vita portfolia


(eine versuchte selbstheit)

Beziehungen kann man, muss man aber nicht haben. in einer Gesellschaft des konsumierbaren Überflusses darf der Mensch ein solipsistischer Selfie sein, im real existierenden Sozialismus hingegen war es unumgänglich, als sozial verbindliches Wesen überallhin Kontakte zu knüpfen. was man mit Geld nicht kaufen konnte, wurde hartnäckig ertauscht. jeder hatte immer jemanden zu kennen, der wiederum jemand anderen kannte, welcher dann zum Beispiel einen neuen Schlauchreifen für das eigene Rennrad gegen etwas für ihn relevantes eintauschte. ich habe dafür meine fleissig gesammelten Mosaik-Comics hergegeben. tatsächlich gab es im Mangelland DDR fast alles, wenn auch allzu vieles als Rarität. mittels persönlicher Beziehungen, dem wichtigsten Vitamin dieser Sozietät, musste es nur gefunden und dann erhandelt werden. bei solchen Geschäften lernte ich schnell das freie Handeln und obendrein Menschen ausserhalb des eigenen Dunstkreises kennen und schätzen.
in meinem lange Zeit favorisierten Urlaubsland Rumänien war es wegen der weit verbreiteten Armut und dem Hang zur Korruption ganz anders. hier hatte der individuell Reisende genau zu wissen, womit Einheimische sich ködern liessen. neben den obligatorischen Klamotten zum Wechseln verstaute ich vor jeder Reise Kaffee- und Zigaretten-Päckchen in meinem Rucksack. diese Draufgabe war ein wichtiges Zahlungsmittel für die Selbstversorgung mit Lebensmitteln. im sozialistischen Agrarland Rumänien konnte man kaum frisches Gemüse sowie ungemein selten Fleisch kaufen und ein frisches Brot nur einmal am Tag zu einer unbekannten Tageszeit erstehen. mit einem Päckchen Bohnenkaffee oder noch besser einer Schachtel Kent-Zigaretten, der inoffiziellen Bakschisch-Währung, setzte man sich allerorten durch. vor allem bei jedem dritten Schaffner, welcher ansonsten wegen nicht nachvollziehbarer Vergehen die internationale Fahrkarte beschlagnahmte. eine solche Gaunerei war sehr ausgeprägt, aber wenn man in Not geriet, wurde einem garantiert geholfen, ohne dass man sich revanchieren musste. dies habe ich wiederholt in den Karpaten auf 1600 Meter Höhe und am Schwarzen Meer bei normal Null erlebt.
im Zeitalter der digitalen Vernetzung sind Kontakte zu etwas Virtuellem verkümmert. sie dienen der Reputation und stellen ein Gut der Aufmerksamkeit dar. der kommunikative Mensch hortet, um zu zeigen, dass er wesentlich ist, unzählige Freunde oder Follower, die er persönlich nie kennengelernt hat. würde er ihnen wirklich begegnen, könnte er mit ihnen nichts anfangen. solche Beziehungen sind in einer Gesellschaft des Überflusses eine Ausstellung des eigenen Egos und ein Spiegel, über den man im Internet anonym gelobt wird und zugleich zurücklobt. vornehmlich handelt es sich bei diesen Bekanntschaften um Personen, bei denen man nicht einmal weiss, ob sich dahinter nicht eine Software verbirgt. Freunde sind eigentlich das höchste Gut im Leben, selbst wenn man sie gar nicht braucht und trotzdem auszuhalten hat. falls man über 1000 oder noch mehr sein eigen nennt, müssen es recht beliebige Beziehungen sein. es stellt sich dann einzig die Frage der Nützlichkeit, die prinzipiell eine einseitig vorübergehende ist.