scheitern(hoch)x


notizen in neoliberalen zeiten

was bleibt, was wird die moden der zeit überdauern?
entweder werden es allmachtsphantasien oder imperfekte allphantasien sein.
 

mit science fiction flüchten und in utopien überwintern, um als alien zurückzukehren. schlechte zeiten lassen sich am besten ertragen, indem man sich noch schlechtere vorstellt.
 

wenn man sich bewusst ist, dass einzig im jetzt tatsächliche entscheidungen fallen, dann kommt diesem jetzt eine so grosse bedeutung zu, dass man die gegenwart als etwas unendliches erfahren muss. als eine totale, in der die gegebene faktizität jedes konstatieren, jede theorie übersteigt.
 

die macht des vielzitierten Sisyphos: für ihn muss sich ewig die schwerkraft unter beweis stellen.
 

rechtschreibreformen, bestseller-romane, schlecht vorge- täuschte orgasmen... man ist bereit, bekannte katastrophen zu akzeptieren, wenn man das unvorstellbare unheil fürchtet.
 

"aufrichtig? ich schreibe damit das, was wahr war, nicht mehr wahr ist. ein gezeigtes gefängnis ist kein gefängnis mehr."
Henri Michaux
 

wiederholte fehlgriffe sind zu ertragen, da ich sie stets anders interpretieren und damit als neue erfahren kann. ich bin der endlosschleife vergeblicher bemühungen immer um mindestens eine umdrehung voraus.
 

vieles ist zu unklar und manches zu eindeutig diffus.
es braucht immer tage oder wochen, bis bedeutungen und notwendigkeiten von niederlagen erkannt werden. man sollte nie zu früh lamentieren.
 

schweigen als letzte sicherheit, bequemlichkeit, rechtfertigung. wer zu erwachsen, also zu abgeklärt für die revolte ist, wartet auf ereignisse und akzeptiert deswegen die ereignislosigkeit.
 

die strafe eines schlechten gedächtnisses: ich muss mich wiederholen, manche menschen erneut kennenlernen und
dann weiterhin ertragen.
 

"an alle begierden richte man diese frage. was wird mir geschehen, wenn das erfüllt wird, was die begierde erstrebt, und was, wenn es nicht erfüllt wird?"
man kann Epikur, den vielleicht radikalsten denker der ataraxie, nicht oft genug lesen. man darf ihm jedoch nur zustimmen, wenn man bereit ist, ein gefühl der lauheit zu akzeptieren.
 

genaugenommen weiss ich nie, ob ich nach einer abgeschlos-senen arbeit erfolgreich war oder einen rückschlag erlitten habe. in einer zeit der ökonomischen perfektion schreitet man immer voran.
 

mit jeder olympiade werden weltrekorde überboten. dank besserer technik, verstecktem doping und neuen mess- methoden. es ist kein ende abzusehen.
 

im zeitalter der beschleunigten medien sinkt die halbwertzeit von visionen. alles ist schon auf eine unüberbietbare weise gesagt, zitiert und kritisiert worden.
looking only for post-idols.
 

von niederlage zu niederlage zum sieg. - das ist chinesisch. aber was ist in dieser zeit nicht chinesisch.
 

jeder lebt lange genug, um missgeschicke vergessen zu können. der erfolg ist hartnäckig, er setzt auf lange distanzen.
 

das grosse scheitern des Odysseus: seine heroischen irrfahrten wurden von einem happy-end am heimatlichen herd entwertet.
 

wie oft kann ich misserfolge ertragen und überstehen, ohne in meinen anstrengungen entmutigt zu werden?
wenn man die fähigkeit zur selbsttäuschung besitzt, wohl immer wiedermal.
 

nachträglich ist alles gewissheit.
visionen sind die verpassten gelegenheiten, an denen jeder schon in der vergangenheit gescheitert ist.
 

der blick aus dem fenster am abend ist mein Oblomow-sofa. hier erkenne ich, was mir nicht passiert. die meisten niederlagen kommen zu spät. man hat zu lange auf sie gewartet.
 

