vita portfolia


(eine versuchte selbstheit)

wer kennt noch die Eisheiligen Servatius, Bonifatius und die kalte Sophie? mit den milden Frühlingswettern sind die frierenden Märtyrer aus den häuslichen Kalendern und damit auch aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. der Klimawandel hat vieles verschoben und verschiebt es merklich weiter. bald müssen altbekannte Bauernregeln wie auch die Partitur der vier Jahreszeiten von Vivaldi neu arrangiert werden. die Winter sind zu mild und dann plötzlich klirrend kalt, damit die Heizkosten wieder in die Höhe schnellen. als Ausgleich fallen die Sommer verregnet oder exorbitant heiss aus. nichts stimmt mehr, nichts ist so, wie man es im Wetterbericht sich prognostiziert wünscht. Meteorologen sind inzwischen Meister im Verkünden von Rekorden sogar für die heimische Landschaft. in den regionalen Nachrichten wurden mir im letzten Dezennium Jahrhundertfluten so häufig vermeldet, dass ich derweil ein biblisches Alter erreicht haben müsste.
da man derartige Katastrophenberichte und andere Hiobsbotschaften ad infinitum liest, nimmt sie niemand mehr ernst oder gar nicht mehr wahr. während sonst alles, was die Medien originell verkünden, weiterhin sehr wichtig genommen und gern gesehen wird. wie gestern ein dokumentarischer Lehrfilm im Fernsehen, in dem die Erderwärmung auf durchschnittliche 100 Grad stieg. die zukünftige Zivilisation befand sich untertage in einem schützenden Tunnelsystem und existierte maulwurfartig in bewahrenden Zellen. alle Lebens- und Arbeitsbereiche waren in der Erdkruste sicher installiert und hochtechnologisch perfektioniert. es galt, wie der Film en détail versprach, dank des technologischen Fortschritts kein Mangel zu leiden. die Menschen hatten sich angepasst und ihr Wohlfühlstreben entsprechend umgestellt. wer trotzdem unter der Sonne umherwandeln und die staubige Wüste der heroisch zerstörten Vergangenheit sehen wollte, schlüpfte gegen die zu starke Therme einfach in einen dicken Schutzpanzer.
ja, so könnte es einmal sein und wird es bestimmt sein, wenn es derartig weitergeht und den Menschen allmählich ein dickes Fell wächst. noch besteht Hoffnung, gesetzt den Fall, dass ein Rettendes wirklich mit der Gefahr wächst. in den Nachrichten kündigt man heute ganz optimistisch eine erste Einwegmission zum Mars für das Jahr 2023 an. der dann nur 228 Millionen Kilometer entfernte Nachbarplanet soll endlich von uns Menschen besiedelt werden. erste Rover haben ihn bereits ausführlich als eine riesige Wüste ohne Wasser und Leben erkundet. die geplante Kolonisierung wird unumkehrbar sein, weil es für die Pioniere keinen Rückflugschein gibt und aus technischen Gründen nicht geben kann. es haben sich trotzdem für das waghalsige Unternehmen Tausende freiwillig gemeldet. sie trainieren mit viel Ehrgeiz unter harten Bedingungen für diesen Trip. gelingt es den Ausgewählten unter ihnen, wird ein erster Aussenposten der Menschheit fern der Erde errichtet, bei geringer Gravitation womöglich erfolgreich gedeihen und zu einem alternativen Neuland prosperieren. die Zeit drängt wegen dem Klimawandel, der Übervölkerung und der allgemeinen Langweile hic et nunc.