Voltaire - François Marie Arouet (1694-1778)
Mit polemischer Aggressivität ("Ecrasez l'Infâme!- Zerschlagt die Infamie!") prangert Voltaire sein Leben lang den religiösen Fanatismus innerhalb der katholischen und auch jansenistische Orthodoxie an. Als Anhänger des fideistischen Deismus will er das religiöse Denken vom Wunder- und Offenbarungsglauben befreien, verwirft aber im Gegensatz zu La Mettrie den Atheismus. Für ihn hat sich zwar ein Gott, nachdem er die Welt erschaffen hat, wieder zurückgezogen, doch bleibt er als moralische Instanz gerade unverzichtbar und müsste, wenn es ihn nicht gäbe, sogar erfunden werden.
  Begeistert von Lockes Empirismus entwickelt Voltaire in seinem 1764 herausgegebenen "Dictionnaire Philosophique" eine eigene Version des Sensationalismus. Demnach ist die Welt zweckmässig und beruht auf einem vernünftigen Grund, ist aber nicht mehr wie bei Leibniz die bestmögliche aller Welten. Einer solchen Sicht wird bereits in der unter dem Eindruck der Erdbeben- Katastrophe von Lissabon 1759 erscheinenden Novelle "Candide ou l'optimisme" eine klare Absage erteilt. In der von Diderot und d'Alembert geleiteten "Encyclopédie" geht Voltaire in seinen Artikeln von einem Fortschritt der Vernunft aus, mit dem sich die Übel in der Welt beheben lassen. Der Leser wird immer wieder ermuntert, d.h. im Sinne des Vorbildes Konfuzius dazu erzogen, den eigenen Verstand zu benutzen, um Aussagen von Autoritäten zu hinterfragen.
  Als Historiker hält sich Voltaire in erster Linie an nachweisbare Fakten, um die Weltgeschichte unabhängig von theologischen Quellen und im Gegensatz zu Rousseau als fortschreitende Vervollkommnung der Vernunft zu interpretieren. Wie Montesquieu stellt er ökonomische, politische, soziale und kulturelle Erscheinungen zusammenhängend dar. Er thematisiert auch erstmals --um die biblische Schöpfungs- Geschichte zu diskreditieren -- ältere Kulturen aus dem Orient, aus China und Amerika. Europa ist insofern in seinem vierbändigen, 1756 herausgegebenen "Versuch über die Weltgeschichte, die Sitten und den Geist der Völker von Karl dem Grossen bis in unsere Zeit - Essai sur les moeurs et l'esprit des nations" nur noch ein Teil der Weltkulturen.
  Voltaire, der sich nicht nur in kultureller Hinsicht für die Toleranz und besonders Meinungsfreiheit einsetzt (auch wenn er noch viele Vorurteile gegen die Juden teilt), versteht sich weder als Demokrat noch als Revolutionär. Eine Veränderung der Gesellschaft erwartet er in erster Linie von einem aufgeklärten Fürsten wie Friedrich II. oder der russischen Kaiserin Katharina II. Für das einfache Volk sieht er hingegen die Religion vor.
  Als Sohn eines wohlhabenden Notars erhält Voltaire eine humanistische Ausbildung in einem Jesuitenkolleg und wird bereits hier in freigeistigen Zirkeln mit dem Denken der Frühaufklärung vertraut. Mit ersten eigenen Spottversen auf den Regenten Philippe II. von Orleans (und über den Inzest) handelt er sich 1717 eine elfmonatige Haft in der Bastille ein. Nach seiner Entlassung nimmt er das Pseudonym Voltaire an und bringt seine erste Tragödie "Oedipe" heraus, um erneut unverhohlen Thron und Klerus zu kritisieren. Als ihm neun Jahre später durch einen Ehrenhandel eine zweite Verhaftung droht, flieht er nach Grossbritannien. Dort studiert er Lockes Philosophie des Commonsense, lernt Newton kennen und schreibt seine "Lettres philosophiques", in denen er unmissverständlich die Traditionen der katholischen Kirche kritisiert. Vom Pariser Parlament wird die Schrift verboten, so dass Voltaire aus Vorsicht auf das Schloss der gebildeten Marquise du Châtelet in das noch nicht zu Frankreich gehörende Lothringen übersiedelt. Hier verfasst er seine wichtigsten philosophischen Schriften, in denen er sich mit Newton, Leibniz und Wolff auseinandersetzt. Nach dem Tod der Marquise, die ihm zu einer wichtigen Freundin wurde, nimmt er eine Einladung Friedrichs II. an, obwohl er in Frankreich bereits durch die Aufnahme in die Académie Francaise wieder zu Ehren gekommen ist. In Potsdam arbeitet Voltaire an einer Universalgeschichte, verfasst Beiträge für Diderots "Encyclopédie" und erste Artikel für sein 1764 herausgegebenes "Dictionnaire philosophique portatif". Nachdem die Meinungsverschiedenheiten mit dem Preussenkönig immer offensichtlicher werden, geht er 1753 erneut auf Reisen. Fünf Jahre danach kann er, nun durch skrupellose Finanzspekulationen reich geworden, das Schloss Ferney in der Nähe des Genfer See erwerben und nach eigenen Vorstellungen ausbauen. In seinen letzten Lebensjahren verfasst er noch zahlreiche Theaterstücke, Lehrgedichte und Kampfschriften. Als er 1778 zu einer Uraufführung seiner Tragödie "Irène" nach Paris reist, wird er begeistert gefeiert. Nach seinem Tod verweigert ihm jedoch dort die Kirche ein christliches Begräbnis. Während der Revolution von 1791 wird Voltaire am Panthéon beigesetzt.