Grammatik von Port Royal (17. Jh.)
Die im Rationalismus angelegte Idee von einer Universalgrammatik nimmt in der Pariser Abtei und Schule von Port Royal erstmals konkrete Formen an. Hier entsteht 1662 unter der Leitung von Antoine Arnauld (1612 -1694) und Claude Lancelot (1616 -1695) die berühmt gewordene "Grammaire générale et raisonnée", mit der von einer universalen Ordnung in allen Sprachen ausgegangen wird. Die grammatischen Regeln haben dabei (wie schon bei Descartes gefordert), verbindlich der logischen Vernunft zu entsprechen. Dieser hohe Anspruch ist umsetzbar, da man sich in der Argumentation weitestgehend auf die griechische, lateinische und französische Sprache beschränkt und Abweichungen lediglich als historische Verunreinigungen ansieht.
  Die aufgefundenen Prinzipien in der Sprache sollen mit der Grammatik von Port Royal aber nicht nur eine einheitliche Norm für den allgemeinen Sprachgebrauch aufstellen, sondern primär eine Anleitung für ein richtiges Denken sein. Also eine Alternative zur scholastischen Autoritätsgläubigkeit darstellen. Insofern werden nur diejenigen sprachlichen Ordnungsformen favorisiert, die vernünftig erscheinen. Die Vorstellung von einem evolutionären Prozess der Erkenntnis und der Abhängigkeit von kulturellen Werten, wie ihn Vico und Herder vertreten, wird hingegen abgelehnt.
  Die alleinige Orientierung an der Rationalität verliert erst an Bedeutung, als Pierre Nicole (1625-1695) in Port-Royal mit einer Schrift zur Logik die Sprache wieder in Bezug auf das Vorstellungsvermögen der Menschen stellt. Dieser Anspruch kann sich durchsetzen, als man erkennt, dass sich die Rhetorik nicht nur am Verstand, sondern auch an Imaginationen orientieren muss, wenn sie die Menschen erreichen will. Die Universalität des Denkens und der Sprache wird aber nicht in Frage gestellt. Die Grammatiker sind lediglich bereit, einzelsprachliche Bedeutungs- Verschiebungen in den Wörtern, die durch Konventionen zustande kommen, zu berücksichtigen.
  Mit der generativen Transformationsgrammatik von Chomsky hat die Idee von grammatischen Universalien wieder an Aktualität gewonnen. In der Sprachtheorie versucht man seitdem erneut Organisationsprinzipien aufzustellen, mit denen sich ein allgemein gültiges Denken belegen lässt. Im Unterschied zur Grammatik von Port Royal kommt jedoch der Falsifizierbarkeit durch den performativen Akt des Sprechens eine tragende Bedeutung zu. Gleichfalls werden individuelle Unterschiede im historischen Entwicklungsprozess von Sprachen akzeptiert.
  Das in der Nähe von Versailles liegende Kloster Port-Royal wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch von Frauen betrieben. Die Regeln der klösterlichen Askese und Geschlechtertrennung werden nicht allzu streng gehandhabt. Als 1636 die Jansenisten, die mit der Auserwählten- Lehre von Augustinus die Kirche reformieren wollen, das Kloster übernehmen, lassen sich hier auch Blaise Pascal, Rochefoucauld und Jean Racine nieder. Unter Ludwig dem XVI. gewinnen die Jesuiten, die dem menschlichen Willen mehr Bedeutung beimessen, wieder an politischen Einfluss. Nach Beschuldigungen der Häresie ergreifen viele Insassen von Port Royal die Flucht. Das Kloster wird 1710 bis auf den Grund niedergerissen, während der Revolution entsteht hier ein Gefängnis und später ein Hospital.