Oswald Wiener (1935)
Das menschliche Bewusstsein lässt sich für Wiener völlig auf sprachliche Prozesse reduzieren. Wie Hilary Putnam geht er vom Modell der Turing- maschine und darüber hinaus von Beobachtungen des eigenen Verhaltens aus, lehnt aber einen Behaviourismus als grundlegendes Erklärungs- Paradigma ab. Stattdessen überspitzt und verballhornt er lieber erkenntnistheoretische Aussagen, um die Antinomien von rein rationalen Strukturen abzustecken. In Anlehnung an Wittgenstein, aber auch Whorf und vorallem Mauthner bedingt für ihn die Sprache alle gesellschaftlichen und politischen Realitäten, da der Mensch trotz emanzipatorischer Anstrengungen immer wieder seine Unterdrückungs- Mechanismen ideologisch reproduziert und auch in der Verweigerungshaltung die ihn bestimmenden Verhältnisse stabilisiert.
  Ähnlich kritisch sieht Wiener die Potentiale der künstlichen Intelligenz, wenn er anhand von Software- Programmierungen die Organisationsformen des Denkens und Handelns studiert. Schon in frühen Texten hatte er festgestellt, dass die Vorstellungen vom menschlichen Körper immer vom Entwicklungsstand der jeweiligen Technik geprägt sind. Während im Industriezeitalter noch mechanische Bilder das Funktionieren erklären mussten, können für ihn jedoch heute komplexe Kybernetik- Systeme einen Leib- Seele- Dualismus nach Descartes überwinden helfen. Damit ergeben sich die Möglichkeiten von biotechnologischen Optimierungen und Cyborg- Erweiterungen (wenn es gelingt, den von Ampère im 19. Jahrhundert geprägten Begriff der "Kybernetik" als Wissenschaft vom Regieren im Staat neu zu definieren). Wie Max Bense sieht Wiener im Akt der künstlerischen Produktion Prozesse, die sich mit Turing- Maschinen beschreiben und simulieren lassen. Deshalb könnten gerade hier Erkenntnisse für die elementaren Bedingungen der menschlichen Aktivität gewonnen werden. In diesem Sinne ist auch sein vorgestellter Bio-Adapter zu verstehen, der den Menschen nichts geringeres als die Welt ersetzen soll. Oder anders ausgedrückt, schafft hier Technologie ironisch den Platz für eine Utopie der Befreiung vom Körper und dem Ich. Die Abhängigkeit und Versklavung des Menschen durch die Technik wird umgewertet in eine übertrieben solipsistische und damit lustvolle Auflösung aller körperlichen Zwänge.
  Nach Abschluss der Matura studiert Wiener Jura, Musikwissenschaften, Afrikanische Sprachen und Mathematik, ohne in einem Fach mit einem Diplom abzuschliessen. Während dieser Zeit nimmt er schon an den Aktionen der Wiener Gruppe teil und spielt auch zusammen mit Konrad Bayer in Jazzbands. Ab 1956 beschäftigt er sich intensiv mit Fragen der Kybernetik und arbeitet 1963 beim Büromaschinen- Konzern Olivetti in Wien, wo er von 1965 bis 1967 als Direktor die Abteilung Datenverarbeitung leitet. In dieser Zeit erscheint sein Buch "Die Verbesserung von Mitteleuropa" in der Grazer Literaturzeitschrift "manuskripte" und 1969 erstmals als eine Ausgabe bei Rowohlt. Er beteiligt sich in den folgenden Jahren an zahlreiche Kunstaktionen, bei denen u.a. Peter Weibel, Günter Brus, Hermann Nitsch und Otto Mühl mitwirken. Nach der Aktion "Kunst und Revolution" in einem Hörsaal der Wiener Universität wird er für kurze Zeit verhaftet. 1969 siedelt er nach West-Berlin über, wo er mehrere Kneipen betreibt. An der TU Berlin beginnt er 1980 ein Informatik- Studium und promoviert fünf Jahre später. Seit 1986 lebt und schreibt er in Kanada.