vita portfolia


(eine versuchte selbstheit)

ein Nachbar hört wieder Techno und ich leide. ein unüberhörbares Dumm-Dumm lässt meine Trommelfelle vibrieren und einen Kopfschmerz an den Schläfen aufsteigen. es gab einmal eine Lebensspanne, in der ich solche Beats auch am Computer collagiert habe. das repetitive Rhythmisieren in geraden Achteln war damals ein kleiner Protest gegen eine saturierte Alltagskultur und konnte ohne Noten selbst von einem unmusikalischen Menschen wie mir arrangiert werden. beim ungestümen Ausprobieren kam mit Zufallsgeneratoren zuweilen Erstaunliches zustande, es mussten lediglich die Parameter beim Equalizing oder der Rhythmus in ungewöhnliche Höhen gefahren werden. die mit einer Software geschriebene Maschinenmusik war eine Wette auf eine unerwartete, eine überraschende Innovation, die ohne erkennbaren Grund einem einfach zu-fällt, ad hoc und nicht vorhersehbar.
der technologische Fortschritt will und kann eine solche Ungewissheit aber nicht lange dulden. um seine Apparate und kommunizierenden Agenten effizient zu befeuern, unterbindet er Abweichungen vom Standardisierten und erlaubt einzig redundante Rückkopplungen, welche als kompensierbare nicht anhaltend verstören. dies trifft item auf die Technobewegung zu. eine Freiheit der Kontingenz konnte hier als Rebellion nie eingelöst, allein in den verrückten Anfangsjahren für eine Weile in alten Fabrikhallen und Kellern behauptet werden. heute generiert ein genormtes Sampling konvergente Klangmuster für DJ's, um ein vergnügungssüchtige Tanzpublikum zu beeindrucken. es haben sich monotone Rhythmen für eine Erlebnis-Gesellschaft etabliert und als Training für den hypermodernen Leistungsdruck angedient. aus einem intervenierenden Experimentieren wurde eine stimulierende Zerstreuung, die in kommerziellen Dance-Floors einen Rausch für Gewohnheitsmenschen anbietet. haben sie die richtigen Pillen bekommen, können sie stundenlang wie Roboter im Takt rumzucken und müssen dabei niemandem in die Augen gucken. es nervt jedoch ungemein, falls man es unfreiwillig und ohne Drogen ertragen muss.
zumindest mich gerade, da der Nachbar eben solche Musik derart laut hört, dass man sie auch hinter dicken Wänden mithören muss. ich schimpfe ihn einen Kulturbarbaren, wobei dieser ansonsten nette Mensch wohl eher ein Troglodyt ist, der sich zum Feierabend in seiner Single-Höhle selbstbefriedigend austobt. als ein bestimmt fleissiger Angestellter versucht er, sich in der Freizeit mit Musik abzuschirmen, um rücksichtslos unerreichbar zu sein. es gelingt ihm am besten bei einem elektronischen Bass, mit dem er wie die drei Affen Mizaru, Kikazaru und Iwazaru mal nichts sehen, nichts verstehen und nichts sagen muss. allerdings nicht aus Gründen der Kontemplation, wie es Konfuzius seinen Schüler seinerzeit empfahl, sondern um das Gefühl einer Leere abzutöten. wird das Dröhnen endlich ausgeschaltet, muss ich in der plötzlich einsetzenden Stille dann unglücklicherweise feststellen, dass man nun überhaupt nicht mehr arbeiten kann.