Paul Virilio (1932)
Da für Virilio eine unheilvoll sich verselbständigende Beschleunigung bis hin zum rasenden Stillstand unser Zeitalter bestimmt, hat er die Wissenschaft der Dromologie (aus dem griechischen dromos - der Lauf) erfunden. In freier Interpretation von Einsteins Relativitätstheorie versucht er auf dieser Basis, eine Phänomenologie der implodierten Wahrnehmung zu betreiben. D.h. in einer obsessiven historischen Spurensuche das Versprechen einer universalen Mobilität zu hinterfragen. Parallel dazu untersucht er die Konstruktionsregeln von Bild- Medien, die sich für ihn von der formalen Logik der Realität (Malerei) über die Aktualität (Fotografie und Film) bis hin zur paradoxen Logik der Virtualität hin entwickelt haben. Die technischen Apparate dazu versteht er wie schon McLuhan als Prothesen, die den menschlichen Körper erweitern und zugleich enteignen.
  Dabei geht es ihm immer um den rückhaltlosen Nachweis der meist unterbewerteten Genese einer technischen Logistik, die den Raum und damit traditionelle politische Strukturen auslöschen. Denn Macht- und Herrschaftsverhältnisse basieren für Virilio auf einer Geschwindigkeit, die den Menschen zugleich mobilisiert wie lähmt. So war der Golfkrieg von 1991 das Experiment für einen zukünftigen Krieg, in dem die politischen Dimensionen einer Konfliktbewältigung für immer eliminiert sind und einer gigantischen Elektronik überantwortet werden. Der rastlose und restlos voyeuristische Krieg ist damit --wie bei Kittler die Medientechnologie schon an sich-- stets anwesend und selbst sein eigener, heimlicher Telos.
  Wenn Virilio in rhetorischer Manier argumentiert, generieren sich immer unzählige Detail- Beobachtungen zu einer ontologischen Wesensschau. Begriffe und Bilder werden zwar ähnlich wie bei Deleuze und Guattari assoziativ erfunden, um bestimmte Formen des Transitorischen und Flüchtigen festzuhalten, aber oft überladen und stark generalisiert. Auch lassen etwa Gleichsetzungen von Interaktivität mit Radioaktivität sowie Prognosen zum Cybersex oft eine empirische Grundlage vermissen.
  In Nantes an der französischen Atlantikküste wächst Virilio in einer Landschaft auf, die von Bunkern der Deutschen Wehrmacht gezeichnet ist. Nach einer Ausbildung zum Kunstglaser studiert er Architektur und Urbanistik. Während seines Militärdienstes arbeitet er als Kartograf in Freiburg im Breisgau und nimmt am Algerienkrieg teil. Danach ist er als Architekt, Stadtplaner, Ausstellungsmacher und Redakteur verschiedener Zeitschriften tätig. 1969 übernimmt er eine Professur und wird vier Jahre später Studiendirektor an der "Ecole Spéciale d'Architecture" in Paris. Mit Alain Joxe gründet er 1976 das "Centre Interdisciplinaire de Recherche de la Paix et d' Etudes stratégiques" und zeigt im gleichen Jahr im "Centre George Pompidou" seine Fotos zur "Bunker-Archäologie". 1977 erscheint sein Buch "Metempsychose du passager - Fahren, fahren, fahren ... ", in dem er seine These von der Simulation als eine gesellschaftliche Erblindung formuliert. Die Dromologie als Wissenschaft stellt er 1977 in dem Essay "Geschwindigkeit und Politik - Vitesse et politique. Essai de dromologie" erstmals vor, gefolgt von den Büchern "EsthVtique de la disparition - Ästhetik des Verschwindens "(1980), "La machine de vision - Die Sehmaschine"(1988) und "L'inertie polaire - Rasender Stillstand" (1990) und "L'art du moteur - Die Eroberung des Körpers. Vom Übermenschen zum überreizten Menschen" und "La vitesse de liberation - Fluchtgeschwindigkeit" (1995).