Herbert Marcuse (1898-1979)
Wenn Marcuse die Rationalität der Technik in den Mittelpunkt seines kritischen Denkens rückt, entlarvt er immer Formen der Willkür, Kontrolle und die Tendenz zum Totalitarismus. Für ihn wird wie bei Günther Anders und Rudolf Bahro die Technologie in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft zum Selbstzweck, weil sie das Leben der Arbeit unterordne. Das Ergebnis ist für Marcuse nicht bloss Anpassung, sondern eine unmittelbare Identifikation (oder Mimesis) mit der "eindimensionalen" Gesellschaft, die sich solcherart im Menschen selbst reproduziert. Damit drückt sich der herrschende Charakter des kapitalistischen Systems nicht mehr wie bei Marx in den Produktionsverhältnissen, sondern schon im technologischen Apparat und der Wissenschaft selbst aus.
  Wie Adorno und Horkheimer belegt Marcuse, dass die Kulturindustrie die Menschen manipuliert und mit dem Bedürfnis nach Sublimierung das kritische Denken verringert. Das Ersehnte sei immer schon das Erlaubte, also der Konsum aufbereiteter Waren. Der technologische Produktions- und Verteilungsapparat steuert für ihn über die Massenmedien die Bedürfnisse, indem er zugleich diese manipulierten, "falschen Bedürfnisse" immer besser befriedigt und so die Menschen an den Produktionsapparat bindet. Selbst der liberalisierte Umgang mit der Sexualität könne in dieser Hinsicht nicht emanzipatorisch, sondern nur funktionalisiert sein.
  Trotz dieser pessimistischen Sicht sah Marcuse als geistiger Vater der Studentenbewegung in den USA und Europa auch die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Veränderung. Er geht dabei von den negierenden Kräften aus, die ausserhalb des Systems auf dessen Aufhebung hinarbeiten. Aber in erster Linie ist er als Mitbegründer des Institutes für Sozialforschung ein radikaler Kritiker des Kapitalismus und des ihn begleitenden Systems der bürgerlich- repräsentativen Demokratie, die er lediglich als Schein ansieht.
  Seine stärkste philosophische Prägung erhält Marcuse, der als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten in Berlin aufwächst und 1918 in den Soldatenrat gewählt wird, durch Husserl und Heidegger in Freiburg. Hier promoviert er auch mit einer Arbeit über den deutschen Künstlerroman. Als das Frankfurter Institut für Sozialforschung in der Nazizeit umzieht, geht Marcuse ins Exil nach Genf, dann nach Paris. In New York entscheidet er sich 1940 für die amerikanische Staatsbürgerschaft und arbeitet bis 1950 bei der US-Spionageabwehr. Danach übernimmt er Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an verschiedenen Universitäten in den USA. 1955 erscheint seine Schrift "Eros and Civilisation - Triebstruktur und Gesellschaft" und neun Jahre danach sein Hauptwerk "One-Dimensional Man - Der eindimensionale Mensch". Als Kritiker des Vietnamkrieges muss Marcuse seine akademische Arbeit in den USA bald aufgeben und übernimmt 1965 eine Professur in San Diego, ab 1967 eine Honorarprofessur an der FU Berlin. Fünf Jahre später veröffentlicht er hier sein Buch "Konterrevolution und Revolte".