| Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) |
| An Husserls späte Schriften
anknüpfend, interpretiert Merleau-Ponty das menschliche Bewusstsein primär als leiblich verfasst und
bereichert damit die Phänomenologie um eine existentialistisch anthropologische Komponente (die
Husserl eigentlich abgelehnt hat). So wird der Mensch über
den Eigenleib als eine empfindbare Instanz verstanden, wenn er sich in der Welt (im Gegensatz zu
Heideggers "In-Der-Welt-Sein") intersubjektiv engagiert.
In seinem 1942 veröffentlichten Erstlingswerk "Struktur des Verhaltens - La structure des compartement" definiert Merleau-Ponty gegen behavioristische Erklärungen das menschliche Verhalten bereits als eine spontane Selbstorganisation, die --wie in der aufkommenden Gestalttheorie mit der Differenz von Figur und Hintergrund-- unter kontingenten Bedingungen einen offenen, polyvalenten Sinn stiftet. Mit dem Gedanken der Ambiguität kann er damit das Verhältnis von Bewusstsein und einer biologisch, psychologisch sowie sozial verfassten Natur aufrechterhalten. In seiner drei Jahre später publizierten "Phänomenologie der Wahrnehmung - Phénoménologie de la perception" versucht er, dann schon ausführlicher jenseits von Empirismus und cartesianisch -kantischen geprägten Intellektualismus die leibliche Verankerung als Dreh- und Angelpunkt des menschlichen Entwerfens und Wahrnehmens (vorallem von Raum- und Zeitvorstellungen) auszuweisen. Dazu greift er auch auf Krankheitsstudien --so bsp. auf das Problem des Phantomgliedes oder der Aphasie (Störungen des Sprachvermögens)-- zurück, denen weder Psychologen noch Physiologen in dieser Zeit gerecht werden. In seiner Auseinandersetzung mit der Sprache versucht Merleau-Ponty, bald auch den Strukturalismus von Saussure und Levi-Strauss mit der Phänomenologie in ein produktives Verhältnis zu setzen. Er geht (in dem postum unter dem Titel "Prosa der Welt" herausgegebenen Aufsätzen) von inkarnierten Strukur-Konstellationen aus, um das Sprechen als Ausdruck --das als Geste wie die leibliche Geste Sinn zur Existenz bringt-- zu erklären. Die Sprache ist damit nicht mehr blosses Instrument oder ein Mittel, sondern Bekundung sowie Offenbarung eines innersten Seins und das seelische Band, das uns mit der Welt und den Mitmenschen verbindet. In seiner 1953 am Collège de France gehaltenen Antrittsvorlesung "Lob der Philosophie" unterscheidet Merleau-Ponty erstmals zwischen einer guten (produktiven) und einer schlechten (unproduktiven) Ambiguität, die er in dieser Differenzierung auch in seinem 1947 veröffentlichten Buch "Humanismus und Terror - Humanisme et terreur" auf politische Verhältnisse überträgt. Wenn er hier mit einer geschichtsphilosophischen Widerlegung von Koestlers Abrechnung mit den Moskauer Schauprozessen (in dem Roman "Sonnenfinsternis - Darkness at Noon ") dem Kommunismus ausserhalb der liberalen Spielregeln Umwege zubilligt, lässt er sich von der leninschen Maxime leiten, dass Revolutionäre nicht die Wahl zwischen Schuld und Unschuld haben, sondern nur zwischen verschiedenen Formen der Gewalt wählen können. Diese These, die neun Jahre danach in dem Buch "Die Abenteuer der Dialektik" wieder relativiert wird, führt zum endgültigen Bruch mit Camus, der ihm eine Verteidigung des Stalin- Terrors vorwirft. In seinen unvollendet gebliebenen Spätwerk, das postum 1964 unter dem Titel "Das Sichtbare und das Unsichtbare - Le visible et l' Invisble" erscheint, bemüht sich Merleau-Ponty, die Phänomenologie ontologisch als eine "negative Theologie" zu fundieren. Dabei bleibt er zwar weiterhin den Lebensweltanalysen Husserls verpflichtet, stellt aber nicht mehr den subjektnahen Leib als natürliches Medium in den Mittelpunkt, sondern thematisiert mit der Orientierung auf Heidegger nun die Ebene des Fleisches (chair) als "rohes Sein". Bei dieser Radikalisierung --die auch Michel Henry bald anstrebt-- geht es um keine körperliche Substanz, sondern wie bei den Vorsokratikern um einen latenten Stoff, der allem Leben der Welt zugrunde liegt. Während seines Studiums, das er 1930 mit der agrégation de philosophie beendet, befreundet sich Merleau-Ponty mit Sartre und Simon de Beauvoir an. Im Anschluss arbeitet er als Lehrer und beantragt 1933 die erste Unterstützung für das Forschungsvorhaben einer phänomenologischen Betrachtung der Wahrnehmung. Ein Jahr darauf meldet er seine Doktorarbeit mit dem Titel "La nature de la perception" an und besucht 1939 erstmals das Husserl- Archiv in Leiden. Nach einem einjährigen Kriegsdienst als Leutnant arbeitet er bis 1944 als Philosophie- Lehrer und gehört in dieser Zeit wie Sartre der Widerstandsgruppe "Sozialismus und Freiheit" an. 1942 wird seine Arbeit "Struktur des Verhaltens" und drei Jahr später die als Promotionsarbeit vorgelegte "Phänomenologie der Wahrnehmung" veröffentlicht. Nach dem Krieg übernimmt er eine Stelle als Professor an der Universität in Lyon und ab 1949 für drei Jahre einen Lehrauftrag für Kinderpsychologie. In den 50er Jahren publiziert Merleau-Ponty nur noch wenig. Erst 1960 werden einige Aufsätze, die seit 1949 entstanden sind, in dem Sammelband "Signes" vereint. Sein Manuskript "Das Auge und der Geist" wird kurz vor seinem Tod noch herausgegeben, während weitere aus dieser Spätphase entstandenen Arbeiten postum unter dem Titel "Das Sichtbare und das Unsichtbare" erscheinen. |