kälteverlust


ein anhaltendes selbstgespräch

fragen über fragen. wie soll mancher tag in zitierbaren sätzen oder vorstellbaren metaphern festgehalten werden? und was ist die antwort auf eine frage, die überhaupt keine frage ist?

 
in dieser zeit können frühbegabte im gegensatz zu einstigen spätbegabten (wie Kant, Fontane, Einstein...) bereits mit vier jahren lesen, machen mit 14 ihr abitur und gelangen mit 20 in vielversprechende gehaltspositionen.

 
ich gebe hier mal unumwunden zu, dass ich das unfassbare* nicht kenne. doch habe ich grund zu der annahme, dass wenn das unerfassbare* unerfassbar ist, es auch niemand anderes erfassen kann.

* undenkbare, unvorstellbare, unerkennbare

 
"die grosse kunst der aporetik, die einst alle gebiete der philo- sophie beherrschte, haben wir heutigen gründlich verlernt. sie muss wieder von grund aus erlernt werden."
Nikolai Hartmann, aus Metaphysik der Erkenntnis

 
besorgte frage gegen 23 uhr: ist der sich langsam auf der küchenwand nach oben transformierende punkt ein un- hygienisches insekt oder eine halluzination?

 
nukleare infernos, globale naturkatastrophen und terroristische invasionen gibt es als immer beeindruckendere untergangs-szenarien. in den grossen multiplex-kinos ist das unheimliche ohne ende, ein endzeitloser untergang.

 
die beruhigende sicherheit, dass überzogene befürchtungen noch niemals eingetroffen sind. und deswegen die angst, dass man derartige vorahnungen irgendwann nicht mehr hat.

 
mehlwürmer sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. nachdem ihre leibspeise, also alle mehlvorräte aus der küche in den müllcontainer gewandert sind, mehren sie sich munter weiter. erst als noch der traubenzucker, das puddingpulver und alte gewürznelken entsorgt werden, ist schluss mit dem para- sitären schlemmen.

 
"überall ist ausland!" - nach langer zeit ist im nobelsanierten Prenzlauer Berg wieder jener sponti-spruch auf einer hauswand zu lesen.

 
die unheimlichkeit von unbehausten eigentumswohnungen in dieser stadt. es sind die noblen zweit- und drittappartements von jetstream-besitzern.

 
nach allzu munter kommt allzu müde, und nach fest lose. wer hat die schraube wieder überdreht?

 
der mensch muss essen, trinken und jeden monat seine teurer werdende miete zahlen. wann gelingt es endlich einmal, die kontonummern zu korrigieren. das muss doch möglich sein.

 
bier auf wein, das lass sein. doch was einst galt, gilt heute nimmer mehr. es wird alles zitiert und miteinander kombiniert. das glatte mit dem harten in der architektur, das alte mit dem neuen in der bildenden kunst, das leise mit dem lauten in der musik...
und dann noch potenziert publiziert oder realisiert.

 
der herzschlag, diese zeitbombe, trägt mich, ob ich es will oder nicht, stetig ungleichmässig.

 
standby: immer mehr elektrische geräte (jetzt auch die zahn- bürste, der kühlschrank sowieso und das handy ab und zu) ohne ausschalter in meiner wohnung. sie beanspruchen laut statistik bundesweit zwei atomkraftwerke.

 
kein blauer dunst am himmel, seit einer woche sündflutartiger regen und im wetterbericht keine warnung vor dem klimawan- deln. stattdessen vermeldet man erneut eine jahrhundertflut. wenn es jahr für jahr so weitergeht, werden wir alle noch biblische lebensalter erreichen.

 
wie wird man in 20, 30 jahren umweltkatastrophen managen? mit noch mehr technologie und wahrscheinlich ganz brillanter virtueller realität.

 
kann man müssen, wenn man nur möchten will?
es muss halt gedrückt werden, bis es platscht.

 
meine rückenschmerzen. es ist beruhigend zu wissen, dass ich wieder einen grund habe, nicht viel arbeiten zu können. und müssen dann ja auch nicht.

 
wenn ich wie Thoreau mir eine waldhütte als rückzugsort bauen könnte, würde ich anderes als Walden schreiben.
vielleicht gar nichts.

 
was für ein luxus und was für eine verschwendung von körper- wärme. meine wohnung hat fünf türen, acht fenster und einen grossen briefschlitz.

 
wie schon so oft gesagt: es gibt keinen grund, über den grund nachzudenken. und doch bleibt die frage, was man überhaupt noch über das tägliche aufschreiben hinaus weiss? ob man noch etwas weiss, das über das aufgeschriebene hinausweist?

 
manches ist zu blöd, anderes ziemlich gemein oder einfach gar nichts.
man kennt die meisten antworten zu gut, bevor man sie aus- spricht oder aufschreibt.

 
in voraussichtlich zehn jahren lässt sich dank höchst optimierter technologien das gesamte wissen der menschheit (von der ur- bis zur jetztzeit) in einem zuckerwürfel abspeichern. fällt er mal in eine kaffeetasse, dann muss der pott bis zum letzten tropfen ausgetrunken werden.

 
looser statt loser in der tageszeitung gelesen.
was das wohl zu bedeuten hat?

 
statt der üblichen langeweile seit einiger zeit eine ziellose ungeduld.
wenn ich in späten stunden grübele, flackert manchmal die deckenlampe.

 
"die theorienbildung beginnt im kindesalter: da fängt man an die zusammenhänge zu lieben."
Oswald Wiener

 
lästige spinnen als haustiere akzeptieren, und störende stubenfliegen als parasiten an sie verraten.

 
ein tag ohne bewegungen, ein tag wie im stillstand.
der sommer ist selbst mit nichts überflüssigem darunter zu heiss und sonst gar nichts.

 
vielleicht gibt es einmal eine intelligente lebensform, die klima-unabhängig leben und walten kann. erste algorithmen liegen dafür bereits vor.

 
laut kalender neumond und doch jault in der nachbarschaft, so als hätte er Leopardi gelesen, ein einsamer hund (oder ist es ein mensch).

 
sich langsamere bewegungen und reaktionen angewöhnen. so wird man eventuell mehr akzeptiert.

 
buchstaben en gros und stets die gleichen.
durchs lesen im laufe der jahre schwerer geworden. aber immer noch kein richtiges schwergewicht.

 
ich wiederhole mich seltener. ich werde immer besser.
jede ausgesprochene erkenntnis ist ein bluff.
quod erat demonstrandum.

 
besser texte vor mir als in mir anhäufen. und ab und an einen genitiv des genitivs wagen, also einen genitiv ins unendliche hinein steigern.
diese vielen selbstgespräche im kopf.

 
ein regenbogen im grauen junihimmel als hochmut gegenüber niemandem und gegen nichts.