| Giambattista Vico -Giovanni Battista (1668-1744) |
| Als einer der ersten hat sich Vico in der Renaissance gegen die Vorstellung gewandt, dass
allein die Natur von einer methodischen Wissenschaft erfasst werden kann. Von der vergleichenden Rechtsbetrachtung
eines Hugo Grotius ausgehend, vertritt er im Gegensatz zu
Descartes die Überzeugung, dass vielmehr die Geschichte der
bevorzugte Gegenstand des Wissens ist. Dies vorallem, da der Mensch nur die Phänomene versteht, die er selbst
hervorgebracht hat (verum et factum convertuntur), und die Natur nur der erkennen kann, der sie geschaffen hat, also
Gott. Ein solcher Ansatz, der von einer wesentlichen Verwandtschaft zwischen Erkenntnisobjekt und -subjekt ausgeht,
kommt einer konstruktivistischen Weltanschauung --wie man sie heute von
Ernst von Glasersfeld und
Heinz von Foerster kennt-- sehr nahe. Wenn Vico kulturelle Prinzipien
im Rahmen von Veränderungen im menschlichen Geist nachweist, bemüht er sich darzulegen, dass die vom
Menschen gestalteten sozialen Strukturen direkt mit den Vorstellungen von seinen Wirklichkeiten zusammenhängen.
Da er ein treuer Anhänger der katholischen Lehre ist, erfolgt diese Selbstbeeinflussung aber unter dem Walten der
göttlichen Vorsehung und in Richtung eines steten Verfalls.
In seinem 1744 veröffentlichten opus magnum "Neue Wissenschaft für die gemeinschaftliche Natur der Völker - Principj di una scienza nuova in torno alla natura delle nazioni" geht er von der Dreiteilung "Aufstieg, Fortschritt, Verfall und Ende" aus, die schematisch auf alle historischen und gegenwärtigen Erscheinungen übertragen wird. Demnach durchlaufen alle Völker eine göttliche, eine heroische und eine menschliche Zeit. Ebenso hat sich die Geschichte der Sprache in drei Abschnitte zu teilen: in die Götterzeit (in der die Sprache aus Hieroglyphen besteht), in die Heroenzeit (wo die Sprache poetisch oder metaphorisch ist) und in die Menschenzeit (mit der sich unsere Zeichen- Sprachen ausbilden). In seinen Ansätzen zu einer poetischen Logik versucht er nachzuweisen, dass in jeder Metapher ein kleiner Mythos steckt und dass die Dichtung allgemein der Philosophie vorausgeht --ergo die Welt zuerst poetisch erfunden werden muss. Denn für den Rhetoriker Vico ist die Metapher dem Beweis vorzuziehen. Wenn er in dieser Weise seinen Anspruch von Universalität in der Historie darstellt, erlaubt er sich auch in einer recht chaotischen Darstellung sehr freie Interpretationen. So konstituiert bei ihm die Ehe jede Kultur, beweisen Begräbnisse sowie Altäre schon die Existenz Gottes und inkarnieren heroische Familienväter die private monarchische Gewalt. Belege für seine Thesen findet er bei den unterschiedlichsten Quellen, wobei Tacitus zu seinen bevorzugten Geschichtsschreibern gehört, während im überlieferten Homer (wo er eine Vielzahl von Autoren vermutet) für ihn keine Authentizität mehr gegeben ist. Vico verbringt fast sein ganzes Leben jenseits der geistigen Zentren in Neapel, wo er als Sohn eines Buchhändlers Rechtswissenschaft sowie Philosophie studiert. Erst nach umfangreichen Bemühungen gelingt es ihm, eine subalterne Professur für Rhetorik und 1734 die Ernennung zum Historiographen des Königs von Neapel zu bekommen. Da seine Familie aber gross und der Verdienst bescheiden ist, lebt er weiterhin in armen Verhältnissen. All seine Bewerbungen um ein besser bezahltes Lehramt bleiben erfolglos. Ebenso ist es ihm nicht vergönnt, zu Lebzeiten eine Anerkennung mit seinen Schriften zu erzielen. Erst im 19. Jahrhundert wird seine Bedeutung allmählich erkannt, sein Werk aber falsch interpretiert und schlecht übersetzt. Die letzten Monate seines Lebens verbringt er, der aufgrund eines Treppensturzes in der Kindheit sein Leben lang an Krankheiten leidet, in geistiger Umnachtung. Heute gilt Vico, der wahrscheinlich Herder direkt oder indirekt beeinflusst hat, als Vater der modernen Wissenssoziologie und Geschichts- philosophie. Einer Geschichtsauffassung, die zwischenzeitlich durch Voltaire und Hegel zu einem teleologischen Forschrittskonzept uminterpretiert wurde. |