Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900)
Mit einer Experimentalphilosophie, deren erklärtes Ziel es ist, die Erkenntnis von der Herrschaft der Moral zu befreien, entwickelt Nietzsche eine ästhetische Fundierung des Denkens. Da er bereits in seinem Buch "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" den Willen in deutlicher Abgrenzung zu Schopenhauers Nihilismus auf das Altertum transformiert, kann er mit dem dionysischen Prinzip das Dasein wieder bejahen und zugleich verklären. In seiner Argumentation, die in ihrer Kühnheit weit über die Romantik hinausgeht, wird das Dionysische als der Rausch, die Kraft der Individuation und in ambivalenter Verbindung dazu das Apollinische als das Vollkommene, die massvolle Verbindung zum Urgrund verstanden. Mit dieser Perspektive ist der junge Professor Nietzsche für seine Fachkollegen als Philologe unglaubwürdig geworden. Er selbst war sich seiner Andersartigkeit aber schon längst bewusst und offenbart bald darauf in den enzyklopädisch angelegten "Unzeitgemässen Betrachtungen" ein kritisches Verhältnis zum akademischen Wissenschaftsbetrieb, besonders in der Abrechnung mit David Friedrich Strauss, während er das Wagnersche Musikdrama noch als eine beispielgebende Vereinigung der beiden Kunsttriebe und in Schopenhauer den vorbildlichen Erzieher (oder eigentlich sich selbst) sieht. Doch geschieht dies mit einer deutlich eigenen ästhetischen Auslegung der Welt, um später mit dem Wollen der ewigen Wiederkehr den Nihilismus und das einstige Vorbild rigoros infrage zu stellen.
  Um zu einer radikalen Destruktion zu kommen, muss Nietzsche sich nicht nur von seinen Vorbildern lösen, sondern auch die höchsten Werte der abendländischen Philosophie entlarven. Es handelt sich dabei für ihn um Werte, die sich seit Platon aus fingierten übersinnlichen Ideen ergeben und mit einem sokratischen Geist das Dasein nur begrifflich und kausal erkennen. Seine 1878 erscheinende Schrift "Menschliches, Allzumenschliches" versucht, aus dem absoluten Wahrheitsanspruch erstmals gänzlich auszutreten, um bald in einer "Fröhlichen Wissenschaft" das menschliche Streben nach Sinngebung mit dem Lachen der Komödie und der berühmten Formel, die Gott für tot erklärt, zu kompromittieren (Denn der Wille zum Schein ist grösser als der Wille zum Sein). Mit Zarathustra tritt an Gottes Stelle die Suche nach dem aristokratischen Übermenschen, d.h. die Lehre vom Willen zur Macht und die dionysischen Bejahung der Fatalität alles dessen, was war und sein wird. In diesem Werk, das alles in Gleichnisse verschlüsselt, das Alte und Neue Testament parodiert und sich am Buddhismus sowie an orientalischen Märchen anlehnt, taucht erstmals der Gedanke von der ewigen Wiederkehr auf. Die Überwindung des Menschen, der bisher im "Allzumenschlichen" steckengeblieben ist, strebt Nietzsche mit einem radikalen Immoralismus in "Jenseits von Gut und Böse" und der nachfolgenden Genealogie der Moral an. In diesem Vorspiel einer zukünftigen Philosophie sollen die Bedingungen von Werturteilen unter historischen, psychologischen und sprachphilosophischen Aspekten entlarvt werden. Für Foucault wird die hier kritisierte Wille zur Wahrheit später zu einer Kritik am Willen zur Macht.
  Bei Nietzsche geht es aber, wie in der "Götzendämmerung" unmissverständlich gezeigt, um eine Überwindung (bei Heidegger ist es dann ein "Verwinden") der Metaphysik bzw. der Grammatik des Denkens, wenn die vier grossen Irrtümer: Verwechslung von Ursache und Wirkung, falsche Ursächlichkeit, Irrtum der imaginären Irrtümer und der Irrtum vom freien Willen aufgezählt werden. Der versuchten "Zähmung der Bestie Mensch" wird hier und danach im "Antichrist" der Kampf angesagt, um ein asketische Ideal zu destruieren, das mit der "pöbelhaft" sokratischen Dialektik und später mit der christlichen Moral im Sklavenaufstand aus dem Ressentiment der Schwachen hervorgegangen ist. Mit einer deutlichen Kritik an Schopenhauer lehnt Nietzsche das Mitleid ab, weil mit ihm Macht verhindert und das Leiden vermehrt wird. Das auf solchen Missverständnissen beruhende Christentum, baut für ihn eine reine Fiktionswelt auf, in der die wahre Welt zur Fabel wurde. Deshalb gebe es auch nur einen authentischen Christen: den gekreuzigten Jesus (Während Paulus mit seiner Lehre vom Jüngsten Gericht sich als Widersacher selbst entlarvt).
