| Wilhelm Reich (1897-1957) |
| Mit seiner materialistisch orientierten Psychoanalyse setzt Reich erstmals menschliche Triebe
und Wunschvorstellungen in Beziehung zur gesellschaftlichen Sphäre. Da er ausgehend von der
Marxschen Mehrwert- Theorie die privaten Lebensbedingungen von den
Produktions- und Lebensverhältnissen ableitet, liegen die Ursachen von seelischen Krankheiten für ihn in
erster Linie in einer autoritären, die Sexualität unterdrückenden Zivilisation.
Mit dieser These versucht er auch, einen Zusammenhang zwischen einer autoritären Trieb- Unterdrückung und der faschistischen Ideologie herzustellen. Der Faschismus stellt demnach keine blosse ideologische Täuschung dar, sondern ist auf die Sehnsucht zurückzuführen, unterdrückte biologische Bedürfnisse zu befriedigen. Konkret weist Reich --so mit seiner Deutung zum Hakenkreuz- Symbol-- eine Verschiebung von einer Sexualangst zum Mystizismus nach, die zu einer autoritären Abhängigkeit führt und ein autodestruktives Potential freisetzt. Erklärungen, die nur von einer Täuschung und Mystifizierung ausgehen, lehnt er ab und geht damit weiter als Marcuse. Da Reich sich aber andererseits nur von dem Ideal eines vitalen Lebens im Sinne von Bergson leiten lässt und mit der Psychoanalyse allein das Negative und Hemmende zu bestimmen sucht, stellt er noch nicht --wie später Guattari und Deleuze-- einen direkten Zusammenhang zwischen subjektiven Trieben und der ökonomischen Produktion her. Im Unterschied zu Freud sieht Reich aber ebenso im Ödipuskomplex nicht die Ursache als vielmehr eine Folge der zivilisatorischen Sexualeinschränkung, so dass er zunehmend das Problem der menschlichen Freiheit gegen das "Über-Ich" mit einer Trieb- Befreiungstheorie radikalisieren kann. Die libidinöse Triebkraft wird gegen die Hypothese vom Todestrieb positiv bestimmt, da für ihn die Barbarei nicht den Trieben, sondern aus deren Unterdrückung entspringt. Während die sexuelle Zwangsmoral der bürgerlichen Familie eine gesunde Entwicklung behindert und zu Aggressionen, Angst, Hass, Hysterie und nicht zuletzt zu Neurosen als Konversion einer angestauten Sexualerregung führt. In Bezug auf die ursprüngliche Forschungsarbeit von Freud entwickelt Reich mit diesen Auffassungen ein Konzept über die energetischen Aspekte der Libido- Theorie. Sein Ziel ist es ,neurotische Störungen durch die Abfuhr und Speicherung von Energie zu erklären. Er bemüht sich, Vorgänge des Seelenlebens auf eine rein naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und stösst bei experimentellen Untersuchungen auf die Bio- Elektrizität, die er als pulsierende Lebensenergie Orgon nennt. Die Orgastische Potenz wird nun als die Fähigkeit, sich dem Strömen dieser Energie ohne Hemmung hinzugeben, definiert. Kommt es durch die Erziehung zu einer Behinderung, entsteht für Reich eine Verhärtung und irgendwann ein richtiger Panzer in Form einer muskelären und charakterlichen Verspannung. In seiner aus der orthodoxen Psychoanalyse abgewandelten Form der Charakteranalyse entwickelt er einen therapeutischen Ansatz, mit dem die emotionale und psycho- vegetative Beweglichkeit wieder hergestellt werden soll. Später glaubt er, in einer nicht mehr nachvollziehbaren Selbstüberschätzung mit den Funktionsgesetzen des Orgons und dem dazu erfundenen Orgon- Akkumulator grosse Menschheitsprobleme wie den Krebs, Umweltkatastrophen und UFO- Angriffe lösen zu können. Reich, der in einer jüdisch assimilierten Familie in der Bukowina, dem östlichsten Teil der k.u.k. -Monarchie Österreich, aufwächst, studiert nach dem Kriegsdienst in Wien Medizin. Hier lernt er Freud kennen, wird aber ungewollt durch sein sexualpolitisches Programm SEXPOL und sein Eintreten für eine aufgeklärte Sexualpolitik zu dessen Gegner und auch von der psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen. Zum Bruch kommt es jedoch nicht wegen seiner Sympathie für den Marxismus und seinem politischen Engagement innerhalb der KPD (dort trennte man sich immerhin auch bald von ihm), sondern vielmehr wegen seiner kritischen Auffassung zum Ödipuskomplex. Während des Exils (ab 1933 in Skandinavien, ab 1939 in den USA) gelingt es ihm, mit seiner "Charakteranalyse" und späteren "Vegetotherapie" eine eigenständige Position zu beziehen, die er mit einer experimentellen Forschung verbindet. Wegen zunehmender Angriffe in der Öffentlichkeit beginnt er, unter Verfolgungswahn zu leiden, und gerät auch bald mit dem Gesetz in Konflikt. Im Gefängnis stirbt er nach einem halben Jahr offiziell an Herzversagen. Seine Schriften werden Opfer einer gerichtlich angeordneten Bücherverbrennung, bei der man ebenso seine Akkumulatoren zerstört. 1968 wird der frühe Reich als Freudomarxist, als Antifaschist und als Vordenker der "sexuellen Revolution" wieder entdeckt. Nach dem Zerfall der Studentenbewegung konzentriert sich das Interesse zunehmend an seinem Spätwerk, und Reich wird zu einem Therapieguru. |