Otto Weininger (1880-1903)
Mit seinem universalen Anspruch, eine Philosophie des "All und des Nichts" zu entwickeln, führt Weininger exemplarisch ein Scheitern vor, das mit seinem in Beethovens Sterbezimmer inszenierten Freitod einen krönenden Höhepunkt erfährt. Das Konzept dazu findet sich in seiner allesumgreifenden Idealtypen- Lehre. Diese hat er mit der transzendentalen Lehre von Kant entwickelt, um die Bedeutung alles Einzelnen im Ganzen zu untersuchen. Ein logischer Ansatz seines Denkens stellt der Identitätssatz dar, der sich zwar an den Menschen als ein freies Wesen wendet, doch in seiner ethischen Formulierung zum Schuldproblem mutiert. Das Dasein verkörpert so immer schon selbst eine Schuld, da es sich in Bezug auf das Ganze einfach als ein Versagen zeigen muss. Daraus entwickelt Weininger mit einer Freude am Paradoxen ein Ringen zwischen dem Göttlichen und Dämonischen, wie man es schon von Kierkegaard --freilich mit einem anderen Anspruch und Ziel-- kennt.
  In seinem Buch "Geschlecht und Charakter" unternimmt er mit dieser Sicht Wertungen, die das Weibliche als kulturell minderwertig ausweisen. D.h. dass für ihn der Typus Frau im Gegensatz zum Männlichen über kein Zentrum der Apperzeption und damit über kein Ich, keine Seele und keine Transzendenz verfügt. Mit dieser Polarisierung untersucht er den Sexus, als eine mechanische Kopplung von Trieben, die stark an die Freudsche Auffassung von der Bisexualität erinnert. Weininger stellt Gesetze der sexuellen Anziehung auf und bringt sie in mathematische Formeln, um belegen zu können, dass sich das Männliche und Weibliche in Zwischenstufen komplettieren. So wenn bspw. ein männlicher Mann eine weibliche Frau sucht und umgekehrt ein weiblicher Mann eine männliche Frau. In diesem Zusammenhang spricht er sich auch für eine gesellschaftliche Anerkennung von Homosexuellen aus.
  Seine Konstruktion der Geschlechter überträgt er bald auf das Verhältnis der christlichen und jüdischen Religiosität und verfasst dabei als Sohn einer Wiener jüdischen Familie eine Theorie, die als eine wirkungsvolle antisemitische Ideologie gelesen werden kann (und eigentlich auch gelesen werden muss). In seiner Beschreibung des "Juden" wählt er Kategorien äusserster Negativität. Doch wird ebenso deutlich, dass diese Polemik nicht auf ein abwertendes Urteil, auf blossen vulgären Juden- wie Frauenhass abzielt, sondern vielmehr einer dualen idealtypischen Denkweise verschuldet ist.
  Kurz vor seinem Tode hat Weininger begonnen, eine universelle Symbolik zu verfassen, die sich in ihrem fragmentarischen Endzustand wie eine bunte Mischung von philosophischen und feuilletonistischen Geistesblitzen liest. Ausgehend vom Menschen als Mikrokosmos, der alle Daseinsformen aus der Natur in sich versammelt, will er ein System entfalten, das aber über psychologische Skizzierungen des Lebens nicht hinauskommt. Man wird mit gross angelegten Skizzen konfrontiert, die etwa im Hund das Symbol des Verbrechers, im Pferd den Irrsinn oder im Esel die selbstzufriedene Dummheit sehen. Der Tanz wird gar als Bewegung der Prostitution und der Saturn mit seinen Ringen und Monden als Summe des Bösen erklärt.
  In seiner Geburtsstadt Wien studiert Weininger Philosophie bei Boltzmann und Psychologie bei Freud. Er beherrscht viele Fremdsprachen, eignet sich mit seiner schnellen Auffassungsgabe in kurzer Zeit eine umfassende Bildung an und verfasst auch Gedichte. Als er Sitzungen der Wiener Philosophischen Gesellschaft besucht, lernt er den Wagner- Schwiegersohn und radikalen Antisemiten Houston Stewart Chamberlain kennen. Ansonsten führt er eher ein zurückgezogenes Leben. Sein um die Jahrhundertwende begonnenes Buch "Geschlecht und Charakter", das zunächst "Amor und Psyche" heissen soll, reicht er als Dissertation ein und konvertiert danach zum Protestantismus. Nach einer längeren Reise durch Nordeuropa fügt er in die Arbeit noch das Schlusskapitel über das Judentum ein. Die Arbeit wird in mehreren Auflagen veröffentlicht, nach 1933 aber wegen Weiningers jüdischer Herkunft und den Bezügen zur psychoanalytischen Sexualtheorie unterdrückt. Erst 1980 erscheint wieder ein Nachdruck. Die Arbeiten an seinem Hauptwerk hatten Weininger aufgezehrt und in Depressionen gestürzt. Als 23jährige mietet er das Sterbezimmer von Ludwig van Beethoven, um sich hier zu erschiessen. Seinem Begräbnis wohnen u. a. Karl Kraus, Stefan Zweig und der 14jähige Ludwig Wittgenstein bei.