Karl Marx (1818-1883)
Der Anspruch der menschlichen Emanzipation und die Vorstellung von einem historischen Fortschritt durchziehen als die verbindenden und nie endgültig eingelösten Motive das Denken von Marx. Obwohl er sich in seinen Schriften zunehmend mit Bezug auf die klassische Nationalökonomie von Smith und Ricardo auf eine systematische Darstellung der gesellschaftlichen Produktion und Herrschaft konzentriert, gibt er diese Perspektive nie auf. Der Umschwung von gesellschaftlich bewusstlos hervorgebrachten ökonomischen Bedingungen in ein Dasein, in dem der Mensch sich selbst als Produzent seiner Verhältnisse begreift, bleibt sein grösster Anspruch. Wichtig ist dabei, dass nicht nur die Entfremdung in einer gesellschaftlichen Praxis bewusst wird, sondern dass der Mensch als kollektives Subjekt die ständig reproduzierten und ideologisch legitimierten Widerspruch zwischen einer gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung überwindet.
  Diesen Prozess der Bewusstwerdung hat Marx nur in einigen Entwürfen entwickelt --wie u.a. in seiner Kritik des Gothaer Programms, wo er den Übergang von der kapitalistischen zur kommunistischen Gesellschaft als eine Diktatur des Proletariats umschreibt. In seiner politischen Ökonomie zeigt er zwar mit den neuen Begriffen "Produktivkraft" und "Produktionsverhältnisse" wie sich die gesellschaftliche Produktion der Individuen als die treibende Substanz aller Geschichte erweist, Fragen zum Klassenbewusstsein und zur Organisation einer revolutionären Bewegung werden aber nur unzusammenhängend in politisch- historischen Schriften und politisch-praktischen Stellungnahmen konkretisiert. Ebenso unklar und damit missverständlich für die spätere Rezeption bleibt in seiner Werttheorie die theoretische Fundierung von der eigenen Befreiung als conditio sine qua non. Damit ergibt sich eine Lücke, die später zu so unterschiedlichen Interpretationen im Marxismus wie von Engels über Lenin zu Lukásc Theorie von der Verdinglichung als Form der Entfremdung bis hin zur poststrukturalistischen Ausdifferenzierung von Althusser und Laclau führen.
  Da Marx selbst in seiner Revolutionstheorie einfach davon ausgeht, dass sich mit den Krisen im Kapitalismus das Elend im Proletariat verstärkt und von sich aus eine revolutionäre Bewegung vorantreibt, bleibt der Aspekt einer gesellschaftlichen Umgestaltung unterbelichtet. Insofern ist seine Geschichtsdialektik noch stark dem Hegelschen Denken verhaftet, auch wenn sie versucht, die Geschichte nicht von aussen als einen sich selbst vollbringenden Prozess zu sehen. Ausgehend von der Denkfigur der menschlichen Entfremdung und ihrer Aufhebung als Resultat des Arbeitsprozesses, versucht Marx nicht mehr den Menschen wie Feuerbach als humanistisches Pendant an Gottes Statt, also nur als Selbstbewusstsein zu definieren, sondern als ein tätiges Gattungswesen, als eine allgemeine Vermenschlichung zu begreifen. Doch hat er trotz seiner Kritik an Hegel, an dessen Dialektik wenig geändert (wie auch sein Plan über die Dialektik ein Buch zu schreiben, leider unrealisiert blieb). Seine elfte Feuerbach- These ist damit nur Programm geblieben.
  Marx, der als Sohn einer konvertierten jüdischen Familie in Trier geboren wird, studiert zunächst in Bonn zwei Semester Recht, anschliessend Philosophie und Geschichte in Berlin. Hier trifft er als Mitglied des "Doctorclubs" auf die Linkshegelianer um Bruno Bauer. Ohne Aussicht auf eine akademische Karriere beginnt Marx 1841 nach seiner Dissertation "Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie" als Publizist zu arbeiten und kann für ein Jahr die Stelle als Chefredakteur der liberalen "Rheinischen Zeitung" in Köln übernehmen. Nach der Heirat mit der Jugendfreundin Jenny von Westphalen geht er nach Paris, um dort mit Arnold Ruge die "Deutsch- Französischen Jahrbücher" herauszugeben. Hier entstehen seine ersten philosophischen Arbeiten: "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" und "Zur Judenfrage". Er lernt Proudhon, Bakunin, Heinrich Heine, Moses Hess kennen und befreundet sich mit Engels, der ihn mit den Klassikern der angelsächsischen Nationalökonomie Smith und Ricardo vertraut macht. Als die preussische Regierung seine Ausreise erzwingt, zieht Marx von Paris nach Brüssel, wo er 1848 mit Engels für den "Bund der Kommunisten" das "Kommunistische Manifest" schreibt, das zu dieser Zeit aber ohne Einfluss bleibt. Im selben Jahr wird er aus Belgien ausgewiesen und kehrt nach Köln zurück, um hier die "Neue Rheinische Zeitung" herauszugeben. Bereits nach einem Jahr wird das Blatt von der preussischen Regierung verboten und Marx muss wie viele Emigranten seiner Zeit nach London ausreisen, wo er mit finanziellen Unterstützungen von Engels bis zu seinem Tode lebt. Nach umfangreichen Studien in der Bibliothek des Britischen Museums publiziert er 1859 seine Schrift "Zur Kritik der politischen Ökonomie" und 1867 den ersten Band vom "Kapital". Darüber hinaus veröffentlicht er in dieser Zeit trotz eines Gallen- und Leberleidens zahlreiche Artikel für englische und amerikanische Zeitungen sowie Zeitschriften, die der sozialistischen Bewegung nahe stehen.