Bernhard de Mandeville (1670-1733)
Wenn Mandeville die Gier nach Gewinn und den lasterhaften Luxus als eine wichtige Grundlage für das Gedeihen einer Gesellschaft ansieht, spricht er sich erstmals öffentlich für eine Überwindung des ethischen Rigorismus aus. Im Gegensatz zu den schottischen Moralphilosophen Shaftesbury, Hutcheson und auch Georg Berkeley versucht er, den Menschen so zu sehen, wie er wirklich ist und nicht wie er mit dem unmittelbar gegebenen Gefühl des "moral sense" sein soll. Der menschliche Egoismus, der schon bei Hobbes das Individuum im Interesse des eigenen Überlebens zum sozialen und sittlichen Handeln disponiert, wird wieder zu einer wichtigen Determinante der gesellschaftlichen Entwicklung.
  In seiner "Bienenfabel" treibt Mandeville diese Überlegungen ironisch auf die Spitze, da er allein die Tugend für das Zusammenbrechen eines Bienenstaates verantwortlich macht. Mit dieser Auffassung widerspricht er dem Glauben an einen sittlichen Fortschritt in seiner Zeit und kann realistisch die sozialen Zustände einer Gesellschaft beschreiben, die ihr Streben nach wirtschaftlichem Wachstum nur mit Tugenden bemäntelt. Es ist für ihn unmöglich, den Komfort des Lebens, den man in einem nach Reichtum strebenden Land antrifft, zu geniessen und gleichzeitig der moralischen Forderung nach Enthaltsamkeit zu genügen.
  Mandeville wächst in einer wohlhabenden Hugenottenfamilie aus Rotterdam auf. Er studiert zunächst Philosophie, dann Medizin in Leiden und promoviert in beiden Fächern. In London praktiziert er als Arzt für Nerven- und Magenkrankheiten. Er publiziert Schriften über die Hypochondrie sowie Hysterie und beginnt, als Schriftsteller zu arbeiten. 1714 veröffentlicht er als Kommentar zu dem von ihm zuvor anonym verbreiteten Lehrgedicht "Der unzufriedene Bienenstock oder Die ehrlich gewordenen Schurken" den erste Band von "The Fable of the Bees or, Private Vices, Publik Benefits - Die Bienenfabel oder private Laster, öffentliche Vorteile", nachdem er bereits Tierfabeln von Aesop und Lafontaine in einer eigenen Interpretation herausgegeben hat. 1720 gibt er seine "Freien Gedanken über die Religion" heraus und 1729 den zweiten Band seiner Bienenfabel. Als er sich nun sogar gegen Armenschulen ausspricht, da seiner Meinung nach ja grosse Teile der Bevölkerung für eine einfache, abstumpfende Arbeit benötigt werden, lösst das Buch einen Skandal aus und wird öffentlich geächtet. Nachhaltig hat sein utilitaristischer Ansatz in der Ethik aber die Aufklärung und auch Marx beeinflusst.