| Francisco J. Varela (1946-2001) |
| Von kybernetischen Modellen ausgehend, entwickelt Varela zusammen mit
Maturana für die Kognition den Begriff der Autopoiesis. Für ihn
kreieren Lebewesen (im Sinne des radikalen Konstruktivismus von
Glasersfeld) eine jeweils eigene Erfahrungswelt. Damit gibt es nicht
mehr eine direkte Reaktion auf die äussere Realität, sondern eine interne kognitive Organisation, welche
von Reizen nur strukturiert und interpretiert, nicht aber repräsentiert werden. Die Anpassung an
die Umwelt erfolgt durch die autonome Wahl eigener Verhaltsweisen. D.h. in einer freien Interaktion, die zu keiner
strukturellen Übereinstimmung zwischen Umweltsignalen und mentalen Strukturen führt, werden nur eigene
Dispositionen modelliert.
Im Gegensatz zu Maturana erweitert Varela die Vorstellung von einer autopoietisch Organisation nicht auf die menschliche Gesellschaft. Während er in den 70er Jahren im Modell der Autopoiesis noch die Grundlage für eine künstliche Intelligenz --mit dem mathematischen Modell der Zellautomaten-- gegeben sieht, spricht er sich später dagegen aus, Computer -Metaphern einfach auf biologische Systeme zu übertragen. Er lehnt es ab, das Bewusstsein mit einer Software zu vergleichen und den Körper als Hardware zu interpretieren. Für ihn beschränken sich bewusste Vorgänge nicht allein auf das menschliche Gehirn, sondern entstehen aus der Interaktion des gesamten Organismus mit seiner Umwelt. Eine Welt- Vorstellung wird in diesem Sinne erst durch ein Tätigsein konstruiert, während die Vernunft nur den letzten Moment der Bewusstwerdung ausmacht. In seiner Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein entwickelt Varela in späteren Jahren eine Theorie, die sein evolutionäres Denken mit Sichtweisen des Buddhismus zu vereinen sucht. Mit dieser Liaison will er die Spaltung zwischen einem an ontologischen Begriffen orientierten Denken und der unmittelbaren Lebens- Erfahrung überbrücken. Er geht davon aus, dass man sich in der Natur wie in der Weisheit nur kreisend, ohne ein Fundament bewegen kann. Werte aus der Ethik und Religiosität stellen für ihn modernste Entwicklungsstufen der Evolution dar, die sich über einen langen Zeitraum in Optimierungsprozessen ergeben haben. Damit entspringen sie aus der Selbstorganisation des Lebens und hängen mit dessen molekularen Strukturen zusammen. In Santiago studiert Varela bei Maturana Biologie. Nach seiner Promotion in diesem Fach an der Harvard University, kehrte er nach Chile zurück, um weiter mit Maturana zu arbeiten. Zusammen entwickeln sie mit der These von der Autopoise ihre kognitive Systemtheorie, die sie erstmals umfassend 1979 in dem Buch "Autopoiesis and Cognition" und verallgemeinernd 1984 unter dem Titel "Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens" darstellen. Wegen der Militärdiktatur verlässt Varela 1973 Chile und übernimmt für fünf Jahre eine Stelle als Assistenzprofessor an der University of Colorado Medical School in Denver. Danach arbeitet er an den Brain Research Laboratories of the NYU Medical School und kehrt 1980 wieder nach Chile zurück. Vier Jahre später folgt er einer Einladung des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung nach Frankfurt. 1986 zieht er nach Paris, wo er am Institut des Neurosciences und am CREA ("Centre de Recherche en Epistémologie Appliqué") arbeitet und 1988 zum Forschungsdirektor des CNRS ("Centre Nationale de Recherche Scientifique") ernannt wird. In dieser Zeit veröffentlicht er die Bücher "Kognitionswissenschaften- Kognitiontechnik"(1990), mit Thompson und Rosch "The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience - Der Mittlere Weg der Erkenntnis" (1991) und kurz vor seinem Tod wieder mit Thompson "Lived Body: Why the Mind is not in the Head" (2000). |