  Um zu einer Umwertung aller Werte zu kommen, muss Nietzsche zunächst den Nihilismus als einen "pathologischen Zwischenzustand" anstreben. Mit der Theorie von der ewigen Wiederkehr, die formal an die Wiedergeburt im Hinduismus erinnert, kann er dann über die Verneinung hinauskommen. Damit hat der lebende Mensch seine Bedeutung nicht ausser sich, sondern in sich und ist als Übermensch nicht mehr entfremdet. Im Gegensatz zum geschichtlichen Telos wird jeder Augenblick zugleich seine eigene Vergangenheit, also sein Grund und seine eigene Zukunft. Nietzsche geht von der Vorstellung eines endlichen Raumes aus, indem er die Auffassungen der damaligen Physik aufgreift. Mit seiner bewusst unsystematischen, poetisch aphoristischen Art des Denkens wendet er sich gegen den Irrglauben von den reinen Vernunft- Kategorien Einheit, Sein, Zweck, um in erster Linie einer Entwertung des Daseins durch den europäischen Nihilismus entgegenzutreten. Traditionell wird er deshalb als ein aristokratischer Antimodernist gesehen und von den Nationalsozialisten wie auch den Lebensphilosophen Ludwig Klages, Theodor Lessing oder Oswald Spengler später vereinnahmt. In der modernen Rezeption versteht man Nietzsche hingegen als Zweifler und Ironiker, während er für den Poststrukturalismus, vorallem für Derrida als Denker der Differenz entdeckt wird.
  Im sächsischem Röcken wächst Nietzsche in einer frommen protestantischen Familie auf. Nach dem Tod des Vaters, der zuletzt den Beruf des Pfarrers ausübt, zieht die Familie nach Naumburg. Bereits als Zehnjähriger verfasst er erste Gedichte und bekommt als Wunderkind eine Freistelle in der berühmten Landesschule Pforta. Mit 20 Jahren beginnt er Theologie und klassische Philologie in Bonn zu studieren, wo er sich erstmals mit Schopenhauer beschäftigt. Nach den ersten beiden Semestern folgt er seinem Lehrer Friedrich Wilhelm Ritschl nach Leipzig und kann hier als Mitglied im Philologischen Verein seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten vorlegen. Auf Empfehlung von Ritschl wird Nietzsche mit 24 Jahren ohne Promotions- Prüfung an die Universität Basel auf eine ausserordentliche Professur für griechische Sprache und Literatur berufen. Als freiwilliger Krankenpfleger nimmt er am Deutsch- Französischen Krieg teil, kehrt jedoch vorzeitig wegen einer Ruhr und Rachendiphteritis nach Basel zurück. Nach seiner 1872 erscheinenden "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", wendet sich Nietzsche ganz der Philosophie zu, scheitert jedoch mit seinen Bemühungen um einen Lehrstuhl in diesem Fach. In dieser Zeit, in der seine "Unzeitgemässen Betrachtungen" erscheinen, steht er dem 31 Jahre älteren Wagner sehr nah. Mit seiner bald publizierten Schrift "Menschliches Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister" vollzieht er den Bruch mit ihm und gibt aufgrund zunehmenden Kopf- und Augenbeschwerden sein Lehramt endgültig auf. Die folgenden Jahre verbringt er, isoliert von seinen Freunden, abwechselnd in Venedig, Nizza, Sizilien und Sils-Maria (Schweiz). Es entstehen 1882 "Die fröhliche Wissenschaft" und in den folgenden Jahren nach einer gescheiterten Beziehung mit Lou Andreas von Salomé "Also sprach Zarathustra". Als seine zukünftige Residenz entdeckt Nietzsche 1888 Turin und schreibt hier in einem Schaffensrausch "Der Fall Wagner", "Götzendämmerung" (Parodie auf Wagners Götterdämmerung), "Nietzsche contra Wagner", die Dionysos- Dithyramben, den erst 1895 veröffentlichten "Antichrist" sowie das postum 1908 herausgegeben Buch "Ecce homo". Im Januar 1889 lebt er nach einem psychischen Zusammenbruch, in dem er einen Droschkengaul umarmt haben soll, unter der Vormundschaft seiner Mutter in Jena und Naumburg. Seine bankrott aus Paraguay zurückgekehrte Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche gründet 1894 das Nietzsche- Archiv, das sich vorallem auf die Herausgabe des Spätwerks konzentriert. Drei Jahre später zieht Nietzsche nach dem Tod der Mutter mit Elisabeth nach Weimar und stirbt hier wie eine spätere Untersuchung seines Schädels zeigt an einem Hirntumor. Bereits 1901 erscheint eine arg verfälschte Kompilation von nie für die Veröffentlichung bestimmten Manuskripten als "Der Wille zur Macht" und 1906 in einer erweiterten Fassung. Erst Karl Schlechta gelingt es nach dem Zweiten Weltkrieg einen Teil des Nachlasses nach philologischen Gesichtspunkten zu ordnen. Durch Giorgio Colli und Mazzino Montinari wird Anfang der sechziger Jahre dann eine kritische Werkausgabe vorgelegt.