starke motorgebläse einer kehrmaschine. morgens ab halb neun.

 
bloss noch ein grünfink auf einer blattlosen birke im hof, er erscheint da ziemlich gross.

 
was mir gestern nicht eingefallen ist, fällt mir heute auch nicht ein.
es gibt für zu vieles keine lösung.

 
manche metaphysische schwere ohne grund.
man erwarte die desillusionierung, man fürchte sie und man kann nicht ohne sie auskommen.