man muss permanent fast verrückt sein.
wer sich der tragikomischen vergeblichkeit seiner bemühungen bewusst ist, für den gibt es keine enttäuschungen mehr. er ist sich und allen überlegen. doch es ist eine leere überlegenheit.
 

wie langsam wolken vorüberziehen.
immer mehr spiegelgefechte, abstrakte wortgefechte.
irgendwann lassen sich krisen nicht mehr unterbieten.
 

leben bis zur unergründlichkeit. könnte man einmal gesagt haben, dass alles was der fall sei, nur ein beispiel des möglichen ist?
wenn man den tag seiner letzten illusion kennen würde...
 

die fehler, die ich nicht begangen habe. ich kann sie nicht bereuen. nur ihnen nachtrauern, wenn irgendwann die zeit kommt, da man ungenutzte gelegenheiten mehr schätzt als peinliche erinnerungen.
 

Andrej Tarkowski: als ein zur hoffnung verdammter Stalker immer wieder die verbotenen zonen aufsuchen und das augenblicklich numinose gegen jedes versprechen von sicher- heit ausspielen. weil man vielleicht nie weiss, warum man eigentlich erfolgreich sein soll.
 

es ist schwer, das glück als einen dauernden zustand zu ertragen. in der euphorie geht das gefühl für das eigene gleichgewicht verloren.
 

viele missgeschicke sind eine besondere art, erfolgreich zu sein. oder besser gesagt: erfolge sind meist ausgehaltene nieder- lagen. und was gibt es anderes als ständig ausgehaltene niederlagen.
 

wer von allen guten geistern umzingelt, ständig erfolgreich sein muss, kann nur das erstreben, was möglicherweise eintreffen wird.
 

how long ist now?
jedem Jetzt die freiheit der wahl, jedem Jetzt sein auserwähltes jetzt-nicht-mehr.
 

ein aufgeschriebener satz, der mich gestern noch faszinierte, langweilt heute und wird vielleicht morgen peinlich sein.
man ist in der lage, stets irgendwo noch etwas ran- und reinschreiben. man hat ein ganzes leben lang zeit, sich zu verbessern.
 

jeder muss sich selbst überholen, ein anachronismus, ein unbesiegbares relikt sein. immer gibt es noch einen aufschub, da sich nicht alle hoffnungen auf einmal zerschlagen.
 

"nichts ist erbärmlicher als die resignation, die zu früh kommt."
Marie von Ebner-Eschenbach
 

schwierig ist es zu glauben, dass es besser wird. noch schwerer fällt es zu glauben, dass es so bleiben wird.
eine völlig neue radikalität ist vonnöten.
 

wer aus prinzip scheitern will, hat die phantastische theorie der evolution zum gegner. d.h. alle finten, zu denen das leben auf der erde seit mindestens zwei milliarden jahren unaufhörlichem wachstums fähig ist.
 

eine sternschnuppe am nächtlichen himmel sehen, sich etwas heimlich wünschen und es dann allen laut sagen. damit man sichergehen kann, dass einmal etwas nicht in erfüllung geht.
 

da man alles noch toppen und poppen oder einfach so belassen kann, scheinen meine vorstellungen von krisen völlig überholt zu sein.
ich kann mit niederlagen immer weniger anfangen.
 

Epikur: alles reden über den tod schliesst das sterben aus.
 

wer zum postumen scheitern bestimmt ist, den kann nichts aufhalten, nichts bremsen.
nicht einmal ein totalschaden.
 

ich wollte es wissen, ich bin das wagnis eingegangen und habe versucht, meine niederlagen zu akzeptieren. bloss weil ich vergessen hatte, wie erniedrigend und daher auch peinlich es ist, einen schiffbruch zu erleiden.
 

wenn man nur manchmal erfolgreich wäre, nicht ein leben lang ergebnisse akzeptieren müsste.
ALL WE NEED IS A NEW FUTURE, die vision von einem ausbrechen auf zeit.