vita portfolia


(eine versuchte selbstheit)

ich trage einen Allerweltsnamen und bin damit leicht verwechselbar. das hat mich vor unangenehmen Situationen und imprimis vor dem Drang, etwas Besonderes darzustellen, geschützt. andererseits aber ziemlich anonym bleiben lassen. wer mich nicht kennt, der kennt mich in der Regel nicht oder hält mich für einen anderen. in meiner Schulklasse gab es gleich dreimal meinen Vornamen, so dass ein schielender Russischlehrer meist keine Antwort bekam, wenn er einen von uns ansprach. unsere Noten waren deshalb nicht sonderlich gut. allerdings erzielten wir in den Naturwissenschaften ziemliche Erfolge, weil wir uns hier als gute Kombinierer ergänzten.
meine Eltern haben mit meiner Bezeichnung nicht viel Phantasie bewiesen. heute heissen Kinder anders. sie bekommen keine gewöhnlichen Namen mehr und werden standesamtlich manchmal als Joke, Northeast, Wolke, Seven, Audio, Iron oder Perfekto erfasst. nicht nur Prominente sehen es als ihre Pflicht an, bei ihrem Nachwuchs erfinderisch zu sein, fast jedermanns Mutter und Vater entwickeln mittlerweile eine erstaunliche Kreativität hierbei. Namen haben nomen est omen Originelles vorzustellen, sie müssen ein Leben lang Herausragendes versprechen. wo jedoch die Phantasie begrenzt ist und das Aussergewöhnliche zum Normalen aus der Fernsehwelt wird, kann man mit einer exotisch klingenden Benennung genauso Schaden nehmen. es werden Vorurteile hervorgerufen und Pädagogen neigen dazu, mit Vornamen Vorannahmen zum Leistungsvermögen zu verbinden. die Kevins, Schantals und Leons haben es schwer, da sie als verhaltensauffällig sowie lernschwach gelten. während eine Marie, die Nele oder der Finn mit hoher Wahrscheinlichkeit als leistungsstarke Nichtstörer kategorisiert werden. dies belegen wissenschaftliche Untersuchungen und für einige Kinder die eigenen Erfahrungen. demokratisch wäre es, Farben für die persönliche Identität einzuführen. das Farbspektrum bietet Raum für unendlich viele Differenzierungen, so dass selbst bei künftig wieder geburtenstarken Jahrgängen für alle eine originäre Bezeichnung abfallen würde. das menschliche Gedächtnis ist in einer Mediengesellschaft dafür gut trainiert und der Beamte stets ausreichend kompetent, um mit allen möglichen Indizes umzugehen.
es ist mühsam geworden, sich im konventionellen Namenswirrwarr zurechtzufinden, wenn sogar Möbel als persönliche Note einen Namen bekommen. mein seit unzähligen Jahren treu dienender Drehstuhl von Ikea will zum Beispiel mit Steffano angesprochen werden. jedes neue Produkt der Konsumwelt erfordert für die Distinktion eine ungewöhnliche und zugleich sympathisch klingende Benennung. wird es von den Designern ignoriert oder zu lax angegangen, löst die Werbung keine richtigen Emotionen aus und erzeugt schlimmstenfalls Aversionen. es darf aus Gründen des Copyrights auch nichts sein, was bereits anderweitig vergeben ist. viele Menschen können ein solches Recht nicht für sich in Anspruch nehmen. sie müssen wie ich einen Allerweltsnamen tragen und ihn ein Leben lang mit Gleichmut ertragen.