| Charles Sanders Peirce (1839-1914) |
| Um die Diskrepanz zwischen Abbild und Urbild zu überwinden, geht Peirce nicht wie
Saussure von einem dyadischen Zeichen- begriff aus, sondern von
einem triadischen System. Neben der Unterscheidung von Signifikat (Bezeichnetes als Vorstellung) und Signifikant
(Bezeichnendes) führt er mit der zusätzlichen Komponente Referent eine Bezeichnungsfunktion ein, um
den Bezug auf in der Realität existierende Objekte oder Sachverhalte festzuhalten (und um sie von Signifikaten
wie dem Fabeltier Einhorn oder Pegasus, denen neben ihrer Bedeutung kein Referent in der Realität entspricht,
abzugrenzen).
Sein Konzept der triadischen Relation geht von drei koexistierenden Welten aus: dem Innen, dem Aussen und der Logik als wahrnehmbarer Strukturkonfiguration von logischen Verknüpfungen. Die Semiotik wird mit diesem Ansatz zu einem prozessorientierten System der Kategorien: Erstheit, Zweitheit und Drittheit, die sich an die zehn bzw. zwölf ontologischen Fundamentalkategorien von Aristoteles bzw. Kant anlehnen, und von Peirce immer wieder neu spezifiziert und mit Sub- Klassifizierungen relativiert werden. So kommt er auch zu der Unterscheidung der drei Zeichentypen: Index (Anzeichen wie z.B. Rauch für Feuer), Ikon (Ähnlichkeitsbezug wie bei Hieroglyphen) und Symbol (Stellvertreter). Peirce, der als Begründer des Pragmatismus (später in Abgrenzung von Wiliam James und John Dewey in Pragmatizismus unbenannt) bekannt wurde, hat mit seiner Auffassung vom Sinngehalt eines Satzes eine neue Verifikationstheorie entwickelt. Das Kriterium der Wahrheit- oder Falschheit eines Satzes ergibt sich demnach aus dem Bezug seiner Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten. Da ein Satz, der sich nicht mit der Erfahrung bestätigen oder entkräften lässt, für ihn keinen Sinn ergibt, ist die Logik immer schon zweckbestimmt (im Gegensatz zum frühen Wittgenstein, für den die formale Logik aus Tautologien besteht). In einer Welt, in der keine direkte Erkenntnis möglich ist, kann man sich für Peirce einzig mit einer semiotischen Kompetenz orientieren. Insofern ist die Kantsche Vernunft nicht mehr das entscheidende Kriterium der Erkenntnis, sondern stattdessen das Inventar der Zeichen, mit dem die Vernunft arbeitet. Von seinem Vater, der als Mathematiker und Astronom in Harvard lehrt, wird Peirce im frühreifen Alter für eine wissenschaftliche Karriere vorbereitet. Sein Studium schliesst er an der Lawrence Scientific School in Havard als erster Student mit summa cum laude ab. Dennoch gelingt es ihm nicht, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Erst nachdem er mit Erfolg einige mathematischen und naturwissenschaftlichen Artikel sowie Abhandlungen zur Logik veröffentlicht hat, bekommt er 1879 einen Lehrauftrag als half-time lecturer für Logik an der John-Hopkins Universität in Baltimore. Als er sich nach der Scheidung von seiner ersten Frau 1884 für eine wilde Ehe entschliesst, muss er diese Tätigkeit wieder aufgeben. Auf einen Lehrstuhl wird er nie berufen. Die Gründe dafür sind auch in seinem eigenen Verhalten, das sich über die Ansprüche anderer allzu hochfahrend hinwegsetzt und deswegen als unsozial empfunden wird, zu suchen. Seine philosophischen Ideen konnte er nur in halb-privaten Zirkeln wie dem "Cambridge Metaphysical Club" und in zahlreichen Artikeln zur Diskussion stellen. Dennoch hat Peirce in seinen zahlreichen Beschäftigungen als Astronom am Harvard Observatorium und als Physiker für das United States Coast and Geodetic Survey Pionierarbeit geleistet. Am Ende lebte Peirce mit seiner zweiten Frau völlig verarmt und vereinsamt in einem kleinen Haus in den Wäldern von Milford/ Pennsylvenia. Auf eine Einladung von William James hält er 1903 in Harvard noch sieben Vorträge über den Pragmatismus und kann dabei seine triadische Kategorienlehre vorstellen. Ein von seinen Freunden organisierter Hilfsfond ermöglichte es Peirce, dann doch noch ohne finanzielle Sorgen zu leben. |