Humberto R. Maturana (1928)
Mit dem Begriff der Autopoiese (nach dem griechischen autos und poiein) stellt Maturana die Biologie auf eine systemtheoretische Grundlage. Zusammen mit Varela hat er einen Ansatz entwickelt, der das Leben mit kognitiven Prozessen gleichsetzt und (anstatt von einem Stoffwechsel) von geschlossenen, sich selbstorganisierenden Operationen ausgeht, die immer wieder zu fortgesetzten Systemoperationen führen. Bei Labor- Experimenten an Froschaugen konnte Maturana erkennen, dass Nervensysteme eine geschlossene Organisation gegenüber ihrer Umwelt bilden, d.h. keine Informationen von Aussen empfangen, sondern diese vielmehr selbst als Konfigurationen hervorbringen. Daraus schliesst er, dass alle Zustandsveränderungen oder Lernprozesse allein der Aufrechterhaltung einer eigenen Organisation dienen, ohne dass es zu einem direkten Austausch mit der Umwelt kommt.
  Mit dieser Entdeckung verlagert sich für ihn der Schlüssel zum Verständnis biologischer Phänomene von einem Darwinismus, der eine Selektion als Evolutionsfaktor voraussetzt, zu einer Autonomie- Vorstellung, mit der die Anpassung an die Umwelt quasi selbst erzeugt und im Laufe der Entwicklungsgeschichte durch komplexe Interaktionen zwischen der sich verändernden Umwelt und dem sich verändernden Organismus optimiert wird. Wichtig für das lebende System sei allein die Fähigkeit, aus einem selbstreferentiellen Prozess heraus mit der Umgebung zu interagieren, um eine strukturelle Übereinstimmung zu schaffen. Dies setzt für ihn keine direkte Wahrnehmung der Wirklichkeit mehr voraus, ein im Gehirn und Bewusstsein nur aufgrund äusserer Reize entstandenes Bild reicht für die Orientierung.
  Wie schon Glasersfeld kommt Maturana zu einem Wirklichkeits- Verständnis, bei dem sich jeder Mensch, in Abhängigkeit von der individuellen neuronalen Struktur seine eigene, selbstbezügliche Erlebniswelt (wie auch schon Fichte behauptet hat) schafft. Der Akt der Kognition ist damit gleichzeitig ein geistiger Prozess und ein Ausdruck der molekularen Struktur des Organismus, so dass die seit Descartes behauptete Trennung von Körper und Geist obsolet wird. Jede Handlung, auch das soziale Verhalten, hängt also unmittelbar von der Struktur- Determiniertheit des Individuums ab und beeinflusst jede seiner Weltsichten. Daraus folgt, dass jede Kommunikation nicht mehr als eine Übermittelung von Information, sondern als Verhaltenskoordination zwischen lebenden Organismen durch wechselseitige, strukturelle Koppelung anzusehen ist. Die soziologische Systemtheorie von Luhmann, die direkt auf den Begriff der Autopoiesis aufbaut, wird unter dieser Voraussetzung den einzelnen Menschen dahingehend abstrahieren, dass nur noch von einer Informations- verarbeitung sozialer Systeme auszugehen ist.
  Nach seinem Medizin- Studium an der Universität von Santiago und der Biologie in London promoviert Maturana 1958 an der Harvard University in den USA. Die nächsten vier Jahre arbeitet er an einem Forschungsprojekt zum "blinden Fleck" am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und übernimmt ab 1960 eine Professur in Santiago im Bereich der Gehirnwissenschaft. Hier beschäftigt er sich mit dem Phänomen der visuellen Perzeption, insbesondere der Farbwahrnehmung. Auf Einladung von Heinz von Foerster reist er 1968 nach Urbana und nimmt für zwei Jahre eine Gastprofessur an der University of Illinois wahr. In den 70er Jahren entwickelt er zusammen mit Varela seine Systemtheorie der Kognition, die 1979 in der Publikation "Autopoiesis and Cognition" und 1984 in dem populären Buch "El árbol des conocimiento - Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens" vorgestellt wird. Gegenwärtig leitet Maturana das Institut Matriztica in Santiago.