überflieger in spe
seine weiteste Reise führte ihn als Ostdeutscher nach Kiew, und fast wäre er dort trotz Rückfahrkarte gestrandet. die damals zur Sowjetunion gehörende Millionenstadt war offiziell für den Individualreisenden unerreichbar. man durfte nur in einer Reisegruppe oder mit genehmigter Einladung in den sowjetischen Osten fahren. erst mit einem Trick gelang es, als einfacher Rucksack-Tourist dort Orte zu erreichen. das Reiseziel wurde einfach im Reiseantrag als Transit angegeben. er reiste dementsprechend mit einer Lebensgefährtin formell über Kiew nach Rumänien, was ein ziemlicher Umweg war, doch bei subventionierten Bahnkosten erschwinglich blieb und von den Behörden bestimmt wegen mangelnder geographischer Kenntnisse ohne Nachfragen abgestempelt wurde. in Kiew angekommen, genoss er stolz den Urlaub so lange, bis er erkannte, dass eine Platzkarte für die Weiterfahrt nach Bukarest benötigt wurde und nur mit Glück zu bekommen war. Reisebüros verkauften sie, vor denen immer eine undurchdringliche Menschentraube ausharrte. zwei Tage versuchte er vergeblich die Tickets zu kaufen und beschloss irgendwann, bis zur Grenze zu trampen. seine Partnerin sah die Sache realistischer, vor allem die Gefahren der Landstrasse, und probierte es allein weiter. sie hatte Glück und traf eine Reisende mit Insider-Kenntnissen. mit ihr gelang sie in das umschwärmte Office, bekam die Reservierungskarten, so dass man endlich nach Rumänien weiterfahren konnten. es schien auch dringend geboten, die Rubel waren ausgegeben und sein Magen durch einen Kwass, den er trotz Warnungen getrunken hatte, durchschlagend vergiftet.
in Kiew sah er so viele Bettler und Alkoholiker wie bis dahin nie in seinem Leben. sie wurden entweder nicht beachtet oder schroff verscheucht, da die Menschen rücksichtslos miteinander umgingen. was er besonders drastisch während eines Hagel-Schauers beobachtete, als die Autos wegen grosser Wasser-Pfützen ohne Vorwarnung rasant auf dem Boulevard weiterfuhren. wer ein Zuhause hatte, flüchtete dorthin und er in ein Kaffeehaus. nachdem ein Tisch frei wurde, durfte man sich leider nicht ausruhen. neu ankommende Gäste forderten ihn vehement auf zu gehen. ignorierte man jene Unfreundlichkeit, wurde man von seinem Platz einfach weggeschubst, mit skrupelloseren Ellenbogen als in seinem Heimatland.
für den mittelalterlichen Denker Thomas von Aquin hatte ein Übel kein eigenständiges Sein, es war für ihn nur ein sich offenbarender Mangel. man kann dem zustimmen, wo es nicht um reale Bedrohungen geht, sondern um die Unerfüllbarkeit von Wünschen, welche in Ostdeutschland primär ein gefühltes Freiheitsdefizit war. seine illegale Kiew-Reise kolportierte er hier in gemütlichen Runden als ein extravagantes Abenteuer und hatte, wenn er über über gruselige Begebenheiten berichtete, aufmerksame Zuhörer. zu solchen Erlebnissen kam man arg behütet kaum in einem real existierenden Vorzeige-Sozialismus, der kein unsozialer und kein irreal existierender sein wollte.