mikado als symptom
ein Tagebuch hat er nie geführt, dafür sein Leben lang Einfälle auf Zettel gekritzelt und anformulierte Essays in diversen Textdateien gelagert. sie sind sein Misthaufen, auf dem Kürbisse heranreifen. das tägliche Schreiben ist ein stammelndes Suchen und eignet sich wenig zum aktuellen Berichten. der sporadisch denkende Mensch kann wohl ein Diarium nur entwerfen und nachträglich ins Leserliche bringen. so wie der Perfektionist Max Frisch, der für ein späteres Überarbeiten gern Entwürfe seiner Sekretärin diktierte. am Ende ist dabei unzusammenhängend Intimes herausgekommen. da es wegen seiner Prominenz postmortal als Tagebuch veröffentlicht wurde, kann es jeder in seiner Unvollkommenheit lesen. Verlage geben, egal wie mangelhaft es formuliert vorliegt, alles aus Nachlässen heraus, was einem bekannten Namen entstammt und eine gute Auflage verspricht. den Daniel Charms hat ihm unlängst ein Bändchen seiner herausgegebenen Notizen verleidet. sie waren stilistisch peinlich und standen in einem krassen Gegensatz zu seinen editierten Texten.
also bloss kein Tagebuch schreiben und nichts Unredigiertes hinterlassen. wo vage Details, ein naiver Pathos oder zu redundante Lieblingswörter verräterisch sein können, sind Spuren von Vorarbeiten zu verwischen. der Nachlass ist gut abzuwägen, damit die geniessbaren Früchte, das Beste vom Besten überliefert werde. das eigene Meinen braucht Streichungen und Reformulierungen, um am Ende wie ein Bild von meinem Namensverwandten Gerhard Richter mit mehreren Schichten und Abkratzungen perfekt vorzuliegen. selbst auf die Gefahr hin, dass Ansätze gelöscht werden und am Ende Leeren übrigbleiben, muss das suchende Tasten selektiert werden. die Vergangenheit ist ständig zu verbessern, so lange bis sie passt und beeindruckend ein Lebenswerk ergibt, also nicht wie ein vehementer Empirismus daherkommt.
was aufgeschrieben wird, hat adäquat auch das zu umfassen, was bedrängt und einschnürt, all die unerledigten Gemetzel der Kindheit und der Pubertät, die wiederkehrende Albträume des Erwachsenseins, für die es keine allgemeingültige Syntax und keine expliziten Verbalisierungen gibt, nur unausformulierte Assoziationskonnexe mit einer vagen Gleichzeitigkeit, die dem vektoriellen Sprachraum diametral entgegenstehen.