| Gianni Vattimo (1936) |
| Mit seinem "schwachen Denken" (pensiero debole) will Vattimo die Metaphysik von innen
aushebeln. Wie
Lyotard lehnt er totalitäre und objektivierende Ansprüche
ab, doch versteht er die Postmoderne als eine Denkhaltung, die sich noch im "Halbdunkel der
Heideggerschen Lichtung" an Grundsätzen orientiert, um einen
Regress von Tatsachenbeziehungen in einer Seins- geschichtlichen Kontinuität anzustreben. Jede philosophische
Legitimation kann somit als eine Schwächung bzw. Kontaminierung der starken Prinzipien --wie der Idee von
der Wahrheit-- verstanden werden. In diesem Zusammenhang wird auch
Kuhns Absage an einen Fortschritt in der Wissenschaft als eine postmoderne,
nichtlineare Veränderung gewürdigt.
Als linker Heidegger- Interpret bekennt sich Vattimo unmissverständlich zum Differenz- Denken. Einer resoluten Relativierung, einer Glorifizierung des Simulacrum wie bei Derrida (bei dem er die Gefahr eines umgekehrten Platonismus sieht) setzt er ein rein spielerisches Denken entgegen, das metaphysische Ansätze erst verwirren und dann "verwindet". In Anlehnung an Nietzsches Götzendämmerung begreift er die Welt sogar als blosse Fabel, da keine Realität an sich existiert, nur eine Vielfalt "regionaler" Realitäten. Die Massenmedien werden deshalb, da gerade sie belegen, dass es keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit gibt, nicht mehr in der Tradition von Adorno als Verblendung angesehen. Vattimo begrüsst die im Zeitalter der Technik hervorgebrachte Sprache, die zwar regelgeleitet ist, aber einem grundlosen Geschehen entspringt. D.h. wenn sich Tatsachen nur noch in einem hermeneutischen Prozess auf Tatsachen beziehen, dann lösen sich metaphysische Subjekte und "gewalttätige" Kategorien gleichermassen auf. Doch nicht in einer dialektischen Perspektive, um Differenz und Identität zu versöhnen, sondern als "Rückgang in infinitum". Im Anschluss an Gadamer geht es ihm um eine unendliche Interpretation eines geschichtlichen Dialoges, der als ein stets unabgeschlossenes Gespräch ohne normative Letzt- begründung einer "Kommunikationsgemeinschaft" --wie etwa bei Habermas oder Apel-- verpflichtet ist. In späteren Texten, vorallem in seinem Buch "Credere di Credere, Glauben- Philosophieren", versucht Vattimo wie Eco, den Poststrukturalismus wieder an eine materialistische Grundlage zu binden. Seine postulierte Ontologie der Schwächung will er nun im christlichen Säkularisierungsprozess, d.h. mit der Fleischwerdung Gottes nachweisen. So kann er sich an der christlich- jüdischen Tradition orientieren, wenn er über das Ende der grossen Erzählungen nachsinnt, ohne sich um die Begründung einer eigenen Metaebene bemühen zu müssen. Freilich um den Preis, dass entweder die eigenen Begrifflichkeiten an den christlichen Glauben anzupassen sind oder die traditionelle Heilsgeschichte postmodern zu übersetzen ist. In seiner Geburtsstadt Turin studiert Vattimo von 1954 bis 1959 neben Philosophie auch Literaturwissenschaft. In dieser Zeit engagiert er sich in der katholischen Studentenbewegung, bis er wegen seiner Homosexualität mit der Kirche bricht. Mit einer Arbeit über Heidegger habilitiert er sich und übernimmt nach einem zweijährigen Studienaufenthalt in Heidelberg bei Gadamer und Löwith eine Professur für Ästhetik in Turin, danach für Theoretische Philosophie und bis 1994 das Amt des Dekans an der Fakultät für Literatur und Philosophie. Vorübergehend wird Vattimo zu verschiedenen Gastprofessuren in den USA eingeladen. Seit 1999 ist er Mitglied des europäischen Parlaments für die European Socialists. |