| José Ortega y Gasset (1883-1955) |
| Mit seiner Kritik am "Massenmenschen" entwickelt Ortega wie viele Denker um die
Jahrhundertwende eine zutiefst pessimistische Sicht auf die Gesellschaft. Im starken Anwachsen der Bevölkerung
sieht er die Gefahr eines Konformismus, der die bisher von Eliten vertretenen Ideale der liberalen Gesellschaft
zu negieren drohe. Tendenziell führt für ihn eine Egalisierung unweigerlich zu einem Bürokratismus
und einer Kontrollgewalt, die den Staat erstarren lassen und nur noch der Sicherung der Massenexistenz dienen.
Da sich Gasset ausschliesslich von äusseren, nicht sozialen Erscheinungen, wie von dem Phänomen der
Überfüllung in Kinos und Badeorten, leiten lässt, kann er in einer typischen Verkürzung in
den Menschen- Massen (die nicht wie bei
Canetti detailliert beschrieben werden) die Ursache für
totalitäre Regime wie dem Faschismus sowie Kommunismus sehen. Erst später akzeptiert er auch psychologische
Ursachen, ohne sie jedoch wie
Le Bon als Kollektivseele oder wie Freud als Identifikation mit einem
Hypnotiseur zu erklären. Einen Ausweg aus der gesellschaftlichen "Vermassung" sieht Ortega einzig in einem
elitären Willen sowie einer universellen europäischen Staaten- Gemeinschaft.
Negativ bewertet er ebenso die Entwicklung der Technik, da sie wie bei Heidegger nicht im Hinblick auf eine Bedürfnis- Befriedung angelegt ist und vor der Leere ihrer Möglichkeiten steht. Wenn Ortega den Menschen als ein aus der Natur und Welt herausgefallenes Tier definiert, ergibt sich zwar die Notwendigkeit, mit der Technik eine grundlose Unzufriedenheit (weil der Mensch Dinge haben will, die er niemals gehabt hat) zu überwinden, doch könne dies nicht ohne einen "Lebensentwurf" geschehen. Dieser Einschätzung geht eine Analyse voraus, in der die drei Entwicklungsstufen: eine "Technik des Zufalls", eine "Technik des Handwerkers" und eine "Technik des Technikers" unterschieden werden. In der letzten Phase bestehe die Gefahr, dass die Menschheit sich einem "riesigen orthopädischen Apparates" opfert. In seinem Denken geht Ortega immer wieder von dem Ideal einer vitalen Vernunft (razón vital) aus. Dies bedeutet bei ihm vorallem, dass die Vernunft im Sinne von Kants aufklärerischen Impetus der Bewältigung des Lebens zu dienen habe und nicht --wie bei Theodor Lessing mit einem vermittelten Gegensatz von Geist und Leben-- im Rationalismus oder Relativismus aufgehen darf. Das individuell menschliche Leben stellt für Ortega wie bei dem Spätkantianers Karl Christian Friedrich Krause einen Standpunkt im Dasein der Welt dar, der sich in wiederum verschiedenen Einzelperspektiven verschmelzen kann. Vor jedem induktiven bzw. deduktiven wissenschaftlichen Vorgehen liegt daher die Ebene einer unmittelbaren Erfahrung, mit der alles gegeben ist und auf die sich alles bezieht. Obwohl er von Nietzsches Gedanken der evolutionären Entwicklung und des intensiven Lebens stark beeinflusst ist, versteht er seinen Lebensbegriff nicht biologisch, sondern philosophisch und mehr in einem biographischen Sinne, was er mit dem Beispiel Goethes, seiner Berufung und seinen Versuchen, dieser zu entfliehen, zu verdeutlichen versucht. Ortega hat nach der Promotion in seiner Geburtstadt Madrid Vorlesungen in Leipzig bei Wilhelm Wundt, in Berlin bei Georg Simmel und in Marburg bei Hermann Cohen sowie Natorp besucht. In dieser Zeit liest er Husserls "Ideen" und kommt auch in Kontakt mit den Neukantianern. Nach seiner Rückkehr wird er in Madrid Professor für Metaphysik, publiziert für eine breite Öffentlichkeit kulturkritische Artikel und setzt sich für ein republikanisches Spanien ein. Mit Beginn des Bürgerkrieges geht er als Gegner beider Kriegsparteien ins Exil nach Paris und später nach Lateinamerika, wo er das philosophische Denken nachhaltig beeinflusst. Schon 1948, also noch während der Franco- Diktatur, lehrt er wieder in Madrid. Sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg gehört Ortega zu den meist gelesenen ausländischen Autoren in Deutschland. Seine Theorie des "Massenmenschen", die er 1926 in der Madrider Zeitung "El Sol" vorgestellt hat und erstmals 1930 in dem Buch "La rebelión de las masas" veröffentlichte, wird sogar in politischen Reden, so angeblich von Adenauer, zitiert. |