Richard Rorty (1931)
Für Rorty gibt es ausserhalb der Kultur keinen archimedischen Punkt mehr, auf den sich irgendeine Erkenntnistheorie oder Wissenschaft stützen kann, um wertfrei und objektiv zu argumentieren. Mit dieser Position bezieht er sich einerseits auf Heideggers Kritik an der abendländischen Metaphysik und übernimmt zum anderen den pragmatischen Wahrheitsbegriff von William James.
  In Anlehnung an Davidson und den späteren Wittgenstein polemisiert er gegen einen abstrakten und bodenlosen Universalismus und diagnostiziert einen "linguistic turn", mit dem die Sprache nicht mehr als Spiegel oder Abbild der Welt, sondern lediglich als Werkzeug für eine Orientierung akzeptiert wird. Rorty geht von einem Plural unterschiedlicher Weltanschauungen aus, die allein durch eine Rhetorik von Überzeugungen und nicht wie bei Habermas durch eine rationale Argumentation miteinander in Einklang zu bringen sind. Dies bedeutet aber auch, dass er abstrakte moralische Prinzipien und Ansprüchen auf eine revolutionäre Veränderung eine Absage erteilt, da in beiden Fällen von einer zeitlosen Wahrheitsvorstellung ausgegangen wird.
  Einen Ausweg sieht Rorty stattdessen in einem Tugend- Ideal, das in der Verkörperung einer "liberalen Ironikerin" sich auf das Erkennen von Kontingenzen, d.h. von grundlosen und zufälligen Hoffnungen, beschränkt. Mit seinem Konzept der privaten Selbst- Vervollkommnung und seinen Argumenten für eine Politik der Solidarität favorisiert er eine rein ästhetische Kultur, deren letztes Anliegen nicht die Wahrheit, sondern die "Vermeidung von Grausamkeit" ist. In diesem Rahmen fordert er in seinem 1989 vorgelegten Buch "Contingency, Irony, and Solidarity - Kontingenz, Ironie und Solidarität", eine andauernde Neubeschreibung der Welt und ebenso eine permanente Selbst- Erfindung bzw. eine an der Romantik orientierte Selbsterschaffung des Individuums.
  In New York geboren wächst Rorty in einem undogmatisch- linken Milieu auf. 1946 immatrikuliert er sich an der Universität von Chicago und besucht Vorlesungen bei Carnap, Charles Hartshorne und Richard McKeon. Nach seiner 1956 in Yale vorgelegten Dissertation "The Concept of Potentiality" über Whitehead lehrt er als Assistant Professor am Wellesley College und ab 1961 an der Universität in Princeton. Seine philosophischen Überzeugungen hat Rorty überwiegend in der Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Pragmatismus von Dewey und James sowie der analytischen Philosophie von Davidson und Quine entwickelt. In seinem 1967 vorgelegten Essay "The Linguistic Turn" beschäftigt er sich mit den in Amerika bis dahin wenig wahrgenommenen Denkern Heidegger, Nietzsche und Derrida. 1979 veröffentlicht er sein Buch "Philosophy and the Mirror of Nature - Der Spiegel der Natur" und verlässt enttäuscht vom alles beherrschenden Diskurs der sprachanalytischen Philosophie (die er innerhalb des amerikanischen Lehrbetriebes als scholastisch kritisiert) die Universität in Princeton. In den 80er Jahren wechselt er in den Bereich der Literaturwissenschaft, da er die Zukunft der Philosophie mehr im ästhetischen als wissenschaftlich geprägten Bereich sieht.