| Max Stirner -Johann Caspar Schmidt (1806-1856) |
| Die Frage nach dem menschlichen Individuum beantwortet Max Stirner auf eine radikale Weise
mit dem leibhaftigen Selbst. Wie bei
Kierkegaard --sein Buch "Furcht und Zittern" ist nur ein Jahr vor
"Der Einzige und sein Eigentum" erschienen-- wird nicht mehr eine allen Menschen gemeinsame Antwort verfolgt, sondern
nur der Einzige als ein letzter, als ein sich selbst negierender Gattungs- Begriff akzeptiert. Das problematische
Verhältnis von essentia und existentia ist für Stirner endgültig aufgelöst, wenn gegen die
Tradition einer platonische Philosophie nur noch gefragt werden kann: Wer --und nicht mehr-- was ist der Mensch?
Stirner wünscht sich mit der Freiheit eines idealfreien Egoisten aber mehr als nur eine individuelle Selbstbegründung. Sein Ich ist ein Ich, das endlich und im Gegensatz zum absoluten und unendlichen der Idealisten wirklich ist. Unter diesem Gesichtspunkt kann er --d.h. vorallem derjenige, der seine Sache auf ein Nichts gestellt hat-- die politische Freiheit im bürgerlichen Staat nur als eine Gebundenheit des Einzelnen an die Gesetze, als eine bloss beherrschende und bezwingende Macht ablehnen. Vorallem, da für ihn der eigene Wille und der Staat Todfeinde sind. In gleicher Weise werden der Liberalismus und die Utopie einer kommunistischen Gesellschaft nicht akzeptiert, weil sie das Ich wieder unter ein Diktat von Prinzipien oder der Gleichmacherei stellen. Als Alternative fordert Stirner stattdessen eine absolute Selbstdeterminierung, die für ihn in einer freien Assoziation, dem vorgeschlagenen "Verein der Egoisten", möglich ist, insofern hier jeder Eigentümer ist und sich mit anderen nur über sein Eigentum verständigt. Dieser radikale Ansatz wurde bisher mit vielen Vorwürfen wie der eines zum Solipsismus überhöhten Idealismus oder der eines hemmungslosen, alle sozialen Bindungen negierenden Individualismus bzw. Nihilismus so häufig missverstanden wie diskreditiert. Besonders nachhaltig bei Marx in seiner Kritik "Die Deutsche Ideologie". Dabei blieb aber zumeist unberücksichtigt, dass im Mittelpunkt des Stirnerschen Denkens keine konkrete Gesellschaft steht, sondern primär der Anspruch einer permanenten Empörung. Einer Empörung, die ohne gesellschaftliche Bezüge jedes Recht und jede Rechtfertigung allein vom Individuum ableitet --also von einem Materialismus des Selbst ausgeht, während bei Marx und Engels ein Materialismus der Verhältnisse und ihrer Geschichte zum Primat erklärt wird. Stirner, der in Bayreuth als einziger Sohn protestantischer Eltern aufwächst, studiert in Berlin zunächst Jura, dann Philosophie und Theologie. Er besucht Vorlesungen bei Schleiermacher, Hegel und einigen Junghegelianern. Am Ende besteht er gerade so das Examen für ein Lehramt, um im Alter von 33 Jahren eine Lehrerstelle an einer Berliner Mädchenschule anzutreten. Er stösst in dieser Zeit zu den "Freien", dem anarchisch- bohemehaften Kreis von Junghegelianern, die sich um Bruno Bauer in einer Berliner Weinstube versammeln. In dieser Umgebung lernt er die wohlhabende Apothekertochter Marie Dähnhardt kennen und heiratet zum zweitenmal (seine erste Frau war im Wochenbett gestorben). Nun kann er ohne Geldsorgen schreiben. Nach zahlreichen Artikeln für die "Rheinischen Zeitung", grundlegenden Schriften über die Erziehung, die Kunst und die Religion erscheint 1844 sein Buch "Der Einzige und sein Eigentum". Der Druck wird von der Zensur in Sachsen zunächst verboten, nach einigen Tagen aber wieder freigegeben, da man den Inhalt letztendlich als zu absurd und damit ungefährlich einstuft. Nachdem die erste Auflage tatsächlich in der Öffentlichkeit wenig Widerhall findet, publiziert Stirner neben der Übersetzung von Smith's "Reichtum der Nationen" nur noch wenig. Das Geld geht mit dem Fiasko eines Milchhandel- Projektes in Berlin zu Ende, die Ehe scheitert und er muss immer wieder seine Wohnungen aufgeben. Zweimal kommt er auch ins Schuldgefängnis. Nach seinem schnellen und unerwarteten Tod, hervorgerufen wahrscheinlich durch ein Karbunkel im Nacken bzw. die falsche ärztliche Behandlung, sollen nur noch wenige Freunde seinem Sarg gefolgt sein. Wiederentdeckt wird Stirner 1893 von Paul Lauterbach, der nachzuweisen versucht, dass Nietzsche den Standpunkt des "Einzigen" überwunden hat. |