| Ferdinand de Saussure (1857-1913) |
| Mit dem Grundgedanken der Differenz kann Saussure erstmals eine überindividuelle und
selbstbezügliche Sprachtheorie entwickeln. Indem er mit der Unterteilung in Signifikat (signifié -
Bezeichnetes als Vorstellung, Konzept, Begriff) und Signifikant (signifiant - Bezeichnendes als Lautbild) von einem
rein arbiträren, also willkürlichen bzw. unmotivierten Verhältnis ausgeht, braucht er das Zeichen
(signe) nicht mehr mit dem Bezug auf Sachverhalte und geschichtliche Entwicklungen (Diachronie) erklären.
Damit verzichtet er im Gegensatz zu
Peirce, der etwa zur gleichen Zeit in Nordamerika eine Zeichentheorie
entwickelt, auf einen direkten Bezug zur Realität, d.h. auf den sinnlichen Gehalt einer Vorstellung. Eine solche
Betrachtung privilegiert die Linguistik als eine eigenständige Wissenschaft und ermöglicht es, Bedeutungen
allein differentiell, also aus der strukturellen Unterscheidung zu anderen Zeichen zu verstehen. So kann ein Text als ein
System seiner Elemente untereinander und aus inneren, gleichzeitigen Gesetzmässigkeiten (Synchronie) verstanden
werden.
Für Saussure besteht die Aufgabe der Sprachwissenschaft darin, die Einheiten der Zeichen zu identifizieren, zu klassifizieren und die Regeln ihrer Kombination zu beschreiben. Dabei geht es ihm vorallem um eine nicht unmittelbar sichtbare Sprache (langue), die als ein soziales Produkt auf Konventionen beruht und aus den Äusserungen der Sprecher (parole) hervorgeht. Der geschriebenen Sprache kommt nur eine sekundäre Rolle zu, da sie sich an die gesprochene Sprache immer wieder anpassen muss. Das Verhältnis von Sprache und Schrift wird in dieser Phase der Linguistik noch metaphysisch analog zu dem von Geist und Körper aufgefasst, wie Derrida später nachweisen kann. Saussure, der mit seinem positivistischen Begriffsystem als der Begründer des Strukturalismus gilt, hat seine linguistische Theorie auch auf ausserhalb der Sprache liegende Gebiete angewendet. Ansatzweise entwickelt er auf dieser Basis erste semiologische Systeme bsp. zum Schachspiel, zu Höflichkeitsgebärden und zum Verkehrssystem. In den dreissiger Jahren wird sein Sprach- und Zeichenmodell u.a. vom russischen Formalismus um Viktor Schklowskij und Boris Eichenbaum, von der Prager Schule um Roman Jakobson und der Kopenhagener Schule um Hjelmslev übernommen und unterschiedlich weiterentwickelt. Für die strukturalistische Anthropologie entdeckt bald Lévi-Strauss das Potential der Linguistik. Durch Lacan wird Saussures Denken für die Psychoanalyse und durch Roland Barthes für die Literaturwissenschaft entdeckt. Nach einem Studium der Sprachwissenschaften in Leipzig, schreibt Saussure noch unter dem Einfluss der Junggrammatiker 1880 seine Dissertation "De l'emploi du génitif absolu en sansrit". Ein Jahr später übernimmt er eine Lehrtätigkeit in Paris und kehrt 1891 in seine Heimatstadt Genf zurück, wo er fünf Jahre als freier Dozent und danach als ausserordentlicher Professor für indoeuropäische Sprachen und Sanskrit arbeitet. Ab 1906 nennt sich sein Lehrstuhl schon Allgemeine Linguistik und vergleichende Geschichte. Saussure hat seine Theorie zu Lebzeiten nie veröffentlicht, nur in drei grossen Vorlesungen dargelegt. Er selbst glaubte nicht, dass sich in der Linguistik eine klare Theorie ausdrücken lässt, da es keinen einzigen Begriff gäbe, der auf einer klaren Vorstellung beruhe. Erst 1916 nach seinem Tod konnte anhand von Mitschriften und authentischen Textfragmenten sein Lebenswerk unter dem Titel "Cours de linguistique géneérale- Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft" publiziert werden. |