vita portfolia


(eine versuchte selbstheit)

in der Schulzeit schaffte ich es, die eigene Körpergrösse zu überspringen. ich gehörte mit 165 Zentimetern als ein Überflieger in spe zu den Besten in meiner Klasse. ansonsten war ich im Sport, vor allem im Geräteturnen und dem beliebten Fussballern, kein überzeugender Kandidat. ich bröselte lieber für mich bass dahin. Höhenflüge leistete ich mir einzig noch bei gewichtigen Büchern, die mit Übermut gelesen und, obzwar selten verstanden, im Akkord durchgeschmöckert wurden. wie Anton Reiser war ich auf der Suche nach einem Sprungbrett, mit dem ich der Enge meiner verbrämten Zeit zu entkommen hoffte. ich flanierte von einem Autor zum nächsten und las querbeet alles Bildende, was ich in Buchläden, Bibliotheken oder von Freunden kriegen konnte. früh strebte ich über mein Alter hinaus, so wie andere später über ihre Verhältnisse leben.
zuvörderst die Philosophie, zu der es mich hinzog, beanspruchte und überanspruchte mich. man wurde in der Schule reichlich mit Zitaten von Marx, Engels, Lenin und der Hegelschen Dialektik konfrontiert. dies musste natürlich überprüft werden, um Dogmatikern nicht auf den Leim zu gehen. diskutiert wurde mit ihnen nicht, da sie pädagogische Aufpasser und mit ihren Erfahrungen die Überlegenen waren. dennoch meinte ich als Teenie bei diversen Themen, altklüger zu sein als mancher Erwachsene. was ich intuitiv besser wusste oder zumindest glaubte zu verstehen, behielt ich wie ein weiser Mensch für mich. ein anregender Austausch wurde nur mit gleichgesinnt Neugierigen gepflegt, also mit Leuten, die ebenfalls auf der Suche nach Antworten auf verwehrte Fragen waren. es führte dazu, dass man zusammen das Gefühl hatte, mit den wesentlichen Büchern als Meta-Ebene die Welt, wenn nicht umfassend, wenigstens ansatzweise zu verstehen. ich wurde nach Marx mit Sartre zu einem leidenschaftlichen Existentialisten und nach der Wiedervereinigung, als ich sie mir endlich selbst kaufen konnte, mit Deleuze und Derrida zu einem überzeugten Poststrukturalisten. es gab keine verbindlichen Autoritäten mehr und die diskutierte Sprache mutierte zu einer strategisch-rhetorischen Spur von relativen Anmassungen. sie konnte dekonstruiert werden, um gefühlt ideologiefrei das, was ein Anspruch versucht zu sagen, und das, was sein Text potentiell enthält, zu durchdringen.
sich die Welt zu vergegenwärtigen, verlangt einiges an Wissen ab, und man läuft Gefahr, den Verstand zu verlieren oder am Verstand anderer zu verzweifeln. jedes gelesene Buch ist, falls es ein kluger Mensch ehrlich geschrieben hat, ein hoher Flug. doch in jungen Jahren wird das sprachlich Gescheite, da man es selten in Bezug auf das Gelebte zu setzen vermag, allzu überschätzt. nicht Bücher lehren das Schwimmen oder Tanzen, sondern das gesellige Leben. dies gilt ebenso für die Praxis der Liebe, obgleich man gerade hier in Reifejahren auf literarischen Beistand angewiesen bleibt. denn am einfachsten lässt sich mit Gedichten ein Begehren ausdrücken und eine andere Seele bezirzen. ist wer darin erfolgreich, dann kommt sogar schlechter Sex vom Herzen.