Herbert Spencer (1820-1903)
Bereits vor Darwin versucht Spencer, den Gedanken der Evolution als eine universale Konstante zu verstehen. Er geht von einer Entwicklung aus, die es erlauben soll, so unterschiedliche Bereiche wie die Astronomie, Biologie und Ethik unter das allumfassende Gesetz von "First Prinziples", d.h. unter eine Zentralformel des Fortschritts zu stellen. Dies aber, ohne ein teleologisches Prinzip wie bei Hegel und ohne Kants a priorie- Anschauungsformen Raum und Zeit zu akzeptieren. Ablehnend steht er jedem Transzendenz- Denken gegenüber, da er die nicht auf empirische Erfahrungen beruhende Metaphysik in den Bereich der Psychologie verweist. Ausschlaggebend sind für ihn allein die absoluten Grössen Kraft und Dauer, weil sie in der Materie Bestand haben und einen langfristigen Prozess vorantreiben, der sowohl für die natürliche wie auch die soziale Welt gelte.
  Trotz jahrelanger Bemühungen bleibt sein grosser Anspruch von einer "Synthetischen Philosophie" (die bis 1896 als Buchprojekt auf immerhin zehn Bände anwächst) eine unlösbare Aufgabe. Dennoch gelingt es ihm in Teilbereichen nachhaltig auf seine Zeit zu wirken. So wenn er die Gesellschaft als ein System des laissez-faire darstellt, um die liberalen Prinzipien gegen sozialistische Lehren zu verteidigen. In seiner Theorie der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung geht er von einem Zustand der "unbestimmten, unzusammenhängenden Gleichartigkeit", d. h. der Homogenität von zunächst einfachen Clans aus. Infolge einer ständigen Neuverteilung kommt es notwendig zu verschieden komplexen Zusammenschlüssen. Also zu heterogenen Gesellschaften, die sich anfangs noch durch militärische Gewalt herstellen und zunehmend zu industriellen Gesellschaften ausbilden, wo freiwillig Pflichten übernommen werden. In diesem Zusammenhang prägt er die später für den Sozialdarwinismus so wichtigen Thesen: "survival of the fittest" und "struggle for existence".
  Spencer, der sich sein Wissen neben seiner Arbeit als Lehrer, Eisenbahningenieur und Journalist autodidaktisch durch die Lektüre naturwissenschaftlicher Werke aneignet, interessiert sich schon sehr früh für sozialpolitische Probleme. Durch eine Erbschaft kann er sich bald ganz seinen Studien und dem Schreiben von Büchern widmen. Nach seiner 1851 publizierten Arbeit "Social Statics", in dem vorallem die Notwendigkeit der Freiheit für das Individuum betont wird, veröffentlicht Spencer 1860 den ersten allgemeinen Teil seiner synthetischen Philosophie "A System of Synthetic Philosophy". Es folgen in Abständen von wenigen Jahren die Bände "First Principles", "Principles of Biology", "Principles of Sociology" und "Principles of Ethics" in jeweils zwei Büchern. In einer Zeit sozialer Spannungen und Krisen wird sein optimistisches Fortschrittsdenken, das versöhnlich eine neue freiheitliche Ordnung verspricht, nicht nur an den Universitäten freudig aufgenommen. Seine Schriften werden in viele Sprachen übersetzt und erzielen gerade in den USA grosse Erfolge. Als sich um die Jahrhundertwende jedoch die Krisen verstärken, nimmt seine Popularität wieder rasch ab.