Herbert Marshall McLuhan (1911-1980)
Da für den Anglisten McLuhan jede neue Technik ein neues Mass im menschlichen Leben und Denken setzt, muss sich auch mit der technologischen Entwicklung die wissenschaftliche Methodik verändern. Mit dem Ende der Gutenberg- Galaxis können insofern lineare Kausalprozesse keine adäquat wissenschaftliche Beschreibung der Wirklichkeit mehr liefern. Stattdessen muss von mehrdimensionalen Konstellationen und Beziehungen zwischen Phänomenen auf verschiedenen Ebenen ausgegangen werden. Den Beweis versucht McLuhan (stark beeinflusst von dem Medienwissenschaftler Harold A. Innis) zu erbringen, indem er 1967 seine schlagkräftige These: "The Medium Is the Massage" nicht mehr als eine konsistente Theorie darstellt, sondern (mit den Graphikern Fiore und Agel) in einem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Experiment exemplarisch demonstriert. Das Buch- Medium soll sich als Buch selbst durch eine collagenartige Anordnung aufheben und als ein Patchwork von Aphorismen, plakativen Aussagen, Zitaten und Bildern vom Leser immer wieder neu ergründet werden.
  Mit dem Medium der "Elektrizität" ist für McLuhan nicht nur ein fester Standpunkt in der wissenschaftlichen Reflexion --ebenso wie die Zentralperspektive in der Malerei-- überholt, sondern generell eine historische Zäsur eingeleitet. Denn der Mensch verlege mit dem elektrischen Netz sein Zentralnervensystem als eine die Sinne koordinierende Instanz nach aussen. Während frühere Körper- Extensionen ("Extensions of Man") als Werkzeuge der Hand, des Fusses und des Auges nur separate Prothesen darstellen, schaffe die elektrische Vernetzung des Globus einen Zusammenhang, mit dem Raum und Zeit überwunden werden. Dies habe zur Folge, dass die Welt wie bei Baudrillard implodiert. An die Stelle von Nationalismus und Individualismus trete das globale Dorf, in dem sich alle Menschen als Künstler gleich nah sind, da jeder über jeden alles wissen und aus Informationen alles erschaffen, d.h. programmieren kann.
  In späteren Publikationen sieht McLuhan in einer solchen Vision aber auch eine Gefahr. Denn die Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten, d.h. einzelner körperlicher Organe durch technologische Erfindungen (von Kittler wird die Vorstellung einer solche Extension wieder abgelehnt) versteht er wie Virilio nun als einen schwerwiegenden Eingriff, als eine Amputation. Wie Narziss durch sein Spiegelbild betäubt war, kann der Mensch zu seiner Technik bald keine Distanz mehr aufbauen und ist ihr damit hilflos ausgeliefert. Seine Apparate bestimmen ihn letztendlich wie seine natürlichen Organe, so dass der Mensch seiner Technologie, die seinen Horizont erweitern soll, hilflos ausgeliefert ist.
  Bevor McLuhan zum berühmten Medien-Forscher aufsteigt, hat er im kanadischen Manitoba bis zum Ph. D. für englische Literatur studiert und fast zwanzig Jahre in diesem Fach an verschiedenen nordamerikanischen Universitäten gelehrt. In seinem ersten, 1951 veröffentlichen Buch "The Mechanical Bride - Die mechanische Braut" setzt er sich mit der Werbung und den Printmedien auseinander. Zwei Jahre später gründet er die Zeitschrift "Explorations", die sich speziell mit den Themen Kommunikation und Neue Medien beschäftigt. Mit dem 1962 herausgegebenen Buch "The Gutenberg Galaxy" und dem zwei Jahre danach folgenden Bestseller "Understanding Media" schafft es McLuhan, die strukturalistische Medientheorie stark zu popularisieren.