| Desiderius Erasmus von Rotterdam - Gerhard Gerhards (1469-1536) | |
| Da er das Christentum als ein ethisch- religiöses Ideal versteht, versucht Erasmus
die Religion mit dem geistigen Gut der Antike zu verbinden. Für ihn kann ein den Geboten der Heiligen Schrift
gemässes Streben nach Selbsterkenntnis (im Sinne der klassischen Bildung) zu einer höheren Daseinsstufe
(dem "Uomo universale") führen. Mit dieser Ansicht vertritt er einen theologischen Rationalismus, der von einem
"reinen Evangelium" als "universale Offenbarung" ausgeht.
Obwohl sich Erasmus mit seinen brillanten Polemiken gegen Ignoranz, Aberglauben und autoritäre traditionelle Strukturen für eine Freiheit des Geistes ausspricht, weicht er --aus Angst vor einer Spaltung der Kirche und verschreckt durch den Bauernkrieg-- einer Parteinahme für die Reformation aus. Erst als er wegen seiner früheren Kritik an der Amtskirche in den Verdacht gerät, selbst Lutheraner zu sein, bemüht er sich 1524 in dem Traktat "De libero arbitrio diatribe sive collatio - Vom freien Willen" um eine erste Stellungnahme. Darin spart er aber Fragen zur Kirchenpraxis völlig aus und beschränkt sich fast ausschliesslich auf das Freiheitsproblem. Dies um vorallem zu erklären, dass mit dem Sündenfall der Mensch das Vermögen zum freien Willen nicht verloren hat. Auf Luthers Erwiderung, die allein vom persönlichen Erlebnis der göttlichen Gnade ausgeht und eine augustinische These als Titel wählt ("De servo arbitrio - Vom unfreien Willen", 1525) reagierte Erasmus 1526 mit der äusserst kritischen Polemik "Hyperaspistes - Schutzschild" und leitet somit einen endgültigen Bruch ein. Dennoch kommt ihm --wie überhaupt den Vertretern des Humanismus-- der Verdienst zu, mit einer Säkularisierung des Denkens die Reformation vorbereitet zu haben. Durch seine Kritik an der weltlichen Herrschaft der Kirche und seinem Insistieren auf ein Menschenbild, das die Würde und die Eigenverantwortung des schöpferischen Individuums betont, hat er die Voraussetzung für ein neues Weltbild geschaffen. Deutlich wird dies in vielen Schriften, in denen er sich wie in der Satire "Das Lob der Torheit" mit einer deutlichen Kritik am Leben der Mönche gegen den Verfall der Sittlichkeit ausspricht (hier wird die Torheit zur wahren Weisheit und die eingebildete Weisheit zur wahren Torheit). Ebenso versucht er die Fürsten zur Regierungsweisheit und Friedfertigkeit zu bewegen, wenn er machtpolitische Auseinandersetzungen zwischen den Habsburgern und Frankreich in seiner Schrift "Querela pacis - Klage des Friedens" polemisch attackiert. Im Gegensatz zu Machiavelli, der sich zur gleichen Zeit gegen moralische Kriterien in der Politik erklärt, fordert Erasmus stets eine Rückkehr zur einfachen christlichen Ethik, einer "humanitas christiana". Da er sich dabei für eine friedliche Lösungen und ein gegenseitiges Wohlwollen ausspricht, wird er auch zum Wegbereiter des Toleranzgedankens in der Aufklärung. Erasmus, der als uneheliches Kind eines Priesters in Rotterdam vielleicht schon 1466 zur Welt kam, litt ein Leben lang unter seiner unehrenhaften Herkunft und vielleicht noch mehr an seiner körperlich schwachen Konstitution. Gegen seinen Willen wird er Mönch in einem Augustinerkloster bei Gouda und beschäftigt sich hier eingehend mit den lateinischen Klassikern. Dank einer finanziellen Unterstützung kann er in Paris Theologie studieren, muss aber seinen Lebensunterhalt auch als Privatlehrer bestreiten. Auf einer Reise nach England lernt er Thomas Morus und den späteren König Heinrich VIII. kennen. In dieser Zeit entstehen bereits einige Schriften, so die erste Ausgabe der "Adagia", die am Ende über 4000 kommentierte Sprichwörter, Redensarten, Zitate und Devisen enthält. Seit 1514 lebt er mit Unterbrechungen in Basel. Der Papst löst ihn 1516 von seinem Ordensgelübde. Im gleichen Jahr erscheint seine kritische Ausgabe des griechischen Neuen Testaments mit einer lateinischen Übersetzung und kurzen Anmerkungen, die aber von der Kirche nicht akzeptiert wird. Die Neuausgabe von 1519 weist an 400 Stellen Verbesserungen auf und dient Luther als Grundlage für seine Bibel-Übersetzung. Als 1529 die Reformation Basel erreicht, flieht Erasmus in das katholisch gebliebene Freiburg im Breisgau und kehrt erst 1535 wieder nach Basel zurück, wo er, der sein Leben lang mit Gelehrten, Fürsten, Königen und Kardinälen korrespondierte (etwa 1500 Briefe sind noch erhalten), ein Jahr später an Typhus stirbt. |