| Slavoj Žižek (1949) |
| Politisches Handeln ist für Žižek nicht ohne subjektive Agenten zu denken. Deshalb
lehnt er eine Dekonstruktion des Subjektbegriffs bei
Foucault, Butler,
Derrida und
Deleuze als unbefriedigend ab. Für ihn gibt es keinen Raum
ausserhalb der Macht, wo sich im Zeitalter des globalen Kapitalismus eine politische Intervention behaupten
lässt. Da im Cogito vor jeder vernünftigen Synthese noch ein unaufgelöster Rest, ein Supplement
für das Fehlen eines Grundes bestehe, stellt für ihn das heute arg umstrittene Erbe der
cartesianischen und idealistischen Tradition wieder eine
Herausforderung dar. Ausgehend von
Schellings "Weltalter"- Fragmenten und Hegels "Panlogismus" der Jenaer Zeit wird die Unmöglichkeit, eine
Einheit zwischen Realem und Idealem zu denken, für Žižek zu einem Leitmotiv. Insofern kann sich in seinem
1999 herausgegebenen Buch "Die Tücke des Subjekts - The ticklish subject" die Vorstellung von einer
gesellschaftlichen Emanzipation erst über die Transzendenz einer psychotischen "Verfehlung" nach dem
"grossen Anderen" (der sozialen Ordnung) im Sinne von
Lacan herstellen. Das Subjekt wird zur Lücke im Zentrum der
Ordnung, die es gleichzeitig konstituiert.
In der Tradition von Althusser, der bereits in den 50er Jahren Marx gegen den Strich gebürstet hat, um eine neue Kritik der politischen Ökonomie einzuführen, geht es Žižek wiederum in einer post- politischen Ära um nichts geringeres als die Politisierung der Ökonomie und der gängigen Politik. Nur in dieser Radikalität lassen sich für ihn gegen einen nur tolerant multikulturellen Ansatz in der liberalen Gesellschaft Denkräume eröffnen, die über partikulare Forderungen hinausgehen und wieder eine ontologische Verfassung der Welt anstreben --so wie es Alain Badiou etwa im Akt einer gründlichen Umgestaltung vorschwebt. Deutlich wird dieser Anspruch nicht zuletzt in Žižeks provozierenden Versuch, den prämodernen Gesellschaftskörper mit einer leninistischen Perspektive, also mit der Option des revolutionären Terrors zu sehen (dies allerdings in seinem 2002 veröffentlichten Buch "Die Revolution steht bevor" mit dem einkalkulierten Defizit, dem Denker Lenin keinesfalls gerecht zu werden). Nachvollziehbarer ist der Rückgriff auf ein menschliches Begehren, das bei Žižek grundsätzlich hysterisch verfasst ist, weil das Begehrte um den Preis der Identitäts- Bildung nicht zu erreichen ist. Mit Lacan geht Žižek von einem strukturalen Realen als sozialer Ordnung aus, das einen Abstand zum gewöhnlichen Realen schafft. Dabei handelt es sich um das "Symptom des Menschen", das als Lebenslüge das Dasein strukturiert oder in der perversen Unterwerfung unter einen Fetisch diese Lüge selbst verkörpert. Da letztendlich immer eine unerträgliche Wahrheit, ein Riss im Sein auszuhalten sei, materialisiert sich für Žižek, der seine Bezüge zu Lacan gern mit unterschiedlichsten Film- Beispielen erklärt, der Mensch mit dem Trauma eines ewig pulsierenden Triebes ohne happy-end. Dieser Zustand werde erst im Durchqueren jeder schützenden Phantasie aufgelöst, also erst dann, wenn das Individuum zum realen Kern des Geniessens (jouissance) vordringe und jenseits von Schutzphantasien dem "entsublimierten Nächsten" begegne. Der in Slowenien geborene Psychoanalytiker und Philosoph Žižek promoviert 1985 in seiner Heimatstadt Ljubljana über Philosophie und 1985 in Paris über Psychoanalyse unter Betreuung von Jacques-Alain Miller, dem berühmten Schüler und Schwiegersohn Lacans. Bereits im sozialistischen Jugoslawien gründet er eine Lacan- Gruppe, die in Opposition zum orthodoxen Marxismus steht. In Ljubljana übernimmt er alsbald einen Lehrstuhl an der European Graduate School und darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren u.a. in Buffalo, Minnesota, New Orleans, New York, Ann Arbor und Princeton. 1990 kandidiert er für die Präsidentschaft in der Republik Slowenien. Seit 1998 hat er über 40 Bücher verfasst bzw. herausgegeben. |