Peter Sloterdijk (1947)
Mit dem Widerstreit zwischen dem Zyniker und Kyniker erfindet Sloterdijk einen Geschichts- Diskurs, der 1983 in seinem enzyklopädisch monumentalen Essay "Kritik der zynischen Vernunft" (Kants "Kritik der reinen Vernunft" war vor 200 Jahren erschienen) eine aktualisierte Vernunftkritik vorlegen will. Dabei favorisiert er Lebenshaltungen, die sich Macht- Praktiken entziehen, d.h. listig und selbstironisch wie Diogenes eine Kritik von unten an den herrschenden Verhältnissen ausleben. Während im Gegensatz dazu die Zyniker --wie Dostojewskis Grossinquisitor oder das Heideggerschen Man als Massenphänomen in der Weimarer Republik-- ein aufgeklärtes falsches Bewusstsein (wider besseren Wissens) verkörpern.
  Mit dieser Perspektive versucht Sloterdijk, die Kritische Theorie mit einem anderen Vorzeichen gegen Adorno fortzuschreiben. Mit der Kreativität einer "fröhlichen Wissenschaft" soll ein Negativismus überwunden werden, das im falschen Leben nicht mehr das richtige finden will und kann. Letztendlich geht es aber um die Möglichkeit, wieder mit dem Bestehenden auf eine heitere Art einverstanden zu sein. Dies freilich nicht im Sinne eines Arrangements, sondern im Insistieren auf eine selbstbewusste Verweigerung. So zeigt Sloterdijk in seinem Essay die "Verachtung der Massen", dass und wie sich trotz Egalisierung im heutigen Kulturkampf das Indifferente behauptet, wenn der Mensch als utopisches Wesen sich als weltlich verfasst begreift. Im seinem ersten "Sphären" -Band hat er bereits das Dasein als ein "gasförmiges Aggregat" mit einem intimen Daseins- Kontinent --ähnlich wie bei Heidegger und Merleau-Ponty als ein in der Welt- bzw. zur Welt-Sein -- definiert. Mit dieser --wie er selbst schreibt-- philosophischen Gynäkologie soll der Beweis erbracht werden, dass sich selbst unräumliche Verhältnisse wie Sympathie und Verstehen in quasi räumliche Verhältnisse übersetzen lassen. Der dritte, im Jahr 2004 publizierte Band "Schäume" versucht im Zeitalter der Globalisierung, den Gedanken des einen Globus in einer multifokalen Perspektive aufzulösen.
  Während sich Sloterdijk selbst lange Zeit als erfolgreicher Kyniker unter Beweis stellt, entpuppt er sich mit provokanten Veröffentlichungen in den 90er Jahren jedoch auch als Zyniker. Aus dem einstigen Vernunftkritiker, der mit Nietzsche zivilisatorische Disziplinierungen beargwöhnt, wird in dem Essay "Regeln für den Menschenpark" und während der folgenden Auseinandersetzung mit Habermas der Fürsprecher einer sozial befriedeten Gemeinschaft. Im Humanismus sieht er nun nicht mehr ein verstecktes Machtinstrument, sondern nur noch ein wirkungsloses Werkzeug, das mit den Potentialen der Gentechnologie im Sinne eines Super- Humanismus zu ersetzen ist. Dabei vergisst er zwar nicht, sich von der faschistischen Eugenik zu distanzieren, sympathisiert aber offen mit einer biologischen Domestikation, die unter der Herrschaft von "Weisen" eine neue kulturelle Formbarkeit garantieren soll. Ein solcher Denk- Ansatz will provozieren, bleibt aber letztendlich einer Überbietungskultur verpflichtet und bei aller rhetorischen Meisterschaft auch polemisch oberflächlich.
  Der aus Karlsruhe stammende Sloterdijk beendet 1971 sein Philosophie- und Germanistik- Studium in München mit einer Magisterarbeit über den Strukturalismus als poietische Hermeneutik. Fünf Jahre später promoviert er im Fachbereich Sprachwissenschaften der Universität Hamburg mit dem Thema "Literatur und Organisation von Lebenserfahrung". Danach lebt er zwei Jahre lang im Ashram des Bhagwan in Indien. Ab 1988 arbeitet er als Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt/Main und lehrt seit 1992 neben Gastprofessuren in Paris, Zürich, Wien und New York im Bereich Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Hier übernimmt er im Jahr 2001 den freigewordenen Rektor-Posten. Seine "Kritik der zynischen Vernunft" gilt 1999 mit der 15. Auflage bereits als das meistverkaufte philosophische Buch in deutscher Sprache seit dem Zweiten Weltkrieg.