| Niccolò Machiavelli (1462-1527) |
| Indem sich Machiavelli nicht mehr an dem Ideal einer Gesellschaft oder an religösen
Grundsätzen, sondern an der ernüchternden Wirklichkeit orientiert, beginnt er den klassischen Humanismus
neu zu formulieren. Im Gegensatz zu den philosophischen Spekulationen eines
Erasmus von Rotterdam kommt er zu einer Moral- Vorstellung, die
unmissverständlich vom Primat des Machterwerbs- und erhalts ausgeht und die Anwendung von Gewalt und
Täuschungen zu probaten Mitteln erklärt. Ein Fürst darf deshalb, wenn es für den Schutz und
den Erhalt eines Gemeinwesens nötig ist, wie ein Löwe seine Stärke ausleben und wie ein Fuchs gegen
Verpflichtungen der Treue, Menschlichkeit und auch Religion verstossen. In diesem Sinne rechtfertigt der Zweck die
Mittel, selbst die Ermordung politischer Gegner, zu der Machiavelli anhand seiner Analysen aus der Antike und der
Gegenwart ausdrücklich rät. Nicht zuletzt immer mit dem Hinweis, dass moralisch gutes Handeln auch furchtbare
inhumane Folgen haben kann. Von
Max Weber wird dieser Widerspruch mit der Unterscheidung zwischen einer
Gesinnungsethik, die allein dem guten Willen verpflichtet ist, und einer Verantwortungsethik, die sich mehr auf die
Folgen des Handelns bezieht, später entschärft.
Für Machiavelli, der die Geschichte zyklisch als einen Kreislauf von Aufstieg und Verfall ansieht, bleibt die "virtù" als Energie für das politische Handeln ausschlaggebend. Der Tüchtige habe die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen, um sich mit Mut und Entschlossenheit von der "fortuna" unabhängig zu machen. So hofft er auch im letzten Kapitel des "Il principe", dass ein einzelner Fürst --ausgestattet mit einer absoluten und zeitlich beschränkten Befehlsgewalt-- wieder Italien von den politischen Wirren befreien und einen kann. Eine aus monarchischen, aristokratischen und demokratischen Elementen bestehende Staatsform kann hingegen, wie er in seinen "Discorsi" oder in seinem Kommentar über den unbewaffneten Prediger Savonarola, zu belegen versucht, dieses Ziel nicht erreichen. Wegen seines starken Realitätsbezuges bleibt aber seine Orientierung an einer grenzenlosen Handlungsfreiheit zum Zwecke der Staatssouveränität auch nicht unproblematisch. Durch die Machtgier und Eitelkeit eines Herrschers kann sich nämlich diese Implikation, wie Machiavelli bereits selbst erkennt, schnell in ihr Gegenteil verkehren. Da er wie Hobbes von einer pessimistischen Menschenbild ausgeht (aber nicht von einem pessimistischen Welt schlechthin), weiss er, dass die Menschen in der Regel viel eher ihrem eigenen Nutzen als dem allgemeinen Interesse zuliebe handeln. Dennoch glaubt er, dass man mit einer guten Verfassung und einer öffentlichen Erziehung einer solchen Entwicklung entgegensteuern kann. Als Sohn eines Notars bekommt Machiavelli eine fundierte humanistische Ausbildung, um einmal ein politisches Amt zu übernehmen. Doch seine erste wichtige Kandidatur scheitert an einem Gegenbewerber, der ein Anhänger des für die Volksherrschaft eintretenden Predigers Savonarola ist. Erst nach dessen Sturz und seiner Hinrichtung im Jahr 1498 erhält Machiavelli den angestrebten Sekretärs- Posten und wird mit diplomatischen Missionen sowie der Organisation des Heereswesens beauftragt. Auf Reisen durch Europa lernt er vor Ort die politischen Strukturen seiner Zeit kennen. Nach einem erneuten Machtwechsel, der 1512 die Medici durch päpstliche Unterstützung an die Stadtregierung zurückbringt, verliert Machiavelli wieder seine Ämter und wird sogar fälschlicherweise wegen des Verdachts, in eine Verschwörung gegen die Medici verwickelt zu sein, verhaftet und gefoltert. Nach seiner Freilassung zieht er sich auf sein Landgut zurück und verfasst hier u.a. seine Abhandlung "Il principe - Der Fürst". Mit dieser dem päpstlichen Statthalter von Florenz gewidmeten Arbeit versucht er sich erneut, aber erfolglos um ein Amt zu bewerben. Nur von der Universität Florenz wird er beauftragt, eine Geschichte der Stadt zu schreiben, die er 1525 als achtbändige "Istorie fiorentine" vorlegt und die wie der "Der Fürst" erst postum 1532 veröffentlicht wird. Darüber hinaus entstehen in dieser Zeit einige literarische Arbeiten und die politische Dialogschrift "Dell'arte della guerra - Über die Kriegskunst", in der sich Machiavelli erneut dafür ausspricht, die schlecht zu motivierenden Söldnerheere durch eine Bürgerwehr zu ersetzen. Erst 1525 wird er politisch rehabilitiert und erhält den Auftrag, beim Heer der Liga als Diplomat tätig zu werden. Dies jedoch nur bis zum Zusammenbruch der Medici- Herrschaft, die 1527 erneut eine republikanische Regierung ablöst. Von der drei Jahre später erfolgenden Restauration kann er nicht mehr profitieren. Seine Schriften haben in der Folgezeit immer wieder zu unterschiedlichen Positionierungen provoziert. Zu ablehnenden Haltungen kommt es stets (wie in dem "Anti-Machiavelli" von Friedrich dem II.), wenn sein Ansatz primär unter moralischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Weitgehend durchgesetzt hat sich jedoch heute ein Verständnis, das in Machiavelli den Erfinder der Staatsraison sieht. Was aber auch zur Folge hat, dass seine Arbeiten, die in erster Linie praktische Handlungsanweisungen für Politiker sein wollten, überinterpretiert werden. So bsp. bei Althusser, der Bezüge zu einer Hegemonietheorie herstellt, oder bei Foucault, der in Machiavelli schon einen Vertreter der Gouvernementalität sieht. |